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Schlüsselqualifiikationen

Das Fach Latein kann Leistungen erbringen , im Sprach- und Lektüreunterricht, und zwar in den Arbeitsfeldern und Lernbereichen von:

  1. Arbeit an der Sprache, besonders bei deren Erwerb
  2. Übersetzung und Interpretation von Texten
  3. Auseinandersetzung mit Inhalten und Werten

In Bezug auf das entsprechende Problemfeld (Natur und Umwelt, Friedliches Zusammenleben der Menschen, Kultur und Tradition, Wissenschaft und Beruf, Wort und Bild, Wertbewusstsein und Sinnfindung) können die Leistungen folgendermaßen bestehen:

Natur und Umwelt:

Die Antike hatte ein grundsätzlich anderes Verhältnis zur Natur, auch wenn man bei Bedarf ganze bewaldete Berge kahlschlug, um Schiffe zu bauen. Man betrachtete sie als von Göttern belebt, heilig, unantastbar, als "lebensspendende Mutter Erde". Eingriffe in ihre "Eingeweide" galten als Verfehlung. Diese Einsicht in das zunächst fremde Denken kann an geeigneten Texten die eigene gegenwartsverhaftete Position der Schüler relativieren und aus dem Kontrast den Sinn und vielleicht auch die Bereitschaft zu einem Bewusstseinswandel im Umgang mit der Natur anbahnen.

Die Naturbemächtigung durch den Menschen ist das Ergebnis von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die zwischen Mittelalter und Neuzeit erarbeitet und zumeist in lateinischer Sprache dargestellt wurden. Die Kopernikanische Wende rückte die Erde aus dem Zentrum der Welt und gab sie so der empirischen Forschung frei; sie musste, nun als "Stiefmutter Erde" empfunden, die bislang ihre Schätze von den Kindern verbarg, nach Francis Bacon ("Wissen ist Macht") "auf die Folterbank gespannt werden", damit man "ihr die Geheimnisse abquetschen" konnte. Damit habe nach allgemeiner Auffassung der Sieg von Naturwissenschaft und Technik begonnen. Solche an den Quellentexten dieser Entwicklung vermittelte Erfahrung schafft womöglich im Schüler eine Skepsis gegenüber dem technischen Fortschritt, der ja bekanntlich zugleich auch Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang mit dessen Ergebnissen ist.

Friedliches Zusammenleben der Menschen:

Konflikt, Gewalt und Krieg sind in der Antike von den Menschen unmittelbar und in ihren schlimmsten Folgen erfahren worden. Das Thema ist deshalb in allen Formen der Literatur verarbeitet. Friede als erstrebenswertes Gut wurde begründet und in seinen Bedingungen definiert. In der römischen Politik galt Friede als ein durch Krieg errungener, vertraglich geregelter Zustand, als Pax. Krieg wurde deshalb unter bestimmten Voraussetzungen als gerecht (als bellum iustum) beurteilt. Die dadurch begründete Eroberung anderer Völker war immer auch bestimmt von der Ideologie der Kultivierung der Unterlegenen, also von Fremden, von Barbaren. Ein Feindbilddenken bestimmte weithin die Römer.

Die damals formulierten Ideen und Prinzipien waren lange Zeit im europäischen Raum vorherrschend, wurden freilich auch kritisch beurteilt und aus christlicher Sicht relativiert. Die Auseinandersetzung mit solch fragwürdiger Politik des römischen Imperiums schafft das Bewusstsein für die Problematik von Krieg und Frieden und liefert Kriterien, die einen instand setzen, in Sprache und Text gefasste Begründungsstrategien für kriegerische Eroberung zu entlarven.

Auf diese Weise werden junge Menschen veranlasst, ihr eigenes Verhältnis zu Konflikt, Gewalt und Krieg zu überdenken und aus dem Blickwinkel des heutigen demokratischen Staatsverständnisses kritisch zu beurteilen. Dadurch kann in ihnen die Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens und die Bereitschaft zu Toleranz und Anerkennung des Fremden wie überhaupt die Würde des Menschen wachsen. Gleichermaßen gibt die römische Staatslehre Anlass, das Verhältnis des Einzelnen zum Staat von Grund auf mit philosophischen Fragestellungen zu thematisieren.

  1. Kultur und Tradition:

    Der Gegensatz zwischen dem Streben nach einem vereinten Europa einerseits und den regionalen und nationalen Bestrebungen andererseits kann nur durch die Besinnung auf gemeinsame Wurzeln aufgehoben werden. Die europäische Geschichte hat viele Dimensionen: die der Politik, der Religion, der Kunst und Literatur, der Wissenschaft und Schule, der Wirtschaft und des Verkehrs.

    Das Fundament für die hier gewachsenen Kultur ist den europäischen Völkern seit etwa 2000 Jahren gemeinsam; es wird gebildet von der griechisch-römischen Antike und dem Christentum.

    Die Römer haben die kulturellen Entdeckungen der Griechen aufgenommen, ihrem Geist und ihren Bedürfnissen angepasst, sie auch weitergedacht, ergänzt, Neues dazu gefügt und so alles in den Prozess der Geistes- und Kulturgeschichte eingebracht. So hat sich antikes Denken in lateinischer Sprache neben dem Christentum über die Zeit hin als prägend für Europa erwiesen.

    Die Suche nach einer kulturellen Identität wird demnach notgedrungen in allen Ländern Europas gerade auch and er gemeinsamen Wurzel des Griechischen und Römischen ansetzen.

    Die jungen Menschen erfahren in der Begegnung mit der lateinischen Sprache und Literatur sowohl von den Anfängen der europäischen Geschichte wie auch von den Grundbausteinen, aus denen sich die aktuelle Kultur in ihren verschiedenen Erscheinungsformen aufbaut. Das Kulturbewusstsein, das hierbei vermittelt wird, gibt Orientierung und zugleich auch Anstöße zu schöpferischer Auseinandersetzung mit der Geschichte.

     



Vergil

Dadurch kann im jungen Menschen das Gespür für die Verantwortung gegenüber Kultur und Tradition geweckt werden und auch die Bereitschaft, sich selbst für ihre Pflege einzusetzen und andere dazu anzuregen.

Wissenschaft und Beruf:
Lateinische Texte stellen - bei aller Betonung der Notwendigkeit der staatlichen Gemeinschaft und ihrer Sicherheit - den Menschen radikal in Zentrum. Er ist der Entscheidende, Handelnde Leidende, Liebende, Hassende. In den verschiedenen Formen der Literatur werden Schicksal, Bestimmung, Pflichten, Unzulänglichkeiten des Menschen so nachhaltig dargestellt, dass sie nachfolgenden Denkern zu Mustern wurden, die zur Nachahmung oder zum Widerspruch reizten und auf solche Weise neue Erkenntnisse gewinnen ließen. So hat sich die Tradition einer historischen Entwicklung ergeben. Antike Denkinhalte, Begriffe, Kategorien, methodische Verfahren wirken mehr oder minder stark in den aktuellen Wissenschaften weiter.

Die Beschäftigung mit solchen Denkmustern in ihrer besonderen Begrifflichkeit ermöglicht den Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten und schafft vielfach auch Wissensvoraussetzungen für unser Studium.

Das Kennenlernen von verschiedenen geschichtlich bedingten Situationen des Menschseins über die Zeiten hin legt die Grundlage für die Fähigkeit, die Gegenwartsprobleme kritisch, aus der Distanz und differenziert zu sehen und vor dem Hintergrund des Vergangenen nach Lösungen für die Zukunft zu suchen.

Historisches Bewusstsein, das auch durch die Lektüre lateinischer Texte gewonnen wird, ist ein zentraler Bestandteil der vertieften Allgemeinbildung, die zum Spezialwissen hinzuzutreten hat.

Die Kenntnis des Menschen in den wechselvollen Entwicklungen der Geschichte gibt dieser Allgemeinbildung eine humanistische Dimension, wie sie für die Kompetenz des Wissenschaftlers, Managers und Technikers vonnöten ist.

Wort und Bild:

Lateinische Texte sind hochwertige Sprachprodukte; sie sind stilistisch geformte Kunstprosa oder Dichtung. Sie genügen hohen ästhetischen Ansprüchen. Jedes Wort ist wohlüberlegt gesetzt, die Sätze sind in eine ausgewogene Struktur gebracht, die Texte zeigen einen durchdachten Aufbau. Die Darstellung ist geprägt von Leitbegriffen und Wortstellungsfiguren; ihre Bildhaftigkeit, die sich in Metaphern, Symbolen und Vergleichen ausdrückt, ist ein wesentliches Element der Information und Überzeugungsabsicht. Oftmals sind ihre Inhalte in der Kunstform des Bildes rezipiert worden, sodass die vergleichende Betrachtung in Text und Bild auch einen kritisch-überlegten Umgang mit visuellen Produkten des Menschen fordert und fördert.

Der Umgang mit antiken Texten verlangt höchste Sorgfalt mit dem Einzelwort, mit den syntaktischen Strukturen, mit den Elementen der Textkonstitution. Das sensibilisiert für die Bedeutung der Sprache und weckt vielleicht auch den Sinn für die Schönheit der Form. Die eigene Ausdrucksfähigkeit des Schülers wird gefordert und gefördert.

Gerade lateinische Texte lassen das Wort als "geheimnisvolle Macht mit ambivalentem Charakter" (Vaclav Havel) erfahren. Die Sprache als Mittel der Kommunikation will andere gewinnen: in der Gerichts- und Staatsrede, in der Geschichtsschreibung, im philosophischen Diskurs. Immer werden die Leser im Sinne des Autors gelenkt. Die Fähigkeit, die bei solcher Psychagogie wirksamen rhetorischen Mittel zu durchschauen, kann den jungen Menschen den modernen Sprachmedien gegenüber zwar nicht immunisieren, aber doch in eine skeptische Grundhaltung bringen, was entscheidend zur kritischen Eigenständigkeit beiträgt.

Wertbewusstsein und Sinnfindung:

Die Menschen der Antike haben von den frühesten Anfängen an über die Beziehungen der Menschen zueinander nachgedacht und Modelle für dieses geradezu naturnotwendige Verhältnis entworfen.

Dabei wurde immer betont, dass eine Gemeinschaft ohne Wertorientierung nicht existenzfähig ist, dass zugleich deren Verbindlichkeit dem Einzelnen Halt und Sinn für das eigene leben gibt. Solche Werte sah man durchaus religiös verwurzelt.

In der Konfrontation mit solchen Denkmodellen, mit solchermaßen exemplarisch gestalteten Situationen der menschlichen Existenz sieht sich der Schüler veranlasst, sich mit Fragen der Wertfndung in Gesellschaft und Staat intensiv zu beschäftigen und sich seine eigene Einstellung dazu bewusst zu machen.

Die Erkenntnis von der durchgängigen Diskussion dieser Stoffe, von den Griechen über die Römer bis in die Neuzeit, macht auf die prinzipielle Wichtigkeit der Problematik aufmerksam und hilft mit, im jungen Menschen den Grund zu legen für eine geschichtsbewusste und zukunftsorientierte Bewältigung der Gegenwart, in der er sich als sinnvolles und verantwortliches Mitglied der Gemeinschaft begreifen kann. 

 

 

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