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Ein tropischer Wirbelsturm vom Wertraum aus gesehen - der dunkle Fleck in der Mitte ist das sogenannte Auge

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Vom Innenleben eines Hurrikans

Tropische Wirbelstürme zeigen eine große Vielfalt an räumlicher Ausdehnung, an Strukturen und Intensitäten. Typischerweise haben sie einen Durchmesser von nur 300 bis 500 km (Tiefdruckgebiete mittlerer Breiten dehnen sich über mehrere tausend Kilometer aus). Bevor es künstliche Satelliten gab, wurden diese relativ kleinen, aber intensiven Wirbel oft so spät entdeckt, daß Evakuierungsmaßnahmen nicht mehr durchgeführt werden konnten.
Im Zentrum des Hurrikans läßt sich aus der Satellitenperspektive das fast wolkenfreie "Auge" mit einem typischen Durchmesser von nur 40 km erkennen, das von einem massiven Wolkenwall umgeben ist, der in Höhen von 15 bis 20 km hinaufreicht. Er markiert das kreisförmige Orkanfeld an der Meeresoberfläche und wird durch heftige Aufwinde von bis zu 20 m/s gebildet. Die damit verbundenen hohen Kondensationsraten - in einem Kubikmeter dieser Wolkenluft sind bis zu 10 g flüssiges Wasser enthalten - führen unter dem Wolkenwall zu sintflutartigem Regen von bis zu 120 mm pro Stunde: In einem Tag bedeutet das bis zu 3000 Liter Wasser pro Quadratmeter!

Das Auge bildet den warmen Kern des Hurrikans: In etwa 10 bis 12 km Höhe ist es im Auge 10 bis 15 °C wärmer als in seiner Umgebung. Diese Erwärmung entsteht durch das Absinken trockener Luft aus dem Bereich der Stratosphäre. In dieser ruhigen abwärts gerichteten Strömung erwärmt sich die Luft um 1 °C pro 100 m Abstieg, und Wolken können hier nicht existieren.

Im Auge wird an der Meeresoberfläche ein Luftdruck von unter 900 hPa gemessen: Im Super-Taifun "Tip" betrug der Kerndruck nur 870 hPa: Das ist Weltrekord! Als Folge dieser Druckverhältnisse weht die Luft in den unteren 2 km der Atmosphäre spiralförmig auf das Wirbelsturmzentrum zu. Bei den hohen Windgeschwindigkeiten im Inneren des Wirbels werden die nach außen wirkenden Zentrifugalkräfte (die auch auf ein Auto in der Kurve wirken) aber so stark, daß die durch die Druckunterschiede beschleunigte Luft das Zentrum gar nicht mehr erreichen kann. Deshalb bildet sich in unmittelbarer Nähe des Zentrums ein ringförmiges Orkanwindfeld: Hier beobachtet man die höchsten Windgeschwindigkeiten in einem Hurrikan. Allgemein läßt sich feststellen, daß die maximale Windgeschwindigkeit um so höher ist, je größer und je kreisförmiger der Kernbereich ist. Die im Wolkenwall rasant aufsteigende
Luft strömt in Höhen oberhalb 10 km seitlich auseinander und bildet einen ausgedehnten Cirruswolkenschirm.

Mit Hilfe von Filmen aus Satellitenbildern kann man erkennen, daß das oberflächennahe spiralförmige Einströmen (auf der Nordhalbkugel) entgegen dem Uhrzeigersinn, das Ausströmen in großen Höhen zunächst auch entgegen dem Uhrzeigersinn, in größerer Entfernung vom Zentrum aber im Uhrzeigersinn erfolgt. Schon in früheren Zeiten wußten Seefahrer ihre Windbeobachtungen im Cirrusniveau für ihre Navigation zu nutzen, um dem nahen Wirbelsturmzentrum auszuweichen. Das Einströmen in tieferen Schichten läßt sich an Wolkenspiralen beobachten, die vom inneren Wolkenwall ausgehen. Sie bestehen aus spiralförmig angeordneten mächtigen Quellwolken, die von unten her in den hohen Cirrusschirm hineinwachsen und Starkniederschläge produzieren.


Die Wolken- und Windverteilung eines Hurrikans ist im allgemeinen nicht symmetrisch. Auf der Vorderseite eines Hurrikans, der sich verlagert, zeigt die Bewölkung im Satellitenbild deutliche Verdichtungen, auch sind die Wolkenspiralen nicht regelmäßig angeordnet. Was den Wind betrifft, so gibt es ebenfalls eine "schwache" und eine "starke" Seite, besonders wenn der Hurrikan rasch zieht. In Zugrichtung rechts vom Wirbelsturmzentrum (auf der Nordhalbkugel) werden nahe der Wasseroberfläche die höchsten Windgeschwindigkeiten beobachtet. Dort überlagern sich nämlich die Zuggeschwindigkeit (die bis zu 50 km/h betragen kann) und die Windgeschwindigkeiten der starken Strömung um das Zentrum.

Aus: KOSMOS Wetterjahr 1999