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02.01.2002 - Gastkommentare

Der Bildungscoach auf der Bildungscouch

Die Ansprüche an die Lehrer werden durch Internet weit größer, keinesfalls kleiner.

GASTKOMMENTAR VON JOSEF SMOLLE

Der Autor ist Universitätsprofessor und Vorsitzender der katholischen Elternvereine in der Steiermark.

Information ist jederzeit und allerorts verfügbar - das Internet hat nicht nur die Haushalte, sondern auch die Schulen erobert. Sinnlos sei das Lernen von Fakten, ausgedient habe der Lehrer im klassischen Sinn, heißt es. Wozu Bildung, wenn die Information nur einen Mausklick entfernt ist?

Wir brauchen keine Lehrer, sondern einen Bildungscoach. Faktenwissen sei veraltet, überflüssig geworden, angeblich sinnlos. Lernen im herkömmlichen Sinne erübrige sich, weil jeder Inhalt im Internet abrufbar sei. Nur das Beharrungsvermögen des Bildungswesens habe verhindert, daß dem bereits Rechnung getragen worden sei.

Der Trugschluß liegt darin, Information mit Bildung gleichzusetzen. Ziel der Bildung junger Menschen soll es unter anderem sein, sie zu Verständnis für komplexe Zusammenhänge und zu selbständigem Denken zu erziehen. Das wird - gerade angesichts der heutigen Herausforderungen - ohne grundlegendes Fachwissen nicht erreichbar sein. Denn Wissen und Verständnis stellen keine widersprüchlichen Alternativen dar, sondern bedingen einander. Lernen von Inhalten, ohne sie zu verstehen, ist zwar theoretisch möglich, aber sehr mühsam und kurzlebig. Etwas verstehen zu wollen, ist dagegen völlig unmöglich. Versuchte man, einen Überblick zu vermitteln und dabei Fakten vorzuenthalten, hieße das, die Schüler zu entmündigen. Man enthebt sie nicht nur des selbständigen Denkens, man verwehrt ihnen sogar die Grundlagen dazu. Durchblick zu suggerieren ohne Einblick zu verlangen, heißt die Lernenden in völliger Abhängigkeit von den Fakten-Brosamen zu halten, die dem Lehrenden für einer bestimmte Art der Einsicht förderlich erscheinen: Entrümpelung wird zur Indoktrination.

 


Wird sich dies durch die universelle Verfügbarkeit von information ändern? Soll sich die Schule wirklich darauf beschränken, den Umgang mit den neuen Medien zu coachen und das weitere intellektuelle Gedeihen von der Couch aus zu beobachten? So einfach wird die Entwicklung nicht sein. Tonträger sind seit Jahrzehnten in jedem Haushalt zu finden. Will man Musik hören, braucht man sie nicht mehr selbst zu machen, man schaltet einfach den CD-Player ein. Sind deswegen die Musikschulen verschwunden? Mitnichten. Manche Menschen konsumieren tatsächlich Musik nur mehr passiv, während andere vielleicht sogar intensiver als zuvor ihr musikalisches Talent entfalten. Eine künstlerische Zwei Klassen-Gesellschaft mag vielleicht auf den ersten Blick wenig beängstigend erscheinen. Ist das dennoch die Zukunft, die wir uns auch für die gesamte übrige Bildung wünschen?

Es wäre nicht verwunderlich, wenn das scheinbar hoffnungslose Ausgeliefertsein an Bits und Bytes eine neue Freude an der eigenen intellektuellen Leistungsfähigkeit wecken sollte. Je größer das Vorwissen, desto sinnvoller der Umgang mit offenen Informationsangeboten. Ausgeliefert ist man dagegen, wenn man aktuell nicht mehr an Informationen greifbar hat als auf einem Computerbildschirm Platz hat.

Unsere Schulen sollen die jungen Menschen auf einem Weg begleiten, der sie zu mehr befähigt als zum Online-Shopping. Wir brauchen daher mehr denn je Lehrer, die Wissen weitergeben, Verständnis wecken und Grundlagen schaffen für ein selbständiges und kreatives Denken und Handeln.

Natürlich hat die pure Information im Internet an sich auch einen Wert - man denke etwa an die online verfügbaren ÖBB-Zugverbindungen. Diese aber hat man ja bisher in den Schulen auch nicht auswendig lernen müssen.

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