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27.12.2001 - Gastkommentare

Wenn Cicero Computer spielt

Latein ist verstaubt. Aber nur, wenn man die moderne Computersprache nicht kennt.

GASTKOMMENTAR VON HERBERT STARMÜHLER

Der Autor ist Geschäftsführer von www.diepresse.com.

Latein ist genauso wenig sexy, wie das IT-Business schick. Letzteres kommt aber ohne Ersteres gar nicht aus. Eine Aufzählung.

Totgesagte leben länger. So gesehen ist Latein längst unsterblich geworden. Derzeit ist die alte Sprache wieder in aller Munde: Sie sei reichlich überflüssig, unnütz und zeitverschwenderisch, heute reüssiere man mit EDV-Kenntnissen. Da ist was dran. EDV-Kenntnisse sind heute DER Karriere-Turbo: kaum eine Investitions-Entscheidung, die nicht technologiegetrieben ist, kaum eine Technologie ohne EDV-Know-how, kaum ein Meeting ohne IT-Vokabular.

Jedoch: Kaum ein IT-Vokabular ohne Latein. Ich sitze derzeit oft in Seminaren und Tagungen, in denen die Fachausdrücke nur so durch die Luft schießen. Nicht selten schiele ich verstohlen zum Sitznachbarn. An dessen Gesicht versuche ich zu erkennen, ob er auch gerade über die Bedeutung eines weiteren Terminus Technicus rätselt wie ich . . . Denn was heißt nun wieder Permission Marketing? Oder ASP, Application Service Providing, oder wo tu' ich Enterprise Resource Planning Systems (ERP) hin?

Nun braucht man dazu keine vier Jahre Latein, aber ein ganz klein wenig hilfreich ist es doch, schon einmal von permittere (erlauben) gehört zu haben. Permission Marketing heißt Erlaubnis-Marketing - E-Mail-Newsletter (littera, ae (!)), für die man die Einwilligung des Adressaten einholt. Derzeit wird darüber ziemlich viel geschrieben.

 Auch nicht grad ein Code aus dem Mittelalter ist CMS: Content Management System. So ein CMS braucht heute jedes größere Unternehmen, das Firmennews online stellt. Content kommt von contendo (zusammenstellen, beinhalten), Management kennt jeder, jedoch steckt mit manus (die Hand) auch hier ein alter Lateiner drin, und System stammt von systema, -atos (mit griechischem Ursprung).



Noch ein paar Beispiele gefällig?

[*] Visits (Besuche einer Website): visitare; [*] Uniform Ressource Locator (URL, die Web-Adresse):

uniformis, e - resurgere - locator, -oris;

[*] AdServer (für Banner-Werbung zuständiger Computer): advertere - servire

[*] Personal Digital Assistant (PDA, die kleinen Handhelds): personalis, e - digitalis, e - assistere;

[*] Customer Relationship Management (CRM, neue Kundenbindungs-Datenbanksysteme): Custos, odis - relatio, -onis - manus, i;

Ob Internet-Marketing oder Programmier-Befehl, ob IT-Jobs oder EDV-Anschaffungen - Latein zieht tiefe Spuren durch die Moderne. Wahrscheinlich eignet sich diese Sprache ja besonders gut zur Beschreibung komplizierter Sachverhalte.

Vielleicht sollten die Latein-Professoren mehr auf diesen Zusammenhang hinweisen: Für die Generation SMS könnte es lustiger sein, im Lateinunterricht das Wort "Internet" (inter = inmitten, untereinander) oder "SMS" (Short Message Service) abzuleiten, als ewig Sallust oder Cicero zu übersetzen. Message kommt übrigens von mittere, Service hatten wir schon. Wenn man bedenkt, daß die Bezeichnung der populärsten österreichischen Jugendpage - www.sms.at - lateinischen Ursprungs ist, wird vollends deutlich, wie unmodern Latein ist. Oder?

Und jetzt noch ein paar Hausaufgaben: Welchen Ursprungs sind: Mobile Devices (Mobile Endgeräte), Virtual Private Network (VPN, das Firmen-Telephon-Netz), PageViews (angeklickte Seiten einer Webpage)?

Viel Spaß!

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