Rullmann, M. und Schlegel, W.: Frauen denken anders, Frankfurt 2000
Wir müssen dem Titel wohl Glauben schenken. Er suggeriert mit nicht wenig Nachdruck die Andersartigkeit "weiblicher Philosophie", die das Werk durch "einen vergleichenden Blick auf Denkerinnen und Denker" (8) anhand zentraler philosophi-scher Begriffe darzustellen versucht. Da-bei handelt es sich beispielsweise um Göttin, Tod und Geburt, Mensch, Subjekt, Vernunft, Gerechtigkeit usw. Die Auswahl zeigt bereits, dass nicht die Begriffe und mit ihnen die Philosophie neu erfunden wer-den sollen, sondern eine weibliche Perspek-tive die männliche ergänzen soll. Beklagt wird die einseitige Ausrichtung des Den-kens in der von Männern dominierten Philosophie, etwa das Starren auf die Sterblichkeit des Menschen, während die Natalität - ein Begriff, den man in her-kömmlichen philosophischen Lexika ver-geblich suchen wird - völlig außer Acht bleibt. Andere philosophische Themen wie z.B. die Gerechtigkeit erfahren durch die andere Perspektive keine Veränderung, die nicht schon durch männliche Denker ein-gebracht worden wäre.
Als Überblick über Positionen feministischer Philosophie unentbehrlich, m.E. brauchbarer als Rullmanns "andere" Philosophiegeschichte "Philosophinnen".
Stopczyk, A.: Nein danke, ich denke selber, Berlin 1996
Dieser sehr persönlich gehaltene, autobiographische Zugang zur Philosophie ist meines Wissens zu einem Klassiker feministischer Philosophie geworden. Stopczyk erzählt von ihrer Begegnung mit einer von Männern beherrschten Domäne ausgehend von Interviews über Erwartungen an die Philosophie bzw. vorhandenes Wissen über die Arbeit von PhilosophInnen. Diese Interviews wurden in Berlin gemacht und stehen ganz im Zeichen der Wiedervereinigung Deutschlands. Generell spielt die Diskrepanz zwischen der akademischen westlichen Philosophie und der lebensnahen, veränderungswilligen Denkweise im Osten eine zentrale Rolle in diesem Buch. Der zweite Teil ist rein autobiographisch gehalten - "Wie ich zur Philosophie kam": Hier schildert die Autorin ihre Begegnungen mit verschiedensten Denkern, vor allem R. Lay, Hegel, Descartes und Spinoza, Kepler, Kant. Als Leser wird man sich wohl an manchen Stellen wiederfinden, wenn über Erfahrungen während des Studiums geschrieben wird oder über die Versuche, Texte zu verstehen und mit KollegInnen zu diskutieren. Der interessanteste Teil ist der dritte; in ihm diskutiert Stopczyk das, was sie "weibliche Philosophie" nennt, den Beitrag der weiblichen Perspektive für das Denken.
Friedrich W. Korff: Der Philosoph und die Frau, Leipzig 2000
"Endlose Ausgaben, Kindersorgen, Widerspenstigkeit, Eigensinn, Alt- und Garstigwerden nach wenigen Jahren, Betrügen, Hörneraufsetzen, Liebhaber und Hölle und Teufel", das sind die Übel, die die Ehe laut Schopenhauer für den Mann bereit hält. "Heiraten heißt, die Neigungen halbieren und die Pflichten verdoppeln... Ehe heißt, das Mögliche zu tun, um einander zum Ekel zu werden." Friedrich W. Korff sammelt den Unsinn des glücklosen Philosophen Schopenhauer, der ihm als Beleg seiner These gilt, dass Empiristen von der griechischen Antike bis heute kaum oder gar keine Probleme mit den Frauen hatten, Rationalisten aber sehr wohl: "Störungen", "offener Hass", "sublime Gleichgültigkeit" nennt er diese Probleme. Kierkegaards komplizierte Geschichte seiner Entlobung findet in der leicht lesbaren Essaysammlung ebenso ihren Platz wie Kants Furcht vor der Libido und seine Weigerung, mit Frauen zu Mittag zu essen. Die in einem Reclam-Büchl um 145.- Ats (10,53 Euro) gesammelten Texte erschienen mit zwei Ausnahmen zuerst in Zeitungen, vor allem in der Frankfurter Allgemeinen, richten sich also nicht ausdrücklich an ein Fachpublikum, begnügen sich aber auch nicht mit Wiederholungen der allzu bekannten Dummheiten misogyner Berühmtheiten. Das Schreiben über Erotik, so Korff, ist gefährlich wie die Erotik selbst, ein Absturz nicht selten. Nur Anfänger und Experten stürzen ab, der Bewegungsraum für das biedere Mittelmaß, das nichts anderes bewirkt als Langeweile, existiert jedoch nicht: dies vielleicht als Erklärung für die Ausrutscher der Philosophen?
Christoph Fehige u.a. (Hgg.): Der Sinn des Lebens (dtv)
ist eine höchst lesenswerte und auch amüsante Anthologie zu einem für den Philosophieunterricht nicht allzu naheliegenden Thema. Die philosophischen Texte kommen großteils aus der analytischen Ecke, ergänzt durch Camus, James, Anders und Blumenberg. "Wenn die Philosophen darin (in der Menschheitsgeschichte) ein Muster entdecken, das den unendlichen Kreisläufen in der Existenz des Sisyphos gleicht, und darob verzweifeln, dann deshalb, weil es den Sinn und den Witz, den sie suchen, tatsächlich nicht gibt - zum Glück", schreibt R. Taylor als exponiertester Vertreter der These von der Sinnlosigkeit des Lebens, Sylvan und Griffin bringen eine Übersicht der jahrtausendealten Debatte, Einsteins problematischer Text "Wie ich die Welt sehe" findet sich ebenso wie Woody Allens geniale "Ansprache an die Schulabgänger". Die Essays, Anekdoten, Kürzestgeschichten und Gedichte sind von sehr unterschiedlicher Länge: Kafkas Parabel "Gibs auf" füllt nur wenige Zeilen, Monty Pythons Beitrag zum Thema ebenso, Kai Nielsens "Analytische Philosophie und der >Sinn des Lebens<" hingegen und die philosophischen Beiträge von Wiggins und Nozick sind bei weitem umfangreicher. Insgesamt macht es große Freude, dieses Buch zu lesen: Es lädt ein zum Schmökern und Stöbern in ca. 550 Seiten; alles, was das Herz begehrt, wird erfragt: Gibt es einen Sinn ohne Gott?, Kann ein Leben mit dem absehbaren Ende Tod überhaupt einen Sinn haben? Was bedeutet "sinn des lebens" eigentlich? Ist das Leben wert, gelebt zu werden? Auch für Schüler geeignet.
Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? (RUB)
Empfohlen sei auch noch das schmale Bändchen Was bedeutet das alles? von Thomas Nagel, eine "ganz kurze Einführung in die Philosophie", erschienen im Reclam-Verlag. Dieses Werk für Einsteiger bietet anhand von Fragestellungen einen Überblick über philosophische Themen und Lösungswege für Probleme.
J. Gaarder: Vita brevis, München 1999 (dtv)
"Das ist die Welt, Aurel, und sie ist hier und jetzt" (116) schreibt Floria in ihrem 120 Seiten langen Brief an Augustinus. Dieser Satz stimmt für sie, nicht aber für den Bischof, dessen Welt eine jenseitige und den Sinnen und der Sinnlichkeit abgewandte ist. "Das Leben ist kurz, es ist viel zu kurz. Aber vielleicht leben wir hier und jetzt und nur hier und jetzt" (82): vita brevis. Vor seiner endgültigen Bekehrung - oder besser: Kapitulation vor den Ansprüchen seiner Mutter, die ihrem Sohn eine standesgemäße Heirat vermitteln wollte - hatte Augustinus das Leben im Hier und Jetzt genossen, mit Floria und ihrem gemeinsamen Kind - Adeodatus - gelebt. Auf der Suche nach dem Ewigen, Unwandelbaren wendet sich Augustinus von seiner Frau ab und stilisiert sein bisheriges Leben zu einem Leben im Sündenpfuhl, im Reich der Verführung, der Unzucht (110) und des Körpers herab. Von seinen "bösen Wegen" kommt der später heilig Gesprochene durch seine vorbehaltlose Unterwerfung unter die Gebote der "Keuschheit und Enthaltsamkeit" (89) ab.
Floria erzählt die Geschichte ihrer Liebe zu Augustinus und deren Ende analog zum Aufbau der Confessiones in 10 Kapiteln. In ihnen schildert sie Augustinus als sinnlichen und warmherzigen Menschen, der dem Druck der mächtigen Mutter nachgibt und zum verklemmten Sexualneurotiker wird, der nicht anders kann als das zu verdammen, was ihn fasziniert: "Die sichtbare Welt ist das Werk eines bösen Demiurgen" (Flasch, K.: Das philosophische Denken im Mittelalter, 31). Ihr Geliebter, mit dem sie 12 Jahre verbracht hat, ist letztlich nichts anderes als ein kastrierter Mann, der sich um einen wesentlichen Teil des Lebens betrügt: er kann nicht mehr als "ganzer Mensch" (96) leben.
Florias Brief liest sich über weite Strecken - trotz der antikisierenden Sprache und der zahlreichen Zitate aus den Bekenntnissen - wie eine Stimme der Vernunft, die vergeblich gegen die sture Gewissheit Gläubiger und - vor allem - von Männern anschreit: " ... es muss als menschlicher Übermut bezeichnet werden, dieses Leben mit all seinen irdischen Freuden um einer Existenz willen zu verachten, die vielleicht nur eine Abstraktion ist" (97). Ihre Sätze mahnen das ein, was dem Mann, der sich IHM verschrieben hat, abhanden gekommen ist, nämlich dass er immer noch ein Mensch mit Gefühlen und Begehren ist - und dass dieses Fühlen und Begehren, aber auch das Denken und Zweifeln (vgl. 99, 117) nicht das Schlechteste am Menschen sein kann, weil nämlich sonst kaum etwas vom Menschsein übrig bleibt. "Das Einzige, was dich vielleicht befreien könnte, ist meine Umarmung. (...) Du meinst, dass Gott Eunuchen und Verschnittene inniger liebt als die Männer, die auch eine Frau lieben. Aber dann preise Gottes Schöpfung nicht zu laut, denn Gott hat den Mann nicht erschaffen, damit er sich entmannt." (118)
Ein extrem schönes Buch, auch für Schüler zu empfehlen.
Walter Mosley: Socrates in Watts, Zürich 2000
Socrates Fortlow, Vergewaltiger und Doppelmörder, findet sich nach siebenundzwanzig Jahren Gefängnis in Watts, einem Slumviertel von Los Angeles, wieder. Er ist nun 58 Jahre alt, schleppt seinen massigen Körper immer noch wie eine Waffe durch die Stadtschaft und versucht in der freien Welt Tritt zu fassen. Zeit zum Nachdenken hatte er während seines Lebens genug, jetzt geht's ans Handeln. In dialogreichen Erzählungen, mit Slang durchsetzt, schildert Mosley einen Mann, der eher durch seine Fragen auffällt als durch seine Antworten, der seine Idee vom Guten verfolgt und unbeirrbar ihre Spur in der Peripherie der Großstadt hinterlässt: Er gewinnt Freunde, erkämpft sich einen Job, kümmert sich um einen kriminellen Jugend-lichen.
Der Schwarze Socrates stammt aus ärmsten Verhältnissen, aus einer desolaten Familie. Seine Mutter gibt ihm den Namen "von jemand Schlauem" - vielleicht färbt das ab. Nach einem halben Leben in der Gewalt orientiert sich der alternde Socco nun an der Sprache; sie wird sein Vehikel der Resozialisierung. Sein Kampf um ein Leben in Würde und jenseits von Verrohung und Gewalt lassen ihn als Bruder von Döblins Franz Biberkopf erscheinen, in die USA der späten Neunziger versetzt. Die Moral wird trotz der Zurückhaltung des Autors - "Lieblingsautor" Bill Clintons, der sich mit dieser Leidenschaft die Stimmen der liberalen schwarzen und jüdischen Intellektuellen sichern wollte - klar deutlich, man muss sie natürlich nicht teilen: Sie erscheint nicht nur einmal sehr affirmativ.
Die lose verbundenen Erzählungen haben als philosophische Lektüre einen entscheidenden Vorteil gegenüber vergleichbaren Einstiegsdrogen: Sie haben einen Sitz im Leben, sind in real existierendem Milieu angesiedelt und zudem leicht zu lesen. Rassismus, Kapitalismus, Arbeitslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Beziehungen usw. werden angesprochen, ohne direkt genannt zu werden. Philosophische Themen werden, wenn schon nicht erörtert, so doch angerissen, erfreulicher Weise nicht in einem fiktionalen Raum (Gaarder), ohne den lehrerhaften Unterton (Reese-Schäfer), nicht im antiken Griechenland.
Fazit: Einstiegs"droge" für Schüler
José Carlos Somoza: Das Rätsel des Philosophen
Drei Schüler aus Platons Akademie werden bestialisch ermordet, nicht gleichzeitig, sondern der Reihe nach. Ein Detektiv kann die Morde an den Söhnen aus besten Häusern aufklären - ein in jeder Hinsicht passender Begriff - und liefert damit einen Beweis für die triumphierende analytische, aufklärerische Vernunft. Oder ist das zuviel gesagt? Er liefert vielleicht eher den Beweis dafür, dass die Vernunft tragischer Weise ihre eigene Überwindung und Auslöschung kommentierend betrachten, bedenken kann. Oder geht es in diesem Roman um etwas gänzlich Anderes?
Dieses Buch bereitet unbestritten Vergnügen: Immerhin erzählt es einen Krimi, der in seiner bildhaften Grausigkeit selbst hartgesottenen Thrillerfans etwas zu bieten hat. Ein Ermittlerduo wie Sherlock Holmes und Watson, wie Miami und Vice oder wie William von Baskerville und Adson von Melk und so weiter kämpft sich durchs antike Athen. Der empiristisch orientierte Detektiv - in antikisierender Sprache Rätsellöser genannt, nicht zufällig erinnert der Name Herakles Pontor an den ebenfalls dickleibigen Hercule Poirot - und ein doofer Rationalist, Platoniker, sein tumber Begleiter, disputieren sich durch eine Kulisse, die dem Bildungsbürgertum schmeichelt. Der Glaube an die apollinische Leuchtkraft der Vernunft eint sie im Kampf gegen eine dionysisch dumpfe Lebensphilosophie, eine häretische religiöse Praxis. Aus der Untiefe der Vergangenheit werden Aussagen über eine als unwahrscheinlich hingestellte Zukunft gemacht, die durchaus komisch sind: Eine Religion wird prophezeit, die einen Leichnam anbetet, eine Kultur der Irrationalität dämmert in den faden Diskursen um die Existenz der Ideen herauf. Derartig viele Lesarten - das kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Nicht zufällig schreien die ersten Rezensenten nach einer Reinkarnation des Namens der Rose. Doch in den von Somoza nachträglich eingefügten Fußnoten des Romans, einem metaliterarischen Krimi, vermischen sich die Realitätsebenen, indem zwischen den Autor und die Leser noch zwei Übersetzer geschaltet werden sowie direkte Reden zwischen diesem fiktiven Personal, alles nur, um - wie sich aufmerksamen Exegeten von der ersten Zeile des Romans an erschließt - eine Bestätigung für Platons Ideenlehre zu liefern. Dass der Leser zum Protagonisten mutiert und die Frage der Autorenschaft immer schwieriger zu beantworten wird, je mehr man ins Buchinnere vordringt - das kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Aus dem Umberto Eco - Epigon wird zusehends ein Revival des Bastian Balthasar Bux, eine unendliche Geschichte halt. Diese neuerliche Assoziation, diese nochmal gedoppelte Doppelbödigkeit kann einem schon aufs Gemüt schlagen, sodass beispielsweise in Literaturkritik.de (26.11.2002) die Meinung zu lesen war, "Das Rätsel des Philosophen" komme "etüdenhaft postmodern" daher.
Zweifellos ein Genuss: Wie der Platoniker, als Romanfigur angetreten, um die Reinheit der Akademie zu retten, assistiert vom Autor und dessen Romankonstruktion, dem Gespött preisgegeben wird - vorschnell, wie sich am Ende zeigt; auch dieser Triumph kann als humorige Quintessenz gesehen werden. "Zwar weiß ich nicht genau, was Zeit vergeuden bedeutet, aber die politische Diskussion mit einem Philosophen ist das, was dem am nächsten kommt." (S. 85) Mit diesem Buch jedenfalls ist die Zeit keineswegs vergeudet.
Francesca Rigotti: Philosophie in der Küche. Kleine Kritik der kulinarischen Vernunft, Verlag C.H. Beck, München 2002
Wer wissen möchte, was Philosophen gerne aßen oder eben nicht, der/die wird in diesem schmalen Bändchen mit einer Vielzahl von Zitaten belohnt, in denen über die philosophische Diät, den Appetit, Rezepte, über Gefräßigkeit und Geschwätzigkeit usw. räsonniert wird. Das Buch verfolgt nicht die Absicht, irgendeine Frage zu beantworten, sondern es will eine lose Zusammenstellung "kulinarisch-philosophischer Stellen" (12) bieten. Insgesamt eine kurzweilige, appetitliche Form des Zeitvertreibs, hausbacken, unter dem Motto "Von der sozialistischen zur kulinarischen Internationalen" (Koch: Megaphilosophie, 39).
Joachim Koch: Megaphilosophie. Das Freiheitsversprechen der Ökonomie. Verlag Gerhard Steidl, Göttingen 2002
(Rezensionen in Auszügen)
"Obwohl Joachim Koch das Kultbuch der Globalisierungskritik No Logo nie gelesen hat, liefert er das philosophische Gegenstück zu Naomi Kleins Bestseller. Während Klein die Gängelung der Verbraucher durch die Konzerne schildert, beschreibt Koch, wie die «Megaphilosophie des Ökonomischen» ein neues Wertesystem schafft, dessen Logik Waren und Märkte sind." - Der Standard 12.7.02
"Weder-Noch ist ein glänzend geschriebenes buch, welches ich aufs schärfste empfehlen möchte. es bietet neben ironisch ausgefeilten rückblicken auf die geschichte der philosophie eine brilliante analyse des zustandes des globalisierten kapitalismus." - Rudolf Homann / Büchergilde-Forum
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"Kochbuch-Zettelkasten":
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"Er fragt nach dem Sinn von Philosophie heute und kommt in vielen Bereichen zu Schlüssen, wie wir es von den rationalismuskritischen Postmodernen gewohnt sind. Er erzählt dazwischen aber eine ganze Sozial-, Wirtschafts- und Geistesgeschichte der Moderne und will aufzeigen, wo das Ökonomische inzwischen überall eingedrungen ist." - Georg Batz: Aufklärung und Kritik 2/2001
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"Bei Kochs Untersuchung herausgekommen ist nicht weniger als eine Philosophie- und Geistesgeschichte des europäischen Menschen. Anders als Autoren wie Richard Sennett, Naomi Klein, Viviane Forrester, Michel Chossudovsky und anderen Globalisierungskritikern, welche die Auswirkungen der neuen Ökonomie darstellen, geht Joachim Koch der spannenden Frage nach, weshalb sich die Ökonomie so schnell verselbständigt hat, daß es zweifelhaft erscheint, sie jemals wieder bremsen zu können. (…)
Dieses Buch von Joachim Koch hat das Zeug dazu, ein Standardwerk der Ökonomiekritik zu werden." - Michael Kreisel
http://www.inkultura-online.de/koch.htm
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"Megaphilosophien nennt Koch die großen weltanschaulichen Epochen wie das Christentum, das Zeitalter der bürgerlichen Vernunft seit der Aufklärung oder auch das, geschichtlich gesehen kurze, Intermezzo der kommunistischen Staaten. Die beunruhigende Kernthese des Buches lautet, in den späten 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts hätten sich ähnlich epochale Veränderungen vollzogen: Die Ökonomie sei zur vorherrschenden Definitionsmacht, zu einer Leben, Denken und Fühlen bestimmenden Philosophie geworden. Beunruhigend ist, neben der Behauptung selbst, die Tatsache, daß die welthistorische Bedeutung dieser Jahre denen, die sie erlebt haben, eigentlich nicht aufgefallen ist. Kann es sein, daß sich um das Jahr 1978 herum, quasi hinter unserem Rücken und unbemerkt, ähnlich Wirkungsmächtiges kristallisierte wie um 1789 herum zur Zeit der Französischen Revolution? Sind wir nach dem Zeitalter der Religion und der aufgeklärten Vernunft in ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Ökonomie eingetreten? Koch meint: ja, und er breitet eine Fülle an Material aus, das den Epochenwechsel verdeutlichen soll: Es geht um die Herausbildung einer neuen "zweiten Wirklichkeit" in den Medien, in der Welt der Marken und des Marketings; es geht um den schleichenden Ersatz substantieller Politik durch ein Marktgeschehen privatisierter Interessen; es geht um den Machtverlust der Nationalstaaten und die erstarkende Definitionsmacht globalisierter Unternehmen; es geht um die subtile Verschiebung vom Gewaltmonopol der Staaten zum Reichtumsmonopol der Besitzenden; es geht um die Herausbildung eines neuen, isolierten Individuums, das sich Erfolg und Mißerfolg nach der Logik des Marktes selbstverständlich selbst zuschreibt; es geht um die Abschaffung erfüllender Arbeit und um den Wechsel von sozialer zu einer freien Marktwirtschaft des puren Geschäfts; es geht schließlich um das Ende substantieller Kunst, deren Öffentlichkeit nur noch ein Marktgeschehen ist und deren Substanzen in der Werbung vermarktet werden.
Koch sieht das alles zusammen als eine neue Gestalt, als eine neue "Megaphilosophie des Ökonomischen", die mit ihrer Logik der Waren, des Marktes und des markenschaffenden Marketings alles neu besetzt und ersetzt, was früher einmal Politik, Ethik, Leben oder Freiheit hieß. Nach dieser Revolution ist alles anders: Aus Individuen werden Marktteilnehmer und Konsumenten; was früher Sinnproblem hieß, wird zur identitätsstiftenden Marken-Wahl; aus Gemeinschaften werden Zielgruppen; aus dem, was früher Politik hieß, wird Unternehmensstrategie und -philosophie.
Kochs Bild der neuen Welt ist pointiert und vielleicht überdeutlich und überscharf. Aber das Buch gehört ohne Zweifel zur Lust- und Pflichtlektüre eines jeden, der sich mit den geistigen Grundlagen der Umwälzungen der letzten Jahrzehnte beschäftigt. Der ökonomische Sieg des Westens gegenüber dem Osten, die Beschleunigung des Kapitalismus und die Globalisierung der Märkte erscheinen nach der Lektüre in einem neuen, grellen Licht: als Pervertierungen eines Freiheitsbegriffs, die Freiheit als Glück durch eine Freiheit des Marktes und die Gaukelbilder vermeintlich sinnstiftender Marken und virtueller Welten zu ersetzen trachten." - Rudolf Gaßenhuber
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"Ist die Ökonomie die neue Philosophie, oder noch besser gefragt; ist die traditionelle Philosophie am Ende, weil sie sich durch den Markt hat korrumpieren lassen? Ist sie selber zur Ware geworden? Diese Frage untersucht Joachim Koch in seinem Buch Weder - Noch (alter Titel - Anm. R.L.). Bei dieser Untersuchung herausgekommen ist nicht weniger als eine Philosophie- und Geistesgeschichte des europäischen Menschen. Anders als Autoren wie Richard Sennett, Naomi Klein, Viviane Forrester, Michel Chossudovsky und anderen Globalisierungskritikern, welche die Auswirkungen der neuen Ökonomie darstellen, geht Joachim Koch der spannenden Frage nach, weshalb sich die Ökonomie so schnell verselbständigt hat, daß es zweifelhaft erscheint, sie jemals wieder bremsen zu können.
Um diese Frage beantworten zu können schlägt Koch eine große Brücke, ausgehend von der griechischen Philosophie über die Aufklärung, bis hin zum Versagen aller politischen und philosophischen Theorien im 20. Jahrhundert. Wollte die Philosophie seit ihrem Beginn die Vernunft des Menschen in den Vordergrund stellen, so müssen wir nach über zweitausend Jahren Philosophiegeschichte feststellen, daß die Auswirkungen dieser Vernunft die Welt mehrmals hintereinander nahe an den Abgrund geführt haben.
Ausgehend von der Aufklärung, die das Primat der Vernunft über das Gefühl, das nachmalige Romantische, postulierte, über Hegel, der den Weltgeist als sich schon verkörpernd im preussischen Gelehrten sah, bis zu Marx, für den das menschliche Wesen ausschließlich ein durch die Ökonomie bestimmtes Subjekt war, mussten alle Philosophien und die daraus resultierenden politischen Systeme ihren Bankrott erklären. Die Vernunft hatte fortan nichts mehr in der Philosophie zu suchen.
Alle, wie Koch es nennt, Megaphilosophien mussten scheitern, weil sie das Wesen des Menschen nicht real betrachtet haben. Das Primat der Vernunft wurde immer wieder dazu mißbraucht, sich selbst mit Hilfe von Intoleranz und Diktatur durchzusetzen. Das wurde auch von den Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts so gesehen und fortan hatte die Philosophie keine ernsthaften Chancen mehr. An ihre Stelle trat jedoch eine neue Megaphilosophie. Unbemerkt und wieder unter dem Mantel der Vernunft, die doch jetzt keine Vernunft der Philosophie in Form eines Systems mehr war und auch keine Vernunft der Politik für Massen sein wollte, sondern für sie stand der Einzelne, der Einsame, von allen Bezügen ethischer, sozialer und geschichtlicher Art verlassene und enttäuschte Mensch im Mittelpunkt.
Der Konsument als Egozentriker steht von nun an im Mittelpunkt. Das einfache, aber wirkungsvolle Credo lautet: "Ich konsumiere, also bin ich". Solange die finanziellen Mittel es erlauben steht jeder im Mittelpunkt. Alter und Geschlecht, Hautfarbe und politische Einstellung, Religion und ethisches Bewußtsein, all das ist egal. Wer die Mittel nicht mehr hat, ist draußen. Dort soll er leise jammern, aber bitte schön, die anderen nicht stören.
Koch zeigt deutlich, das hinter diesem Freiheitsversprechen der Ökonomie ein zügelloser Kapitalismus steckt, dem es nur daran gelegen sein kann, die letzen Reste von philosophischem und politischem Bewußtsein zu eliminieren. Genau hier trifft er auf willige Unterstützung seitens deren, die er zu gern in seine Fänge bekommen möchte. Die Vernunft als kollektive Erscheinung in Form eines politischen Systems ist durch die Katastrophen der 20. Jahrhunderts blamiert. Das Einzelwesen feierte von nun an seine persönlichen Triumphe.
Erlaubt ist, was gefällt und was die Kassen klingeln läßt. Argumente gegen die neue Megaphilosophie werden von der Ökonomie geschickt aufgegriffen und von ihr verarbeitet. Kritik ist scheinbar erlaubt und offiziell willkommen. Wenn sie jedoch durch die ökonomische Begriffs-Maschinerie gelaufen ist, dann bleibt nicht mehr viel von ihr übrig. Es ist, so Koch, ein Merkmal der neuen Ökonomie, das sie anscheinend auf die nicht materiellen Bedürfnisse der Konsumenten eingeht und dazu in der Lage ist, Kritik zu dulden. Da jedoch alles und jedes beliebig geworden ist, ist auch die Kritik davon betroffen. Bestenfalls wird sie zur Kenntnis genommen und wenn sie dem Geschäft nützlich ist, dann wird sie bearbeitet, verarbeitet und zum Konsum angeboten. Ist sie schlecht für das Geschäft wird sie nicht verboten, sondern viel schlimmer, sie wird ignoriert.
Joachim Koch hat ein Buch über das Versagen von Politik und Philosophie geschrieben. Es ist gleichzeitig ein Buch über unser eigenes Versagen. Wir sind die Konsumenten, die auf die Versprechen der Ökonomie hereinfallen. Wir sind zu bequem und zu faul, vielleicht auch zu dumm geworden, um uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Man kann nicht auf die politischen und sozialen Verhältnisse schimpfen und gleichzeitig auf die Börsenwerte seiner Aktien schauen. Wir alle sind gefangen in einem Beziehungsgeflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten. Die Ökonomie braucht Menschen wie uns. Zeigen wir ihr, daß sich die Vernunft noch nicht aufgegeben hat. Dieses Buch von Joachim Koch hat das Zeug dazu, ein Standardwerk der Ökonomiekritik zu werden."
www.inkultura-online.de/koch.htm