Verbalaspekte

 

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Das griechische Tempussystem

Vorbemerkung: Wir müssen uns zunächst von unserem Tempus-Begriff verabschieden: Es gibt im Griechischen keine Abstufung wie im Deutschen oder Lateinischen zwischen Zukunft, Präsens, 2 Vergangenheiten und einer Vorvergangenheit, ebenso wenig werden Zeitverhältnisse ausgedrückt, weil die sich ja aus dem jeweiligen Zusammenhang ohnehin leicht ergeben. Am leichtesten tut man sich mit folgendem Modell:

 

Es gibt 3 Handlungsaspekte:

  1. Linear-beschreibend, paratatisch, durativ: Handlung dauert länger an, ist wiederholt oder nur versucht, Dauer, Beginn und Ende der Handlung sind unerheblich.
  2. Punktuell, punktuell-beginnend oder punktuell-abschließend: Die jeweilige Handlung wird als Ganzes gesehen, ist einmalig, in sich geschlossen oder abgeschlossen. Bezeichnung: Aorist
  3. Vollendet: Das Ergebnis, Resultat, Nachwirkung der Handlung, Bezeichnung: Perfekt

 

Beispiele für ähnliche Aspekte im Deutschen:

1.      Linear: Ich höre gerne meinen Nachbarn zu. Im Frühling blühen die Blumen, er bohrte in die Wand (war gerade dabei zu bohren), der Wasserstand befindet sich im Steigen, der Onkel war krank.

2.      Punktuell: Ich hörte, dass die alte Dame von vis à vis gestorben sei. Der Mohn erblüht, ich bohrte gestern ein Loch in die Wand, der Fluss ist über die Ufer getreten, der Onkel ist gestern erkrankt.

3.      Vollendet: Ich bin bestens über die Dame von vis à vis informiert. Die Wand hat ein Loch, das Land ist überschwemmt, der Onkel ist krank (geworden), hat bleibende Schäden.

 

Anmerkung: Es ist nicht möglich, alle Aspekte in die jeweils andere Sprache eindeutig zu übertragen.

 

Jeder dieser drei Aspekte kann grundsätzlich drei Zeitstufen ausdrücken:

gegenwärtig, vergangen, zukünftig (wobei dieses System aber nicht vollständig ist):

1.      Linear (Präsensstamm): Gegenwart und Vergangenheit (Präsens und Imperfekt)
Eine eigene Zukunft des Präsensstammes existiert nicht.

2.      Punktuell (Aorist): Gegenwart und Vergangenheit (und Zukunft[1])

3.      Vollendet (Perfekt): Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft[2]

4.      Futur: Das Futur nimmt eine Sonderstellung ein: es ist die sprachgeschichtlich jüngste Erscheinung, am regelmäßigsten gebildet, formale Ähnlichkeiten mit Aorist[3], aspektfrei, entspricht dem Futur anderer Sprachen.

 

Jede der drei Vergangenheitszeiten oder Vergangenheitsaspekte (Imperfekt, Aorist und Plusquamperfekt[4]) existiert nur als Indikativ und ist eindeutig gekennzeichnet:

  1. durch Augment (entweder durch die Silbe e- am Beginn des Verbs oder, wenn das Verb mit einem Vokal beginnt, durch Dehnung dieses Anfangsvokals)
  2. und durch Sekundärendungen[5] statt der sonst üblichen Primärendungen[6].


[1] Zukunft des Aoriststammes existiert nur in Bedingungssätzen (z. B. Wenn es morgen regnet, ...), formal als Konjunktiv (Eventualis, Prospektivus)

[2] Zukunft des Perfektstammes ist selten (und dient nur zum Ausdruck eines künftigen Vollendungszustandes, z. B. Ich werde das morgen erledigt haben).

[3] Aufgrund dieser Ähnlichkeiten gibt es auch keinen Konjunktiv Futur.

[4] Die Bezeichnung „Plusquamperfekt“ hat sich zwar eingebürgert, ist aber irreführend. Besser wäre: „Perfektpräteritum“

[5] Im Aktiv: -ν, (-α), -ς, -ο, -μεν, -τε, -ν (-σαν)                im Medium: -μην, -σο, -το, -μεθα, -σθε, -ντο

[6] Im Aktiv: -ω, -εις, -ει, -μεν, -τε, -σι(ν);                im Medium: -μαι, -ῃ, -ται, -μεθα, -σθε, -νται 

 

 

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