Der Hinduismus


  Der Hinduismus im Überblick

1.1. Name:
Der Name Hindus leitet sich vom großen Strom Indus (sindhu = pers. hindu = griech. Indos) ab, der dem Land und seinen Bewohnern den Namen gab. Der Begriff bedeutet nicht eine bestimmte indische Religion, sondern er muß als Name für eine Gruppe von Religionen verstanden werden, die im südasiatischen Raum entstanden sind.

1.2. Entstehungszeit:
Ca. 1800 v. Chr. in Indien

1.3. Zur Entstehung:
Der Hinduismus gilt als eine Erfahrungsreligion und als eine Volksreligion. Er entwickelte sich langsam auf der Grundlage alter Überlieferungen, die in heiligen Schriften gesammelt wurden, zu einem religiös-sozialen System. Der Hinduismus hat eine große Vielfalt und auch Widersprüchlichkeit von Vorstellungen, Bräuchen und Lehren entwickelt. Sein Formen- und Ideenreichtum verbietet es, den Hinduismus als eine "einheitliche" Religion darzustellen.

1.4. Anhänger:
Ca. 700 Mill. Hindus

1.5. Verbreitung:
Indien, Bangla-Desh und Bali-Insel (Indonesien)

1.6. Grundüberzeugungen:

- Der Hinduismus ist geprägt von der Vorstellung eines nicht-personalen Urgrundes der Welt, der hinter allen Erscheinungsformen gesucht werden muß. Obwohl viele Götter verehrt werden, ist der letzte Grund aber ein göttliches Wesen, ein unpersönliches Es, das Brahman.
- Alle Gottheiten und Menschen unterliegen dem ewigen Karma, dem Gesetz der Vergeltung allen Tuns. Für Hindus ist ferner die Idee vom Kreislauf der Wiedergeburten wichtig: Hindus möchten diesem Kreislauf entrinnen und in das göttliche Brahman eingehen.

1.7. Heilige Schriften:
Der Hinduismus kennt ein reiches religiöses Schrifttum.

- Die ältesten Schriften sind die vier Veden, die zwischen 1000 und 500 v. Chr. niedergeschrieben wurden (Veda = "Wissen"). Sie bilden zusammen die Sanhitas (= Sammlungen). Sie enthalten zahlreiche Hymnen an die Götter, Lieder, Opfersprüche und -gesänge.
- Jeder der vier Veden hat einen oder mehrere Brahmanas; sie sind Kommentare, Deutungen und Erweiterungen der ursprünglichen Glaubenslehre. Sie enthalten zahlreiche rituelle Vorschriften.
- Zur jüngsten Textgruppe der Veden gehören die Upanishaden, die ab 800 v. Chr. entstehen. Diese Bezeichnung spricht von einem "Sitzen vor einem Lehrer". Die Upanishaden zeigen den Weg aus dem Kreislauf der Wiedergeburt.
- Bedeutender für das praktische Leben sind heute einige Schriften der Tradition). Am bekanntesten davon ist die Bhagavad-Gita (= Gesang des Erhabenen), ein Teil des großen Epos Mahabharata. Diese um 300 v. Chr. entstandene Lehrschrift zeigt die verschiedenen Heilswege und die Bindung an einen personalen Gott.
 
  Glaube und Leben

2.1. Gottesvorstellungen:
Im Hinduismus gibt es keine einheitliche und verbindliche Gottesvorstellung. Es werden zahlreiche Götter verehrt. Hinter den vielen Gottheiten (bis zu 300 Mill.) steht aber die Einheit des Göttlichen.
Der letzte Urgrund aller Dinge ist nur ein göttliches Wesen, ein unpersönliches Es, das Brahman. Götter, Menschen und Tiere sind Erscheinungsformen des Brahman. Darum kann der Hindu alles als göttlich verehren und zugleich an einen Gott glauben. Die drei Hauptgottheiten sind Brahma, Vishnu und Shiva. Brahma gilt als der Schöpfer der Welt, Vishnu als Erhalter der Welt. Vishnu hat sich in verschiedenen Erscheinungsformen und Wiederverkörperungen in Menschen- oder Tiergestalt in dieser Welt geoffenbart. Shiva wird als Weltzerstörer gesehen bzw. als Schöpfer, Erhalter und Zerstörer. Er wird in sehr gegensätzlichen Formen verehrt.

2.2. Welt und Mensch:
Die Welt ist gekennzeichnet durch einen Zyklus von Werden, Vergehen und Wiederentstehen. Sie ist nicht als eigentlich reale Existenz zu bewerten, sondern als vorläufig (Maya) zu betrachten.
Der Mensch unterliegt dem Gesetz des Karma, d. h. dem Gesetz der Vergeltung allen Tuns. Alles, was jemand tut, ist Folge früherer Taten und hat Auswirkungen und Folgen für das nächste Leben. Eng verbunden mit der Lehre vom Karma ist die Lehre vom Samsara, dem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten ("Seelenwanderung"). Götter, Menschen und Tiere werden wiedergeboren: als besser oder als weniger gut geratene Lebewesen. Der Mensch soll vom Irrtum und Wahn dieser Welt - der Quelle vieler Begierden und Irrtümer - frei werden und Erlösung finden.

2.3. Erlösung, Heil und Jenseits:
Die Vorstellung, immer wieder in diese Welt zurückkehren zu müssen, bedeutet für den Hindu, daß er immer neuem Leid begegnet. Daher wünscht er sich, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Die Erlösung liegt für ihn darin, den ewigen Wiedergeburten zu entrinnen und in das göttliche Brahman einzugehen. Das Ziel des Menschen liegt in der Erlösung (Moksha) und in höchster Konzentration (Samadhi).

Die Bhagavad-Gita nennt drei Wege zum Heil und zur Erlösung:

a) Juana: den Weg des Wissens und der Erkenntnis (durch Meditation, Konzentration und innere Reinigung von Begierden).
b) Karma: den Weg des Handelns und der Taten (durch Opfer, Gebet, Entsagung und Askese).
c) Bhakti: den Weg der Liebe und der liebenden Hingabe


2.4. Das Leben im Hinduismus:
Für den gläubigen Hindu sind heute viele Wege und Ausdrucksformen wichtig, durch die er zur Erlösung gelangen kann: Gebete, Wallfahrten, Fasten, Opfer- und Reinigungsriten.
Das Leben der Hindus hängt wesentlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kaste ab. Offiziell wurde zwar das Kastenwesen in der Verfassung Indiens abgeschafft; trotzdem regelt jede Kaste nach uralter Tradition die Rechte und Pflichten gegenüber der Gesellschaft.
Im allgemeinen gibt es vier Hauptkasten:

1) Brahmanen (religiöse Lehrer, Priester)
2) Ritter, Krieger, Adelige
3) Händler und Bauern
4) Diener, Untergeordnete
darunter: die Kastenlosen (Unberührbare, Parias)
(Die Einteilung der Kastenlosen wird besonders durch die Lehre von der Seelenwanderung aufrecht erhalten.)
Im Laufe der Zeit haben sich so viele Unterkasten gebildet, daß sie kaum noch den vier traditionellen Kasten zugeordnet werden können. Wenn der Hindu den Verpflichtungen seiner Kaste nachkommt, entspricht er dem Dharma, dem ewigen Gesetz.


Neben der Einteilung der Gesellschaft in Kasten gibt es auch eine Einteilung des eigenen Lebens des Hindu in vier Lebensstadien:

1) Schüler bei einem Guru
2) Ehe und Beruf ("Hausvater"; Verantwortung in der Gesellschaft)
3) Zurückgezogenheit im Alter ("Klausner in den Wäldern")
4) Einsiedlerdasein (der "herumwandernde Aszet")


Als vier Werte (Ziele) im Leben des einzelnen gelten:

1) Genuß (Verlangen und Begierde)
2) Wohlfahrt (Ansehen, Erfolg, ...)
3) Erfüllung der religiösen und sozialen Gesetze (Dharma)
4) Erlösung und Befreiung
(Die Reihenfolge bedeutet eine Steigerung: Genuß und Wohlfahrt sind dem Dharma untergeordnet, dieses aber dem höchsten Ziel: der Erlösung.)


2.5. Kult, Feste und Feiern:
- Kultstätten: Tempel, Hausaltäre, Wallfahrtsorte, Heilige Stätten
- Amtsträger: Brahmanen
Der indische Alltag ist sehr von der Religion geprägt. Eine große Bedeutung kommt dabei den heiligen Festen zu, die lebendiger Ausdruck der Verehrung der Götter sind. Dabei spielen Blumen eine große Rolle. Mit Blumen und farbigen Stoffen geschmückte Götterbilder werden in Prozessionen durch die Straßen geführt.
Weil die Götter auch Tiergestalt annehmen, werden auch heilige Tiere verehrt, besonders Kühe, Affen und Schlangen. Aber auch Pflanzen, Berge, Seen und Ströme werden als heilig verehrt. Ein berühmtes Beispiel ist der heilige Fluß Ganges in Benares, in dem zahllose Gläubige auf ihrer Pilgerfahrt rituelle Waschungen vornehmen.

  Hinduismus und Christentum
Die Vielfalt der Formen und Erscheinungsweisen des Hinduismus bereitete Christen lange Zeit große Schwierigkeiten, weil man vielfach von einer Religion "Hinduismus" ausging, und dadurch viele Phänomene nicht erklären konnte, die als einzelne Widersprüchlichkeiten erschienen. Vielfach wurde auch im Kastensystem eine Mißachtung der Menschenrechte gesehen sowie Witwenverbrennung und Kinderheirat abgelehnt. In der Erklärung des II. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (Artikel 1 - 3) wird eine neue Möglichkeit der Wertschätzung des Hinduismus aufgezeigt.
"Bei allen Unterschieden gibt es bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Visnuismus in der Lehre von der Inkarnation Gottes und in der Konzeption des seine Schöpfung liebenden Gottes. Bhakti als Gottesliebe und Dienst an Gott und das starke Element der Mystik im Visnuismus haben bereits mehrfach zu Vergleichen mit christlichen Mystikern geführt ...
Interessant für die Beziehungen zwischen Christentum und Hindu-Religionen ist auch der Inkulturations-Prozeß, den das Christentum in Indien zunehmend vollzieht und der es in mancher Hinsicht bereichern kann." (H. v. Stietencron, in: Lexikon der Religionen, Freiburg (Herder) 1992, S. 296).

(nach Bader,Günther, Skriptum zur Vorlesung)