L oder F

 

HomeSpracheBildungswertInhalteLatein lernen



Latein oder Französisch
in der Unterstufe des Gymnasiums?
(5.-8. Schulstufe) 

Seit einigen Jahren gibt es an zahlreichen österreichischen Gymnasien in der Unterstufe die Möglichkeit, statt Latein Französisch zu lernen, und zwar im Rahmen eines Schulversuchs. In nicht allzu ferner Zukunft (bei Zustandekommen einer Verfassungsmehrheit im Parlament) wird es eine freie Wahl zwischen Latein und einer lebenden Fremdsprache geben. In der Oberstufe (9.-12. Schulstufe) soll Latein Pflichtfach bleiben, und zwar in einem Ausmaß von mindestens
11 Wochenstunden (je nach schulautonomer Schwerpunktsetzung), wobei 13 Wochenstunden die Norm bleibt, falls keine Schwerpunktsetzung erfolgt.

Lebende versus "tote" Sprache

Für Französisch wird ins Treffen geführt, dass es eine international bedeutsame gesprochene Sprache sei, Latein hingegen tot, daher gegenüber Französisch abzulehnen.

Man sollte sich aber nicht auf simple Schlagwortformeln verlassen, wenn man darauf Wert legt, dass das eigene Kind eine Schulform besucht, die seiner Begabung, seinen Interessen und seinen Erwartungen an die Zukunft gerecht wird.

Liebe zur Sprache (Philologie)
und Schwerpunkte der Klassischen Philologie

Als Sprachenliebhaber sehe ich durchaus den Wert einer lebenden Fremdsprache, also auch des Französischen, den Gewinn für den Französischunterricht der Oberstufe, wie er ja auch umgekehrt für den Lateinunterricht besteht, wenn bereits Grundkenntnisse über die Sprache vorhanden sind und es zeitlich möglich ist, auch die Früchte einer durchaus mühsamen Arbeit zu ernten.

Philologie (neben der Klassischen Philologie für Latein und Griechisch sind in dem für das Gymnasium relevanten Zusammenhang zu nennen: romanistische, germanistische, anglistische und slavististische Philologie) bedeutet übersetzt "Liebe zur Sprache", d. h. Liebe zur gesprochenen Sprache, zu den Menschen, die hinter der Sprache stehen und auch zur Literatur, wobei die Teilung in verschiedene philologische Richtungen darauf zurückzuführen ist, dass ein Mensch nicht alles lernen und überblicken und auch nicht beliebig viele Sprachen beherrschen kann, aber auch auf verschiedene Schwerpunkte: So ist Latein als gesprochene Sprache ein äußerst selten gepflegtes Hobby, eine Spielerei, übrigens bei weitem nicht die sinnloseste, die es gibt, andererseits kommt einiges hinzu, was bei den jüngeren Philologien fehlt: Ein ungleich breiteres Betätigungsfeld, wo auch Fachschriftstellerei, Philosophie, Naturwissenschaften, Theologie, Rhetorik, Nachwirkung in Malerei und bildender Kunst nicht fehlen; im Mittelalter ist Latein die europäische Kultursprache schlechthin, auch in der Neuzeit bis in unser Jahrhundert hinein, ein Aspekt, der in einem Gymnasium und gerade auch in einem christlich orientierten Umfeld eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Übrigens gehört es weder zu den Zielen des Englisch- noch zu den Zielen des Französisch- und schon gar nicht zu den Zielen des Deutschunterrichts, einen reinen Sprachkurs anzubieten. Ebensowenig ist der Lateinunterricht ein reiner Sprachkurs, geschweige denn eine kuriose Sammlung von Grammatikphänomenen.

Kein anderer Lerngegenstand bietet gleichermaßen die Möglichkeit (und in keinem anderen Lerngegenstand ist es im Lehrplan in dieser Schwerpunktsetzung vorgeschrieben!) in der Oberstufe (und die Unterstufe dient ja der Vorbereitung dafür), Grundfragen des Menschen anhand von Texten zu behandeln, und zwar qualifiziert zu behandeln: Sprache und ihr Einsatz beim Manipulieren anderer, Rhetorik, Liebe und Tod, wissenschaftliches Arbeiten, Selbstverständnis des Menschen und sein Verhältnis zur Umwelt, der Wert des Menschen, Recht und Gerechtigkeit, sinnvoller Umgang mit Zeit ...

 


Sprachkompetenz

Für Schüler der Unterstufe, gerade auch für die Schüler, die nach der vierten Klasse in eine "berufsbildende" Schule wechseln, kommt noch ein praktischer Nutzen, den sogar die Verfechter einer Abschaffung des Lateinunterrichts einstimmig gelten lassen, nämlich die Verbesserung der Sprachkompetenz im Deutschen; im Bereich der Fremdwörter und Fachbegriffe sowie überhaupt im Erfassen und Verstehen eines Gedankens zusammen mit dem Bemühen um einen dem Deutschen entsprechenden Ausdruck. Die Beschäftigung mit der lateinischen Sprache kann hier deshalb so viel leisten, weil das Lateinische ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten kennt als das Deutsche - mit anderen Worten: Das Eigene wird deutlich durch den Kontrast mit etwas anderem. Geschult werden Abstraktionsvermögen und das geistige Erfassen von Zusammenhängen!

Weitere Ziele wie "Kennen und Anwenden von verschiedenen Methoden der Texterschließung, Verständnisbereitschaft und Kritikfähigkeit gegenüber den Inhalten von Texten" sollen hier nur kurz erwähnt werden.

 

Resumé

Der Lateinunterricht leistet einen Beitrag, nicht den einzigen, aber einen unverzichtbaren, wertvollen Beitrag zur Erfüllung der allgemeinen Bildungsziele des Gymnasiums, die den Schülern zugute kommen.

Die Förderung der Sprachkompetenz, Grundfragen des Menschen und das Gemeinsame der europäischen Kultur und vieler europäischer Sprachen, schließlich die auf den Wurzeln der griechisch-römischen Antike beruhende christliche Tradition können von vielen nur im Rahmen der traditionellen Latein-Langform kennengelernt werden.

Auswahlkriterium zwischen Latein und Französisch sollte jedenfalls nicht die Frage sein, was mit weniger Lernaufwand zu erlernen ist, auch nicht, ob man sich später bei einem Schulwechsel möglicherweise etwas ersparen kann (eine berufsbildende Schule beginnt im Französischunterricht wieder ganz von vorne!), sondern das Wohl des Kindes.

Die Faszination einer Sprache besteht ja gerade darin, dass sie weit mehr leistet als ein reines Kommunikationsmedium im Alltag, dass sie dem Menschen hilft, sich im kritischen Austausch mit anderen als Mensch zu entfalten. Dies gilt selbstverständlich auch für das Französische.

Niemand wirft ein Buch nach dem Ableben seines Verfassers in den Altpapierkontainer:

"Nun habe ich ein Werk vollendet, das nicht Iuppiters Zorn, nicht Feuer, nicht Eisen,nicht das nagende Alter wird vernichten können. Wenn er will, mag jener Tag, der nur über meinen Körper Gewalt hat, die ungewisse Frist meines Lebens beenden. Doch mit meinem besseren Teil werde ich fortdauern und mich hoch über die Sterne emporschwingen; mein Name wird unzerstörbar sein, und so weit sich die römische Macht über den unterworfenen Erdkreis erstreckt, werde ich vom Mund des Volkes gelesen werden und, sofern an den Vorahnungen der Dichter auch nur etwas Wahres ist, durch alle Jahrhunderte im Ruhm fortleben."

"iamque opus exegi, quod nec Iovis ira nec ignis
nec poterit ferrum nec edax abolere vetustas.
cum volet, illa dies, quae nil nisi corporis huius
ius habet, incerti spatium mihi finiat aevi:
parte tamen meliore mei super alta perennis
astra ferar, nomenque erit indelebile nostrum,
quaque patet domitis Romana potentia terris,
ore legar populi, perque omnia saecula fama,
siquid habent veri vatum praesagia, vivam.
"

Ovid, Metamorphosen 15, 871-879
_____________________________

Vergleiche auch:
Horaz, carmen 3,30!

 

 

HomeSpracheBildungswertInhalteLatein lernen