Seferis

 

HomeSpracheBildungswertSchriftAskesisInhalteNeugriechisch


 Γιώργος Σεφέρης

Dankesworte zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur
beim Nobel-Bankett in Stockholm am 10. Dezember 1963
[1]

Ich fühle mich in diesem Moment wie ein lebender Widerspruch. Die schwedische Akademie hat entschieden, dass meine Bemühungen in einer Sprache, die Jahrhunderte hindurch berühmt war, allerdings in der gegenwärtigen Form nicht gerade verbreitet ist, diese hohe Auszeichnung verdienen. Das ist Ausdruck einer Wertschätzung  meiner Sprache - und ich erwidere meine Dankbarkeit dafür in einer fremden Sprache! Ich hoffe, Sie nehmen die Entschuldigungen, die an mich selbst gerichtet sind, an.  

Ich gehöre einem kleinen Land an. Als steiniges Vorgebirge im Mittelmeerraum hat es nichts Außergewöhnliches, nur die Bemühungen seines Volkes, das Meer und das Licht der Sonne. Es ist ein kleines Land, aber seine Tradition ist unermesslich und wurde die Jahrhunderte hindurch weitergereicht - ohne Unterbrechung. Die griechische Sprache hat nie aufgehört gesprochen zu werden. Sie hat die Veränderungen durchgemacht, die alle Lebewesen erfahren, aber es hat nie einen Bruch gegeben. Diese Tradition ist charakterisiert durch die Liebe zum Menschen. Gerechtigkeit ist die Norm. In den streng aufgebauten klassischen Tragödien wird der Mensch, der sein Maß überschreitet, von den Erinyen bestraft. Und diese Norm der Gerechtigkeit hat sogar im Reich der Schöpfung Bestand.

„Helios wird sein Maß nicht überschreiten“ sagt Heraklit, sonst werden ihm die Erinyen, die Dienerinnen der Gerechtigkeit, nachspüren.“ Ein heutiger Wissenschaftler könnte davon profitieren, wenn er diesen Ausspruch des ionischen Philosophen bedenkt. Ich bin beeindruckt von der Erkenntnis, dass die Wahrnehmung der Gerechtigkeit den griechischen Geist durchdrungen hat, und zwar in einem Ausmaß, dass es zu einem Gesetz der physischen Welt wurde. Einer meiner Lehrer rief am Beginn des letzten Jahrhunderts: „Wir sind verloren, weil wir ungerecht waren.“ Er war ein schriftloser Mann, der erst im Alter von 35 gelernt hatte zu schreiben. Aber im heutigen Griechenland geht die mündliche Tradition so weit zurück wie die schriftliche und ebenso die Dichtung. Ich halte es für bedeutsam, dass Schweden nicht nur diese Dichtung ehren möchte, sondern Dichtung im allgemeinen, auch wenn sie in einem kleinen Land entsteht. Ich halte nämlich Dichtung für eine Notwendigkeit in dieser modernen Welt, in der wir von Furcht und Unruhe betroffen sind. Dichtung hat ihre Wurzeln im menschlichen Atem - und was wären wir, wenn unser Atem geschwächt würde? Dichtung ist ein Ausdruck der Zuversicht - und wer weiß, ob unsere Unruhe nicht auf einen Mangel an Zuversicht zurückgeht.

Letztes Jahr wurde an diesem Tisch gesagt, es gebe einen gewaltigen Unterschied zwischen den Entdeckungen der modernen Wissenschaften und denen der Literatur, aber nur wenig Unterschied zwischen modernen und griechischen Dramen. Tatsächlich scheint sich das Verhalten des Menschen nicht verändert zu haben. Und ich sollte hinzufügen, dass wir heute darauf angewiesen sind, auf diese menschliche Stimme, die wir Dichtung nennen, zu hören, eine Stimme, die fortwährend in Gefahr ist, ausgelöscht zu werden - durch einen Mangel an Liebe,  aber stets neu geboren wird. Wenn sie bedroht war, hat sie stets eine Zuflucht gefunden; wenn man sie abwies, hat sie stets wie von selbst an unerwarteten Stellen neue Wurzeln geschlagen. Sie kennt keine großen oder kleinen Gegenden der Welt. Ihr Platz befindet sich in den Herzen der Menschen auf der ganzen Welt. Sie liefert den Zauber, der es ermöglicht, aus dem Teufelskreis des Alltags zu entkommen. Ich schulde der schwedischen Akademie Dank dafür, dass sie diese Umstände bedenkt, dass sie beachtet, dass Sprachen, von denen man sagt, dass sie nur eingeschränkt verbreitet sind, nicht zu Schranken werden sollen, die das Schlagen des menschlichen Herzens ersticken, und dafür, dass sie ein wahrer Areopag ist, in der Lage „to judge with solemn truth life’s ill-appointed lot“, um Shelley[2] zu zitieren, die, so sagt man, Alfred Nobel inspirierte, dessen Großherzigkeit [3] ein Gegengewicht zur unvermeidlichen Gewalt bildet.

In unserer allmählich kleiner werdenden Welt, ist jeder auf jeden anderen angewiesen. Wir müssen nach dem Menschen Ausschau halten - überall, wo wir ihn finden können. Als Ödipus auf seinem Weg nach Theben der Sphinx begegnete, lautete seine Antwort auf ihr Rätsel: „Der Mensch“. Dieses einfache Wort zerstörte das Ungeheuer. Wir haben viele Ungeheuer zu zerstören. Denken wir an die Antwort des Ödipus!

[1] eigener Versuch einer Übersetzung aus dem englischen Original, unter folgender Adresse nachzulesen: http://www.nobel.se/literature/laureates/1963/seferis-speech.html

[2] Mary Wollstonecraft Shelley, 1797-1851

[3] Σεφέρης denkt m. E. dabei an μεγαθυμία

 

HomeSpracheBildungswertSchriftAskesisInhalteNeugriechisch