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Tote” Sprache versus Ewigkeitsanspruch des Künstlers

Wer ist eigentlich tot?

(eigener Beitrag)

Gleichzeitig [...] beobachtete er mit entsetzlicher Klarheit, was da vor sich ging. Dr. Mantelsack malte heftig ein Zeichen von böser Bedeutung hinter Mummes Namen und sah sich dann mit finsteren Brauen in seinem Notizbuch um. Aus Zorn ging er zur Tagesordnung über, sah nach, wer eigentlich an der Reihe war, es war klar! Und als Hanno von dieser Erkenntnis gerade gänzlich überwältigt war, hörte er auch schon seinen Namen, hörte ihn wie in einem bösen Traum.
„Buddenbrook!” - Doktor Mantelsack hatte „Buddenbrook” gesagt, der Schall war noch in der Luft, und dennoch glaubte Hanno nicht daran. Ein Sausen war in seinen Ohren entstanden. Er blieb sitzen.
„Herr Buddenbrook!” sagte Doktor Mantelsack und starrte ihn mit saphirblauen, hervorquellenden Augen an, die hinter den scharfen Brillengläsern glänzten ... „Wollen Sie die Güte haben?”
Gut, also es sollte so sein. So hatte es kommen müssen. Ganz anders, als er es sich gedacht hatte, aber nun war dennoch Alles verloren. Er war nun gefaßt. Ob es wohl ein sehr großes Gebrüll geben würde? Er stand auf und war im Begriffe, eine unsinnige und lächerliche Entschuldigung vorzubringen, zu sagen, daß er ?vergessen’ habe, die Verse zu lernen, als er plötzlich gewahrte, daß sein Vordermann ihm das offene Buch hinhielt. [...] Und Hanno starrte dorthin und fing an, zu lesen. Mit wankender Stimme und verzogenen Brauen und Lippen las er von dem goldenen Zeitalter, das zuerst entsprossen war und ohne Rächer, aus freiem Willen, ohne Gesetzesvorschrift, Treue und Recht gepflegt hatte. „Strafe und Furcht waren nicht vorhanden”, sagte er auf Lateinisch. „Es wurden weder drohende Worte auf angehefteter eherner Tafel gelesen, noch scheute die bittende Schar das Antlitz  ihres Richters.” Er las mit gequältem, angeekelten Gesichtsausdruck, las mit Willen schlecht und unzusammenhängend, vernachlässigte absichtlich einzelne Bindungen, die in Kilians Buch mit Bleistift angegeben waren, sprach fehlerhafte Verse, stockte und arbeitete sich scheinbar nur mühsam vorwärts, immer gewärtig, daß der Ordinarius alles entdecken und sich auf ihn stürzen werde. [...] Dann schwieg er, und es entstand eine Stille, in der er nicht aufzublicken wagte. Diese Stille war entsetzlich; er war überzeugt, daß Dr. Mantelsack Alles gesehen habe, und seine Lippen waren ganz weiß. Schließlich aber seufzte der Ordinarius und sagte: „O Buddenbrook, si tacuisses.” Sie entschuldigen wohl ausnahmsweise das klassische Du!... Wissen Sie, was Sie getan haben? Sie haben die Schönheit in den Staub gezogen, Sie haben sich benommen wie ein Vandale, wie ein Barbar, Sie sind ein amusisches Geschöpf, Buddenbrook, man sieht es Ihnen an der Nase an! Wenn ich mich frage, ob Sie die ganze Zeit gehustet oder erhabene Verse gesprochen haben, so neige ich mehr der ersteren Ansicht zu. [...] Setzen Sie sich, Unseliger. Sie haben gelernt, gewiß. Sie haben gelernt. Ich kann Ihnen kein schlechtes Zeugnis geben”   [...]
Und als es mit den Produktionen der Schüler zu Ende war, hatte die Stunde auch jedes Interesse verloren. Dr. Mantelsack ließ einen Hochbegabten auf eigene Faust weiterübersetzen und hörte ebensowenig zu wie die anderen Vierundzwanzig, die anfingen, sich für die nächste Stunde zu präparieren. Dies war nun gleichgültig.


aus: Thomas Mann, Buddenbrooks, Berlin 1901 (11. Teil, 2. Kapitel)

Thomas Mann charakterisiert auch eine Reihe anderer Lehrerpersönlichkeiten und Unterrichtsformen, so den Unterricht in Chemie, der aus Examinieren, Philosophieren und Experimentieren besteht, dann den Unterricht in Englisch, vor dem sich nur einer zu fürchten hat: Der Lehrer ist hilflos, überfordert und ein erbärmliches Spielobjekt der Launen der Schüler - jedenfalls solange, bis sich „etwas Fürchterliches” vollzieht: „Es brach über alle Anwesenden herein, grausam, unerwartet, übergewaltig und lähmend. Ohne daß nämlich geklopft worden wäre, öffnete sich mit einem Ruck die Tür sperrangelweit, etwas Langes und Ungeheures kam herein, stieß einen brummenden Lippenlaut aus und stand mit einem einzigen Seitenschritt mitten vor den Bänken ... Es war der liebe Gott. [...] Die Schüler waren hochgeschnellt wie ein Mann.”  Unversehens wird der Lehrer selbst zum (Leid)Geprüften: er muss dem Direktor eine Kostprobe seiner Unterrichtskunst ablegen.


Auch wenn so manches aus dem Unterrichtsalltag des 19. Jahrhunderts, das Thomas Mann detailliert und mit psychologischem Feingefühl beschreibt (wenn auch auf nicht-konkrete Typen bezogen), aus einer aus heutiger Sicht befremdlichen Umwelt stammt, so bleibt doch der Autor dem Topos des besonders gefürchteten und allseits überlegenen Lateinlehrers treu; der Lateinunterricht selbst erschöpft sich dabei in detaillierter Grammatik- und Metrikkenntnis, Übersetzungspräparationen, nicht wirklich nachvollziehbaren Übersetzungskünsten anderer und ist ansonsten unerträglich langweilig, wobei der Inhalt der gelesenen Texte nebensächlich scheint.
Der Mythos des Schrecklichen und Langweiligen ist heute weitgehend verblasst, und doch kann sich der Latein- und erst recht der Griechischunterricht heute (zumindest in Österreich) schwerer denn je behaupten, wobei die sich in den Vordergrund drängende Frage: „Wozu kann ich das brauchen?” „Was bringt mir das?” sich zum Latein-Totengräber (aber auch zum Totengräber anderer Gegenstände) Nummer Eins herausgemausert hat, wobei auch die verzweifelten Versuche, auf diese Fragen einzugehen, in gewisser Weise kontraproduktiv sind, weil sie den Fragenden einen Stellenwert einräumen, der ihnen de facto nicht zusteht, nebenbei auch ein ständiges „Ja, aber ...” provozieren.
Die (falschen) Gleichsetzungen von Bildung und Ausbildung, von Information und Wissen schaden nicht nur den altsprachlichen Fächern, sondern der gesamten Oberstufe und indirekt auch der Unterstufe des Gymnasiums, eben weil die langfristige Perspektive und der Blick auf die zu vermittelnden Schlüsselqualifikationen häufig fehlen.
Noch einmal zurück zu Thomas Mann und dem von ihm zitierten Ovid: Niemand hat das einhundertjährige Bestehen des erwähnten Romans zum Anlass genommen, dieses Werk dieses Autors in einen Altpapiercontainer zu werfen, ganz im Gegenteil: Der Verleger gab eine Taschenbuch-Sonderausgabe heraus - anstatt es auf irgendwelchen Bildungshalden der Geschichte zu entsorgen. Er beruft sich dabei auf ein frühes Kritikerurteil, das gesagt hatte, dieses Buch „werde wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden”. Tatsächlich ist jede Sprache nicht nur von Schallwellen getragene Verständigung mehrerer Menschen, sondern sie ist auch und im besonderen ein Kulturgut: sie vermag in Schrift und Literatur einen lebendigen Prozess der schöpferischen, kreativen Auseinandersetzung mit fremden Gedanken auszulösen, eine Auseinandersetzung, die sich tatsächlich lohnt, wenn Autoren uns etwas zu „sagen” haben - in deren eigener Sprache, entstanden in deren eigener Erfahrungswelt. Auf einem solchen Weg kann ein junger Mensch zum obersten Ziel jeder Bildung hingelangen, nämlich zu Selbständigkeit, Kritikfähigkeit, Gewissensbildung und einer lebenslangen Bereitschaft, das zu hinterfragen, was bislang gesichert erschienen ist. Letztlich beruhen Frieden und Demokratie auf den so gesicherten Werten.
Zu den Kultursprachen eines nicht nur wirtschaftlich zusammenwachsenden Europas gehört auch die lateinische Sprache, wobei man immer über konkrete Ziele des Lateinunterrichts, unterschiedliche Erwartungen an den Lateinunterricht, Weiterentwicklung der Unterrichtsmethoden, Anforderungen an die Schüler und besonders auch über den jeweiligen Lektürekanon reden wird müssen.
Der bekannteste und wohl auch der am meisten gelesene und wirkungsreichste Dichter überhaupt, Ovid, schreibt mit einigem Selbstbewusstsein am Schluss der Metamorphosen: „Nun habe ich ein Werk vollendet, das nicht Jupiters Zorn, nicht Feuer, nicht das Schwert und auch nicht das nagende Alter wird vernichten können. Wann er will, mag jener Tag, der nur über meinen Körper Gewalt hat, die ungewisse Frist meines Lebens beenden. Doch mit meinem besseren Teil werde ich weiterleben und mich hoch über die Sterne emporschwingen; mein Name wird unzerstörbar sein, und so weit sich die römische Macht über den unterworfenen Erdkreis erstreckt, werde ich vom Mund des Volkes gelesen werden und, wenn an den Vorahnungen der Dichter etwas Wahres dran ist, durch alle Jahrhunderte im Ruhm fortleben.”

 

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Dieser Beitrag erschien im November des Jahres 2002 in gekürzter Form auch im Jahresbericht des Klemens Maria Hofbauer Gymnasiums.

 

 

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