Peter Stein

 

HomePeter SteinSeferisPaulusEuthyphronEuropaInformationCyberspaceSchuleZypernEphesosReise 2005GriechenlandKretaReise 2007Santorini



„Die griechischen Mythen sind ein Wunder“

Der deutsche Theatermacher Peter Stein spricht mit der „K“ - anlässlich der Vorstellung der verfilmten Aufführung der Orestie [1] - von Panajotis Panagopulu

Peter Stein liebt die griechischen Mythen. Sie erfüllen für ihn eine Quelle ununterbrochener Inspiration. Der bedeutende deutsche Theatermacher kommt am 26. Oktober nach Athen, um eine neue Aufführung zu präsentieren, aber es geht nicht um das Theater, sondern um die verfilmte Aufführung der Orestie. Diese wird im Rahme der „Cine-Mythologia“ realisiert, der großen Feier des Thessaloniki-Filmfestivals, und Stein wird mit dem Publikum sprechen. Anlässlich seiner Reise nach Athen, ausgehend von Riga, wo er sich zuletzt wegen der Vorbereitung einer weiteren Aufführung länger aufhielt, sprach Peter Stein mit der „K“ über die Bedeutung und die Kontinuität der griechischen Mythen, ebenso über die Fragen, die eine Übertragung (Interpretation) in der zeitgenössischen Kunst aufwirft.

 

Viele Seiten

Welchen griechischen Mythos lieben Sie am meisten und warum?

Das ist schwer zu sagen, da die meisten Mythen miteinander verbunden sind.  Sie sind nicht autonom. Sie sind ein Geflecht unterschiedlicher Elemente. Aber für mich ist ganz klar: Das Interessanteste ist, dass die Menschheit in den unterschiedlichsten Situationen Hilfe erfährt. Das andere interessante Element ist, dass die Mythen, hauptsächlich in den Tragödien,  politische Fragen in einem sehr komplizierten Staatswesen wie der athenischen Demokratie widerspiegeln. Das sind die reizvollsten Seiten für mich, daher halte ich die Orestie für das bedeutendste Werk, weil es aus den alten Zeiten übertragen worden ist, und ich bin glücklich darüber, dass seine Aufführung jetzt verfilmt ist.

 

Warum glauben Sie, dass die griechische Mythen für das internationale Publikum noch reizvoll sind?

Das ist schwer zu erklären. Ich glaube, weil sie in klarer und verständlicher Weise über die großen Probleme der Menschheit sprechen und in andere kulturelle Umgebungen übertragen werden wie nach Japan oder Südamerika. Das ist die Kraft der griechischen Mythen und schwer zu erklären. Es ist ein Wunder.

 

Die Rolle des Chores

Was beschäftigt sie bei einer zeitgenössischen Theateraufführung in Bezug auf die Mythen am meisten?

Der Chor und die Chorlieder. Sie sind ein Organ, das sich mitten in der Handlung findet, und zwar des Publikums, das an der Handlung teilnimmt. Das ist der Punkt mit der stärksten Problematik, und deswegen drängt es mich, Lösungen für das zeitgenössische Publikum vorzuschlagen, sodass man ihn begreifen kann als nützliches Medium der Zuschauer, dass sie nicht nur warten, dass die Handlung endet oder weitergeht. Speziell in der Orestie hat der Chor zwei Drittel des Textes, und so ist es sehr bedeutsam, dass seine Darbietung lebendig und interessant ist.

 

Würden Sie sagen, dass die griechischen Mythen einen guten Stoff für das Kino bieten?

Offenbar leisten sie mehr in der Übertragung. Beim „Odysseus“ beispielsweise oder anderen „direkten“ Werken, handelt es sich eher um eine nicht allzu ernste Volkskultur. Aber die griechischen Mythen regen dazu an, dass ihre Geschichten wieder erzählt werden mit modernen Kostümen, in moderner Gestalt, mit Bezug auf die gegenwärtige menschliche Erfahrungswelt. Die besten Übertragungen sind nicht die direkten, sondern jene, die die Mythen in einer mittelbaren (indirekten) Weise gebrauchen.


[1] (Eigene Übersetzung aus "Η Καθημερινή", Κυριακή 19 Οκτωβρίου 2003, τέχνες και γράμματα, σελ. 2)
 


Könnten Sie verschiedene derartige Übertragungen definieren?  

Es gibt viele Filme, die auf griechischen Mythen beruhen. So werden beispielsweise in den Filmen von Breson mythologische Gegebenheiten in einer anderen Gestalt noch einmal erklärt.   

Pompöse Filme

Wie würden Sie den neuesten Trend bei Hollywood-Produktionen zu alten griechischen Geschichten wie „Troja“ oder die beiden „Alexandroi“ kommentieren?

Es ist ganz klar, dass die Mythen und Geschichten in diesem Umstand als perfektes Spektakel verwendet werden. Es geht um die wirtschaftliche Verwertung dieser zusammengesetzten Geschichten, nicht darum, sie in einer neuen, anderen Weise zu erklären. Wenn man rund um die Alexandergeschichte ein Musical oder einen pompösen Film gestaltet, dann ist das in Wahrheit nicht das, was die Geschichte erzählt. In unseren Tagen muss alles spektakulär und eindrucksvoll sein, um ein Interesse anzuziehen. Diese Geschichten basieren auf historischen Tatsachen. Ich glaube nicht, dass die Mythen in einer solchen Weise verwendet werden können.

 

Erkennen sie die Mythen hinter völlig verschiedenen Verfilmungsarten, etwa die wissenschaftliche Phantasie?

Alle Geschichten stützen sich in einer gewissen Weise auf die griechische Mythologie. Das Problem mit den Übertragungen ist, dass die Mythen in einer sehr einfachen Weise verwendet werden. So ist das Ergebnis gewöhnlich banal und gleichgültig. (Aber) In jedem Umstand werden die grundlegenden Gefühle wie Einsamkeit, dass man nichts tun kann oder dass man sich selbst anklagt wegen der Situation, die / in der man lebt, in der bekannten Weise in den griechischen Mythen ausgedrückt.

 

Theater und Kamera

Welches sind die bedeutsamsten Probleme bei der Verfilmung eines Theaterstücks?

Das Theater begründet sich mit der Erfahrung des Chores. Wenn man anwesend ist, kann man die Entwicklung der Handlung wahrnehmen. Im Film ist das begrenzt, weil das Bild distanziert ist. Man muss daher den Blickwinkel und das, was man zeigen möchte, auswählen, während im Theater das Publikum auswählt, was es sieht. Die Zuschauer können auswählen, weil sie die Erfahrung des Chores einbringen. Der zweite Punkt ist, dass Theater nicht nur aus Schauspielern entsteht. Es entsteht auch aus den Zuschauern, die teilnehmen. Die Zuschauer vollenden die Inspiration in Hinblick auf das, was auf der Bühne geschieht. Wenn man sie wegnimmt und an ihre Stelle eine Kamera setzt, dann fehlt ein Großteil der Zuschauererfahrung. Im Video, das ich über die Orestie gedreht habe, musste ich die Zuschauer auswählen. Leider - weil die Aufführung mitten unter den Zuschauern erfolgt. Das lässt sich nicht auf den Bildschirm übertragen. Aber es gibt auch die positive Seite. Der Regisseur kann das auswählen, was er genau zeigen möchte, er kann die Gesichtszüge näher bringen und Mitgefühle steigern, etwas was im Theater aufgrund der Entfernung verloren geht. In der Orestie war ich sehr glücklich, weil ich viele Mittel zu meiner Verfügung hatte. Sie wurde in 40 Tagen gedreht, eine schreckliche Perfektion, bedenkt man, dass andere Aufführungen innerhalb von fünf Stunden gedreht werden.

 

Gemischte Form

Würden sie sagen, dass dieser Stoff sich als Filmstoff erweist oder dass er hauptsächlich antik ist?

Ich habe verschiedene Arten der Umsetzung versucht, folglich sind einige Abschnitte möglicherweise geglückt als Aufzeichnung einer Theateraufführung - neben einer Verfilmung. Es ist aber niemals ein tatsächlicher Film. Und auch keine Dokumentation. Es ist etwas dazwischen Liegendes, für die Menschen, die das Theater und den Film lieben. Es ist eine gemischte Form, und diese Arten sind immer problematisch, auch wenn man sie genießen kann. Es kommt darauf an, ob der Regisseur die Gesetze eines jeden Mittels beachtet.

© Η Καθημερινή (Der Originaltext steht leider nur in der Printausgabe zur Verfügung)

 

 

HomePeter SteinSeferisPaulusEuthyphronEuropaInformationCyberspaceSchuleZypernEphesosReise 2005GriechenlandKretaReise 2007Santorini