Nach der Cime de la Bonette der
zweithöchste Punkt meiner Tour

"Und einmal mehr weiß ich, dass mich nicht das Ziel lockt, sondern der Weg, die Veränderung, die unvorhersehbaren Momente und das ein wenig Ungewisse. Und auch das Finden eines Weges, einer Lösung."

Das Gefühl kennst du ja, wenn dich eine Idee nicht loslässt, sich immer wieder bei dir meldet und du dir denkst: "Irgendwann tu' ich es!"
Mit dem Rennrad entlang dem Alpenbogen nach Süden bis Nizza, die so genannte "Route des Grandes Alpes", das war so eine Idee, die immer wieder in meinem Kopf auftauchte...
Die "Route des Grandes Alpes" mit dem Rennrad, ohne Begleitfahrzeug, ohne vorreservierten Nächtigungsmöglichkeiten. Ein bisschen Abenteuer also.
Rückblick:
Mit der "Route des Grandes Alpes", der Straßen über die berühmtesten und auch höchsten Pässe der Alpen habe ich schon relativ früh Bekanntschaft gemacht. Als 16-Jähriger (1970) bin ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in der Schweiz und in Frankreich auf einige Viertausender gestiegen. Unter ihnen war auch der Mont Blanc. Und um nach Chamonix, den Talort für die Normalroute auf das "Dach Europas" zu gelangen, mussten wir mit dem Auto durch die Schweiz und von Martigny im Rhone-Tal aus über den Col de la Forclaz fahren. Am Weg durch die Schweiz waren noch der Oberalp-Pass und der Furka-Pass zu überwinden.
Ja, und seit damals hat mich der Reiz dieser Straßen nicht mehr losgelassen. So wirst du verstehen, dass ich - zwischen 1980 und 1985 - mit dem Motorrad mehrmals diesen Teil der Alpen bereiste.
Später dann, zwischen 1996 und 2000 kam ich mit meinen Freunden mit dem Mountainbike hierher zurück und dabei führte uns unser Weg nach Süden, unser Ziel war das Mittelmeer, auch über die Pässe "Izoard" und "Iseran", die ja einen Teil der "Route des Grandes Alpes" ausmachen.
Eigentlich endet der Alpenbogen in Nizza und mit ihm die "Route des Grandes Alpes". Wieso ich dann der Küste entlang, über Monaco nach Ventimiglia und von dort noch weiter nach Norden bis Cuneo geradelt bin, wirst du dich fragen. Nun ich wollte unbedingt die Südrampe des Colle di Tenda befahren. Von seiner Passhöhe aus startet die Mountainbike-Route entlang der französischen Grenzkammstraße, die ich schon zweimal befahren habe. Dabei hat mich der über unzählige enge Kehren führende Straßenverlauf der Südrampe von oben gesehen so fasziniert, dass ich ... naja, siehe oben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Tag:

Route: Disentis/Muster - Oberalp-Pass (2044m) - Andermatt -
Furka-Pass (2436m) - Brig - Visp - Sierre - Grone

Daten: Sattelzeit= 8h 25min;    km= 171;    hm= 2260

1. Etappe in Google-Maps hier...

Die Fotos  der gesamten Tour liegen hier in meinem Picasa Album!

Du kannst dir ja vorstellen, dass die Anreise von Oberösterreich bis in
die Schweiz, nach Disentis/Muster mit dem Zug ein wenig langwierig ist
aber der Teil der Bahnreise in der Schweiz, besonders der Abschnitt
westlich von Chur (Glazier-Express) überaus reizvoll durch die Schlucht
des Vorderrhein führt.
Also los geht's (07.50 Uhr). Ich schnalle mein Päckchen auf den Gepäckträger (...schaut ein bisschen uncool aus, mein Scott Adict mit einem Gepäckträger, naja...), nimm meinen kleinen Rucksack und lass es gemächlich anrollen. Bis Tschamut geht es nur wenig bergauf und dann sind die letzten 600hm auch kein Rätsel mehr. Am Pass (08.55 Uhr) ist es kalt und es weht recht kräftiger Wind. Also ziehe ich alles an was ich habe und rolle hinunter nach Andermatt. Von den letzten Kehren aus schaut der Ort aus, wie in Minimundus.
Ja und am Weg nach Realp kommt mir doch wirklich eine Kutsche entgegen, die fast genauso aussieht wie die "Gotthardpost" von Rudolf Koller.
Von 1400 auf 2400. Die Ostrampe des Furka von Realp aus lässt mich immer wieder bis zum Oberalp zurücksehen. Tief unten im Tal der Furkareuss keucht mit unglaublicher Qualmentwicklung eine historische Dampflock des Glazier-Express mit drei leuchtend roten Waggons. Hier heroben auf der Passstraße keuche ich.
Gleich nach der Passhöhe (11.50 Uhr) dann, in der Kehre, in der das berühmte Hotel "Belvedere" unmittelbar neben dem Rhonegletscher, dem Ursprung der Rhone steht, schießen mir wie wild die Erinnerungen durch den Kopf. Wie oft war ich hier schon, habe auf das graugrüne Eis gestarrt und hinunter nach Gletsch auf die beiden uralten riesigen Hotels. Der blassgrüne B-Kadett meines Vaters, mein Bruder und ich im Fond des kleinen Autos, mit großen Augen und mit Vorfreude auf den Mont Blanc, mein silbergrauer Mercedes-Kombi und Gaby, die Frau die mich über 20 Jahre meines Lebens begleitet hat, meine "vulkanrote" 1000er-BMW (R100RT Bj 1882) mit der ich mit meinem Bruder, der heute schwerkrank kaum mehr gehen kann, hier durchgefahren bin...
Gletsch: Unzählige Motorradfahrer und einige Radfahrer machen im Schatten der roten Sonnenschirme Mittag. Massenbetrieb. Ich gehöre auch dazu und genieße die Pause in der Mittagssonne. Endlich wieder warm.
Gleich nach Gletsch fällt die Straße steil ins Tal ab. Es geht entlang der Rhone-Fälle vorbei an Urichen mit seinen Holzhäusern. Sauber, abgeleckt, proper. Schweiz eben.
Das Tal der Rhone, die hier Rotten heißt "wehrt" sich ein bisschen, aber schließlich kann ich mir dann doch am Stadtplatz von Brig ein Bier kaufen.
Die Weiterfahrt auf der Hauptstraße ist unmöglich. Zuviel Verkehr und vierspurig. Mehr muss ich nicht sagen. Bis ich den Radweg gefunden habe dauert es etwas aber die Suche danach ist jedenfalls lohnend. Der Rotten entlang ohne Autos und auch recht gut beschildert.
Von Brig bis zum Etappenziel in Grone sind es noch 50km. Ein wenig ziehen sich die letzten leichten Steigungen der 171km-Etappe (18.50 Uhr).


Nur 4 Grad am Oberalp-Pass

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Tag:

Route: Grone - Sion - Martigny - Sembrancher - Bourg Saint Pierre -
Großer St. Bernhard Pass (2469m) - Aosta - Saint Pierre - Arvier

Daten: Sattelzeit= 7h 15min;    km= 134;    hm= 2280

2. Etappe in Google-Maps hier...

Die Fotos  der gesamten Tour liegen hier in meinem Picasa Album!

Also hatte er doch recht, der Schweizer am Oberalp-Pass, als er mir in
breitestmöglichem Schweizerdeutsch mit Augenzwinkern mitteilte: "Morga
isch schlaacht!"
Ja, es regnet. Und wie. Es ist halb sieben und ich beginne in Gedanken
bereits meine Abfahrt zu verschieben. Immer wieder, in kurzen Abständen schaue ich zum Fenster hinaus, in der kindischen Hoffnung, dass der Regen nun schon aufgehört hat. Ich unterdrücke den "Zurück unter die Decke-Reflex", gehe zum Frühstück, lasse mir vom freundlichen Hausherrn am PC die Bilder des Regenradars zeigen. Schrecklich.
Ich fahre los und siehe da, der Regen macht eine kurze Pause. Betonung auf kurz. Ich will dich ja jetzt wirklich nicht langweilen, aber recht viele Regenpausen gibt es heute nicht. Nicht ganz 40km habe ich bis Martigny und ich bin nass von innen unter der Regenjacke und von außen sowieso.
Allmählich beginnt die Steigung und zum Regen kommt der dichte Auto- und LKW-Vekehr auf dieser wichtigen Nord-Süd Route. Jetzt wird es auch noch immer kälter und ich muss in Bourg Saint Pierre in ein Restaurant zum Aufwärmen. Es ist Mittagszeit. Die Pizza kostet mehr als doppelt soviel wie in Österreich. Unglaublich.
Soll ich weiterfahren? Hier bin ich auf 1600m und wenn es hier schon so kalt ist dann schneit es am Pass vielleicht? Ich raffe mich auf und fahre weiter. Gott sei Dank, hier ist das Tunnelportal. Endlich sind die Autos weg. Die wenigen Verrückten die im dichten Nebel mit dem Auto über den St. Bernhard fahren stören mich nicht.
Ich sehe nur 50m weit und nur der Höhenmesser hilft mir, meine Kraft bis zur Passhöhe einzuteilen. Und dennoch taucht das imposante Gebäude des Hospiz überaschend auf. Ich habe die Passhöhe des Großen St. Bernhard erreicht.
Sofort flüchte ich in das kleine, an das Hospiz angeschlossene Gasthaus. Eine ebenfalls durchnässte Jugendgruppe teilt sich mit mir den Tisch. Neugierig beobachten sie mich, wie ich mich aus meinen nassen Sachen winde. Ich bestelle mir Kaffee und Rotwein. Inzwischen schneit es in großen nassen Flocken und ich wage es kaum, daran zu denken, wie ich von hier hinunter nach Aosta kommen soll. Auf den Autos liegt inzwischen eine dünne Schneeschicht und drüben, auf der anderen Straßenseite lockt am Eingang des Hospiz eine Tafel mit für die Gegend extrem niedrigen Zimmerpreisen. Soll ich, soll ich nicht.
Nach einer Stunde in der Wärme raffe ich mich doch auf und fahre weiter. Ich stoße die Wirtshaustür auf, trete hinaus und die Kälte haut mich fast um. Es hat kaum über Null, aber es schneit momentan wenigstens nicht.
Nach fünf Minuten bin ich wieder klatschnass und mir ist so kalt, dass ich kaum mehr bremsen kann. Ich wechsle ab: Rechte Hand bremst, linke aufwärmen und so weiter. Ich zittere so, das ich kaum noch steuern kann.
Aber je weiter ich hinunter nach Aosta komme, desto rascher steigt die Temperatur an und der Regen hört auf. Unglaublich. 23 Grad hat es hier und es blinzelt die Sonne hervor.
Glücklicherweise gibt es hier, im Tal der Dora Baltea für den starken Verkehr in Richtung Courmayeur und weiter zum Mont Blanc Tunnel eine Autobahn. Das entlastet die anderen Straßen und ich kann die Ortsdurchfahrt durch Saint Pierre mit seinem "Märchenkastell" richtig genießen. So erlebe ich die 15km von Aosta nach Arvier als angenehmen Abschluss eines schwierigen Tages.


Im Tal der Dora Baltea: Das Kastell von
Saint Pierre 10 km westlich von Aosta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Passhöhe ist ein unspektakulärer langgezogener flacher Übergang. Es ist zwar sonnig aber der starke Wind und Temperaturen um 5 Grad vertreiben mich rasch. Das alte Hospiz und die Statue des Hl. Bernhard muss ich schon noch fotografieren und dann friere ich hinunter nach Seez. Immer wieder sehe ich tief unten Bourg Saint Maurice liegen und wie schon so oft beeindruckt mich, wie weit ich bei der Auffahrt hinaufgekurbelt bin. In La Rosiere spüre ich erstmals wieder sowas wie Wärme über den nach Südwesten zeigenden Hang heraufwehen. Eine Wohltat.
In Seez dann kurze Pause. Sonne am Bauch mit Kaffee und einem "Saundwitsch". Für beides zahle ich einen Phantasiepreis...
Nach einer Dreiviertelstunde und einem Tratscherl mit zwei Motorradfahrern, die vom Col de l'Iseran herunterkommen bin ich aufgewärmt und ich rolle weg nach Val d'Isere.
30km und 900hm sind es hinauf in den absolut nicht sehenswerten "Retorten"-Ort Val d'Isere. Breiter Asphalt und mittlere Steigung mit "mittlerem" Autoverkehr. Um 15 Uhr 30 bin ich da. Schipisten und zum Teil wirklich hässliche Hotelburgen soweit das Auge reicht. Ich brauche eigentlich nicht lange zu überlegen um mich zum Weiterfahren zu entschließen. Das Wetter ist prächtig und ich sollte für die 1000hm hinauf auf die Passhöhe nicht länger als bis 18 Uhr brauchen. Das passt ja perfekt.
Also verlasse ich Val d'Isere und genieße die Auffahrt auf den höchsten überfahrbaren Alpenpass. Je weiter ich hinaufkomme umso besser gefällt mir der unten im Tal liegende Ort und jede der neuen, für Radfahrer aufgestelten km-Markierungen ist ein kleines Erfolgserlebnis.
Nur mehr zwei km bis zur Passhöhe. Da es schon relativ spät ist fahren kaum mehr Autos. Fast nur mehr Motorradfahrer und einige Radler teilen sich das schmale Asphaltband.
So jetzt bin ich da. Zum dritten Mal mit dem Rad übrigens und wieder ein unvergessliches Erlebnis....
Ich fahre noch die Südrampe hinunter in das Arc-Tal bis Bonneval sur Arc. Beeindruckend und als stimmiger Tagesabschluss präsentiert sich im späten Abendlicht der Gletscher des Pointe de Charbonnel (3752 m).

3. Tag:

Route: Arvier - Morgex -  Pre-Saint-Didier  - La Thuile - Kleiner St. Bernhard Pass (2188m) - Seez bei Bourg-Saint-Maurice  - Val d'Isere - Col de l'Iseran (2770m) - Bonneval sur Arc

Daten: Sattelzeit= 8h 10min;    km= 125;    hm= 3430

3. Etappe in Google-Maps hier...

Die Fotos  der gesamten Tour liegen hier in meinem Picasa Album!

30km ist der Mont Blanc nur mehr entfernt. Der Himmel ist dunkelblau und es ist so richtig kalt hier um 7:30 Uhr beim Start in Arvier. Die Berghänge ragen steil auf und daher wird es wohl lange dauern, bis mich die Sonne aufwärmt. Also immer fest hinein in die Pedale. Kurz vor Morgex gibt der Talverlauf den Blick auf den Mont Blanc frei. Da muss gestern eine ordentliche Schicht Neuschnee gefallen sein. Strahlend weiß glänzt es herunter.
Bei Pre-Saint-Didier beginnt die Steigung und zugleich auch eisig kalter Gegenwind. Ohne Langarm geht da gar nichts.
Kurz vor La Thuille, einem gut besuchten "Fremdenverkehrsort" öffnet sich die Schlucht. Endlich Sonne. In einem Südosthang steigt die Straße aus dem Ort und ich genieße die Wärme. Etwa eine halbe Stunde vor der Passhöhe hört der Wald auf und der Eiswind bläst mir ungebremst ins Gesicht. Ich muss stehenbleiben und die lange Hose und die Regenjacke anziehen. Ich habe zwar das Tempo erhöht aber trotzdem friere ich. Ein Rennradfahrer kommt mir entgegen, er fährt "kurz-kurz", hat nur ein dünnes Gilet übergezogen. Unglaublich. Der muss steifgefroren vom Rad fallen, wenn er unten ist...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Die Südrampe des Galibier-Passes endet am Col du Lauteret

4. Tag:

Route: Bonneval sur Arc - Col de la Madeleine (1746m) - Lanslebourg - Modane - Saint Michel de Maurienne - Col du Telegraphe (1570m) - Valloire - Col du Galibier (2645m) - Col du Lauteret (2057m) - Briancon - Col Izoard (2360m) - Guillestre


Daten: Sattelzeit= 9h 40min;    km= 182;   
              hm= 3460

4. Etappe in Google-Maps hier...

Die Fotos  der gesamten Tour liegen hier in meinem Picasa Album!

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wolkenlos. Die Sonne scheint in den Frühstücksraum. Was für ein herrlicher Tagesbeginn. Mein Rad steht im Schi-Keller und ich öle vor der Kellertür die Kette und pumpe etwas Luft nach. Kalte Luft atme ich ein, aber die Sonne wärmt kräftig durch das Trikot.
Eigentlich schon ein wenig spät, erst um 9 Uhr verlasse ich Bonneval, rolle gemütlich durch das sehenswert renovierte alte Dorf und merke sofort, dass ich zu wenig anhabe. Also halt und alles anziehen. Fast 20 Minuten lang liegt mein Weg im Schatten und mein Radcomputer zeigt nur 2 Grad.
Aber da ist der Col de la Madeleine, an dem ich mich erwärmen kann. Nicht einmal 200hm ist das kurze "Schupferl" und dann "surfe" ich hinunter nach Lanslebourg. Ab hier ist das Tal des Flusses Arc stärker befahren, weil aus Süden, aus Susa in Italien eine wichtige Straße über den Col du Mont Cenis hier herüber nach Frankreich führt. Und Samstag ist außerdem.
Kurz vor Modane fahre ich an einem mächtigen Sperrfort vorbei, das sich in mehreren "Etagen" den Hang hinaufzieht. Von Modane aus habe ich nur mehr 20km bis St. Michelle de Maurienne und obwohl durch den Tunnel Frejus eine Schwerverkehrslawine aus Italien hereinrollt, geht es mir gut. Warum? Autobahn!
Gut 60km habe ich jetzt in St. Michelle de Maurienne am Tacho. Es ist Mittag und ich beginne mit dem Anstieg auf den Col du Telegraphe. Ein wenig schwer tue ich mir am Anfang. Ich weiß auch warum: Die 2 Stunden mehr oder weniger bergab bis hierher bringen dich aus dem Rhythmus, die machen dich irgendwie schlapp. Aber nach einer dreiviertel Stunde und 400hm habe ich wieder "angebissen". Gleich einmal bin ich am Col du Telegraph, schwätze ein wenig mit anderen Radfahrern und rolle 160hm hinunter nach Valloire. Ein Schiort wie alle anderen auch, aber recht hübsch.
Mittagspause. Coca Cola und einen großen Kaffee. Eine Banane und ein Sandwich.
Und ab geht die Post in Richtung Col du Galibier. 1200hm sind das und irgendwo etwa 300hm unterhalb der Passhöhe muss ich vom Rad um die wunderschönen Blumen am Wegesrand zu fotografieren. Die vorbeifahrenden Motorrad- und Autofahrer machen große Augen. Ich liege knapp am Straßenrand in der Wiese und fotografiere Margariten gegen den Himmel.
Dann bin ich oben-es ist 16 Uhr. Der Col liegt auf 2645m. Gedränge. Autos, Motorräder, Radfahrer die aber den wenigsten Platz benötigen. Und der beeindruckende Blick nach Südwesten, hinüber zum Massif des Ecrins. Da kommst du mit dem Schauen nicht zusammen.
Bei der Weiterfahrt in Richtung Briancon nehme ich noch den Col du Lauteret (2057m) mit. Es ist eigenartig, wenn du beim Bergabfahren über einen Pass fährst.
Die Weiterfahrt von hier bis Briancon ist der reine Genuss. 1200hm geht es bergab und ich fahre gut 30km ohne viel zu treten und fast immer mit 40km/h. Unglaublich!
Briancon musst du dir als alte, von mächtigen Festungsanlagen dominierte Grenzstadt vorstellen. Nur 15km sind es nach Italien und etwa 30km ist Sestriere entfernt.
Jetzt bin ich unschlüssig, ob ich weiterfahren soll. Es ist berreits 18:30 Uhr, das Wetter ist prächtig, es ist warm und keine Wolke steht am Himmel. Ein wenig will ich den schönen Spätnachmittag noch nützen, also mache ich mich auf den Weg in Richtung Col de Izoard. Bis dorthin sind es zwar noch 20km und 1100hm, aber ich werde wohl davor übernachten. Das Refuge Napoleon fällt mir ein, das kurz unter der Passhöhe direkt an der Straße liegt...
Ich habe Rückenwind und komme recht gut voran, aber die letzten Höhenmeter vor dem Ref. Napoleon ziehen sich schon ziemlich, immerhin habe ich schon über 3300hm in den Beinen. Als ich dort ankomme, es ist inzwischen knapp nach 20 Uhr, schwant mir Böses. Der Parkplatz vor dem Ref. Napoleon ist gerammelt voll. In der Mehrzahl sind es Autos jenseits der € 50.000er Grenze. Ich gehe hinein um nach einem Quartier zu fragen. Drinnen herrscht Luxus pur, die Tische sind vornehm gedeckt und die Gäste dinieren in noblem Ambiente. Fragende Blicke. Übernachtung? Professionell freundlich werde ich von der Dame hinter der Bar über die Unmöglichkeit meines Ansinnens informiert. In Briancon gäbe es Hotels. Ach so, nach Süden über den Pass... Ja leider, ich würde ja selbst sehen, meint sie, macht eine ausholende Handbewegung in Richtung ihrer vollen Gaststube und schaut etwas zu gestresst auf die Uhr. Ein wenig ratlos verlasse ich die "Hütte". Vor ein paar Minuten ist die Sonne untergegangen.
Naja der Pass ist in einer Viertelstunde erreicht. Nur mehr die Gipfel stehen im roten Abendlicht. Wunderschön ist es hier. Völlig ruhig. Aber den Gedanken nach einem Nachtquartier bringe ich nicht mehr aus dem Kopf.
Ja freilich bin ich rasch unten in Arvieux. Aber es ist Hochsaison und alle Häuser sind gerammelt voll. Ob er ein freies Zimmer hat, frage ich in einer Auberge den Herrn des Hauses. Durch die Luke, durch die er sonst wohl das Essen serviert, antwortet er mir. Mein dürftiges Französisch reicht nicht aus, um ihn zu verstehen. Der Patron sieht meine fragende Miene und hilfsbereit schreit er mir seine Antwort ins Gesicht, wiederholt den kurzen Satz mehrmals und sehr laut. Er meint wohl, dass ich schwerhörig bin. Auf die Idee, dass ich seine Sprache nur mangelhaft spreche, scheint er nicht zu kommen. Die Kleinstadt Guillestre kommt in der Lautsprecherdurchsage des Herrn vor, und die Entfernung 25km und dass es immer bergab geht. Das "Bergab" unterstreicht er mit einer "das ist in NullKommaNix Erledigt"-Handbewegung.
Es ist fast finster und ich haue in die Pedale, was ich noch drinnen habe. Es ist der so ziemlich längste 20er, an den ich mich erinnere.
Die sehenswerte Schlucht vor Guillestre (Combe de Queyras) nehme ich leider nur mehr schemenhaft wahr denn es ist nahezu stockdunkel. Am meisten fürchte ich, dass ich mit hohem Tempo in ein Schlagloch fahre und mein Rad ruiniere...
In Guillestre werde ich zunächst in drei Hotels abgewiesen. Hochsaison eben. Ich sehe mich schon am Bahnhof in der Wartehalle.
Dann, nach einer weiteren steilen Auffahrt von 10 Minuten werde ich fündig, auf letzten Abdruck sozusagen. Es ist 22 Uhr und ich bin seit 13 Stunden unterwegs.
Natürlich fragst du in dieser Situation nicht nach dem Preis. Der haut mich am nächsten Morgen um: € 85,- für Nächtigung mit Frühstück.
Hochsaison eben   ;-)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5. Tag:

Route: Guillestre - Col de Vars (2108m) - St. Paul sur Ubaye - Jausiers - Cime de la Bonette (2860m) - St. Etienne de Tinee - Isola


Daten: Sattelzeit= 6h 55min;    km= 108;   
              hm= 2730

5. Etappe in Google-Maps hier...

Die Fotos  der gesamten Tour liegen hier in meinem Picasa Album!


Vom höchsten Punkt meiner Fahrt, der Cime de la Bonette trennen mich nur mehr 120km und 2850hm vom Mittelmeer...

 

 

€ 85,- für Nächtigung mit Frühstück. Dafür versuche ich mich bei der Dame des Hauses zumindest beim Frühstück zu revanchieren. Ich esse soviel ich nur irgendwie kann und steige ein wenig unbeholfen auf das Rad. Nicht nur wegen dem viel zu reichlichen Frühstück. Die gestrige lange Etappe spüre ich auch noch in den Beinen.
Ich starte in Richtung Col de Vars und nach kaum 20 Minuten versöhnt mich ein wunderschöner Blick nach Norden, hinunter in das weite Tal von Guillestre. Die Auffahrt auf den Col de Vars (2108m) ist kurzweilig und rasch erledigt. Um 10.45 Uhr bin ich oben und obwohl mir in der Früh der Start schwer gefallen ist, fühle ich mich jetzt frisch und irgendwie fast erholt...
Die 25km lange Abfahrt hinunter nach St. Paul sur Ubaye und weiter nach Jausier ist ein Genuss. Die letzten eher flachen 10 km nimmt mich ein Franzose mit. Er schaut unauffällig aus, haut aber mächtig hinein und wir fahren einen 40er-Schnitt.
In Jausier, dem "Talort" zur Auffahrt auf die Cime de la Bonette, mache ich Mittagspause in einer Bar in der Fußgängerzone, esse ein "Saundwitsch" das im Grunde genommen ein normaler Weißbrotwecken ist, der mit 10dag Käse, 10dag Schinken und einer dicken Butterschicht gefüllt ist. Das Ganze um € 3,50. Relativ gesehen habe ich dafür anderswo auch schon das Fünffache bezahlt. Eigenartig!
Und dann starte ich hinauf zum höchsten Punkt meiner Tour, zum höchsten mit dem Auto befahrbaren Punkt der Alpen, zur Cime de la Bonette (2860m).
1620hm Auffahrt in einem Stück und dabei 14% Steigung am Ende sind eine sportliche Herausforderung. Etwa eine Stunde lang sieht man immer wieder zurück, hinunter in das Tal der Ubaye, hinunter nach Jausier. Dann aber legt sich das Tal zurück und das schmale Asphaltband führt in unzähligen Kehren und Kurven immer weiter nach oben. Auch hier sind, es ist Sonntag, viele Autos und Motorräder unterwegs, die mich aber nicht stören. Gott sei Dank weht ein frischer Wind, der die Auspuffgase sofort verweht.
Eine halbe Stunde bevor man oben ist bekommt man den "Gipfel" zu Gesicht. Ein schwarzer Schuttkegel, um den eine steil ansteigende Aussichtsstraße gelegt wurde, deren höchster Punkt eben die Cime de la Bonette ist. Der eigentliche Pass, der Col de Restefond, liegt etwas tiefer.
2h und 40min brauche ich um von Jausier hierher zu kommen, stelle mich mit anderen Radfahrern, mit Motorradfahrern und Autotouristen für ein Foto an, lasse mich fotografieren und dann fahre ich ein wenig weg vom Trubel, der da oben herrscht.
Einige wenige Minuten vom Gipfel entfern ist es ruhig. Ich bleibe stehen, suche im Süden den Horizont ab, versuche das Glitzern des Mittelmeeres zu sehen. Natürlich ein unsinniger Versuch. Natürlich sehe ich nur die im Süden den auslaufenden Alpenbogen bildenden Bergspitzen. Zu weit, nämlich etwa 85km Luftlinie ist Nizza noch entfernt.
Bis St. Etienne de Tinee sind es 25km und es geht 1500hm bergab. Ich brauche dir nicht zu erklären, dass du da den Dauergrinser im Gesicht hast. In St. Etienne gibt es dann ein Bier und ein Saundwitsch und dann rolle ich gemütlich bis Isola.
Der Ort Isola ist der Talort für die Schistation Isola 2000 und weiter für die Überfahrtr über den Colle de Lombardia, der nach Italien, in das Valle di Stura hinüberführt. Isola selbst ist ein "absterbender" Ort. Es gibt nur zwei Bars und ein "Hotel Au Cafe d'Isola" mit Zimmern, die es in ganz Österreich nicht mehr gibt. Der Besitzer ist freundlich und er bereitet mir eigenhändig ein Abendessen zu, ersucht mich aber um Geduld, weil ihn, wie er mir erklärt, seine Frau verlassen hat, weil sie in "diesem Kaff" nicht mehr leben wollte. Zumindest habe ich seine Erzählung so verstanden. Einerlei, die Nudeln , die er mir zubereitet, schmecken köstlich und ich will nicht einmal die Einschränkung gelten lassen, dass ich ziemlich hungrig war...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6. Tag:

Route: Isola - Saint Laurent du Var - Nizza - Monaco - Ventimiglia - Breil sur Roja - Tende


Daten: Sattelzeit= 7h 20min;    km= 168;   
              hm= 1300

6. Etappe in Google-Maps hier...

Die Fotos  der gesamten Tour liegen hier in meinem Picasa Album!

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein wenig zerzaust - vermutlich so wie ich - schauen sie aus, die Leute die mit mir in der Bar des "Hotel Au Cafe d'Isola" frühstücken. Fast alle trinken nur einen Kaffee im Stehen und wir beäugen uns gegenseitig so unauffällig-auffällig, dass ein Beobachter seinen Spaß hätte...
Die tiefe Schlucht "Valabres" die der Fluss Tinee in den Fels gegraben hat, lässt nur wenig Himmel offen. Noch herrscht tiefer Schatten vor und es ist kühl als ich mich auf den Weg mache. Hinunter nach Süden, ans Meer. Nizza...
70km habe ich bis dorthin und auf der ersten Hälfte der Strecke kann ich 650hm Höhenunterschied genießen. Nach ca. 35km an der Brücke "Pont de Mescla" komme ich an eine große Straßenbaustelle. Der nach Süden flutende Verkehr, das wäre jetzt auch ich, wird in einen 2km langen Tunnel geleitet, während der Gegenverkehr auf der alten Schlucht-Straße durch die "Defile de Chaudan" auf nur einer Spur entgegenkommt. Was soll ich tun. 2km Tunnel? Unmöglich! Also gegen den Verkehr auf der altenStraße, aber die wird nach wenigen 100 Metern einspurig und ich muss, als zwei Busse entgegenkommen, stehenbleiben und mich an die verbeulte Leitschiene drücken. Das beobachtet ein Bauarbeiter . Er schüttelt den helmbewehrten Kopf und ruft mir im Verkehrslärm zu, dass mein Ansinnen unmöglich ist. Das sei lebensgefährlich, so meint er. Der Tunnel, so sage ich ihm, sei für mich noch lebensgefährlicher. Und dass ich keine Alternative hätte. Er deutet auf seinen weißen Kastenwagen und meint, ich solle einige Minuten warten.
Ich beginne zu verstehen. Er will mich durch den Tunnel fahren. Und tatsächlich, nachdem er einiges an Werkzeug von seiner Baustelle in den Wagen geworfen hat, bedeutet er mir, das Rad ins Auto zu legen und einzusteigen. Um wenden zu können muss der freundliche Mensch einen mindestens zwei km langen Umweg fahren. Ich bedanke mich so herzlich als irgendwie möglich, was der Franzose mit einem kurzen "de rien" gar nicht annehmen will. Als er wegfährt, sehe ich, dass er wieder zurückfährt. Er ist also diesen ganzen Umweg nur meinetwegen gefahren. Sein Gesicht und seine freundliche Hilfe werde ich lange nicht vergessen...
Nach wenigen km öffnet sich die Schlucht und der Verkehr wird, obwohl es noch 30km bis Nizza sind, ziemlich unangenehm. Da passt es genau, dass hier rechts des Flusses Var eine neue, kaum befahrene Straße bis ans Meer nach Saint Laurent du Var führt.
Von dort geht's am Radweg weiter. Auf der "Promenade des Anglais" fahre ich am Strand von Nizza entlang.
Ich bin da.
Und einmal mehr weiß ich, dass mich nicht das Ziel lockt, sondern der Weg, die Veränderung, die unvorhersehbaren Momente und das ein wenig Ungewisse. Und auch das Finden eines Weges, einer Lösung.
Am Ende der Bucht von Nizza, am etwas erhöht liegenden Platz des 8. Mai 1945 (Tag der Kapitulation Hitlerdeutschlands), schaue ich noch einmal zurück. Ich unterhalte mich einem jungen Koreaner. Er erzählt mir, dass er eine Europareise macht und fragt mich wo ich herkomme. Nachdem ich ihm meine Route beschrieben habe, fragt er mich nach meinem Alter. Dann will er unbedingt ein Foto von uns beiden machen. Ein anderer Tourist kommt diesem Wunsch lachend nach...
Die nächsten zweieinhalb Stunden (50km) geht es ein wenig auf und ab. Möglichst nahe am Meer versuche ich zu bleiben und fahre durch Villefranche, Beaulieu, Monaco, Menton und bin schließlich in Ventimiglia. Diese Fahrt entlang der mondänen Küste ist abwechslungsreich aber durch den dichten Verkehr zum Teil recht schwierig.
In Ventmiglia beginne ich den sehr interessanten letzten Abschnitt des Tages. Ich fahre hinein in das wildromantische Roja-Tal, hinauf in Richtung des Colle di Tenda.
Mein Ziel für heute ist Tenda. Knapp 50km sind es bis dorthin und 800hm. Auch wenn ich schon etwas müde bin genieße ich die abwechslungsreiche Fahrt durch dieses enge ursprüngliche Tal. Glücklicherweise ist nach dem Ausbau der Straße der alte Weg auf einigen Passagen erhalten geblieben. Hier schlängelt sich der brüchig gewordene Asphalt knapp am grünen klaren Wasser der Roja entlang. Immer wieder hat der Fluss tiefe Bottiche in das Gestein gefräst. Ähnliches habe ich in Korsika gesehen und in der Nähe von Ortschaften sind das die Badeplätze der Menschen. Zum Teil liegen die Ansiedlungen steil in den Hang gebaut wie das Dorf Saorge, zu dem es lange Zeit nur einen einzigen Zugang über die uralte Bendola-Brücke gegeben hat. Beeindruckend! Schließlich erreiche ich Tenda, ähnlich wie Saorge in den Hang gebaut. Es ist schon dämmrig, aber einen Rundgang durch die extrem engen und verwinkelten Gassen muss ich noch machen. Leider kann ich wegen der Dunkelheit keine Fotos mehr machen.
Bevor ich einschlafe denke ich immer wieder an den Tenda Passauf dem ich morgen stehen werde und an die Zeit, als ich zum ersten Mal von diesem Pass gelesen habe. Das muss mehr als 40 Jahre her sein...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7. Tag:

Route: Tende - Colle di Tenda (1871m) - Limone Piemonte -  Vernante - Borgo San Dalmazzo - Cuneo


Daten: Sattelzeit= 3h 20min;    km= 60;   
              hm= 1050

6. Etappe in Google-Maps hier...

Die Fotos  der gesamten Tour liegen hier in meinem Picasa Album!


Die alte Tenda-Passstraße. Unzählige Kehren und
grober Schotter auf den letzten 300hm...