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„Die griechischen Mythen sind ein Wunder“ Der deutsche Theatermacher
Peter Stein spricht mit der „K“ - anlässlich der Vorstellung der verfilmten
Aufführung der Orestie [1]
- von Panajotis Panagopulu Peter Stein liebt die griechischen Mythen. Sie
erfüllen für ihn eine Quelle ununterbrochener Inspiration. Der bedeutende
deutsche Theatermacher kommt am 26. Oktober nach Athen, um eine neue Aufführung
zu präsentieren, aber es geht nicht um das Theater, sondern um die verfilmte
Aufführung der Orestie. Diese wird im Rahme der „Cine-Mythologia“ realisiert,
der großen Feier des Thessaloniki-Filmfestivals, und Stein wird mit dem
Publikum sprechen. Anlässlich seiner Reise nach Athen, ausgehend von Riga, wo
er sich zuletzt wegen der Vorbereitung einer weiteren Aufführung länger
aufhielt, sprach Peter Stein mit der „K“ über die Bedeutung und die Kontinuität
der griechischen Mythen, ebenso über die Fragen, die eine Übertragung
(Interpretation) in der zeitgenössischen Kunst aufwirft. Viele Seiten
Welchen griechischen Mythos
lieben Sie am meisten und warum? Das ist schwer zu sagen, da die meisten Mythen
miteinander verbunden sind. Sie sind
nicht autonom. Sie sind ein Geflecht unterschiedlicher Elemente. Aber für mich
ist ganz klar: Das Interessanteste ist, dass die Menschheit in den
unterschiedlichsten Situationen Hilfe erfährt. Das andere interessante Element
ist, dass die Mythen, hauptsächlich in den Tragödien, politische Fragen in einem sehr komplizierten Staatswesen wie der
athenischen Demokratie widerspiegeln. Das sind die reizvollsten Seiten für
mich, daher halte ich die Orestie für das bedeutendste Werk, weil es aus den
alten Zeiten übertragen worden ist, und ich bin glücklich darüber, dass seine
Aufführung jetzt verfilmt ist. Warum glauben Sie,
dass die griechische Mythen für das internationale Publikum noch reizvoll sind? Das ist schwer zu erklären. Ich glaube, weil sie in
klarer und verständlicher Weise über die großen Probleme der Menschheit
sprechen und in andere kulturelle Umgebungen übertragen werden wie nach Japan
oder Südamerika. Das ist die Kraft der griechischen Mythen und schwer zu
erklären. Es ist ein Wunder. Die Rolle des Chores
Was beschäftigt
sie bei einer zeitgenössischen Theateraufführung in Bezug auf die Mythen am
meisten? Der Chor und die Chorlieder. Sie sind ein Organ,
das sich mitten in der Handlung findet, und zwar des Publikums, das an der
Handlung teilnimmt. Das ist der Punkt mit der stärksten Problematik, und
deswegen drängt es mich, Lösungen für das zeitgenössische Publikum
vorzuschlagen, sodass man ihn begreifen kann als nützliches Medium der
Zuschauer, dass sie nicht nur warten, dass die Handlung endet oder weitergeht.
Speziell in der Orestie hat der Chor zwei Drittel des Textes, und so ist es
sehr bedeutsam, dass seine Darbietung lebendig und interessant ist. Würden Sie sagen, dass die
griechischen Mythen einen guten Stoff für das Kino bieten? Offenbar
leisten sie mehr in der Übertragung. Beim „Odysseus“ beispielsweise oder
anderen „direkten“ Werken, handelt es sich eher um eine nicht allzu ernste
Volkskultur. Aber die griechischen Mythen regen dazu an, dass ihre Geschichten
wieder erzählt werden mit modernen Kostümen, in moderner Gestalt, mit Bezug auf
die gegenwärtige menschliche Erfahrungswelt. Die besten Übertragungen sind
nicht die direkten, sondern jene, die die Mythen in einer mittelbaren
(indirekten) Weise gebrauchen. |
Könnten
Sie verschiedene derartige Übertragungen definieren? Es
gibt viele Filme, die auf griechischen Mythen beruhen. So werden beispielsweise
in den Filmen von Breson mythologische Gegebenheiten in einer anderen Gestalt
noch einmal erklärt. Pompöse
Filme Wie
würden Sie den neuesten Trend bei Hollywood-Produktionen zu alten griechischen
Geschichten wie „Troja“ oder die beiden „Alexandroi“ kommentieren? Es
ist ganz klar, dass die Mythen und Geschichten in diesem Umstand als perfektes
Spektakel verwendet werden. Es geht um die wirtschaftliche Verwertung dieser
zusammengesetzten Geschichten, nicht darum, sie in einer neuen, anderen Weise
zu erklären. Wenn man rund um die Alexandergeschichte ein Musical oder einen
pompösen Film gestaltet, dann ist das in Wahrheit nicht das, was die Geschichte
erzählt. In unseren Tagen muss alles spektakulär und eindrucksvoll sein, um ein
Interesse anzuziehen. Diese Geschichten basieren auf historischen Tatsachen.
Ich glaube nicht, dass die Mythen in einer solchen Weise verwendet werden
können. Erkennen sie die
Mythen hinter völlig verschiedenen Verfilmungsarten, etwa die wissenschaftliche
Phantasie? Alle Geschichten stützen sich in einer gewissen
Weise auf die griechische Mythologie. Das Problem mit den Übertragungen ist,
dass die Mythen in einer sehr einfachen Weise verwendet werden. So ist das
Ergebnis gewöhnlich banal und gleichgültig. (Aber) In jedem Umstand werden die
grundlegenden Gefühle wie Einsamkeit, dass man nichts tun kann oder dass man
sich selbst anklagt wegen der Situation, die / in der man lebt, in der
bekannten Weise in den griechischen Mythen ausgedrückt. Theater und Kamera
Welches sind die bedeutsamsten
Probleme bei der Verfilmung eines Theaterstücks? Das Theater begründet sich mit der Erfahrung des
Chores. Wenn man anwesend ist, kann man die Entwicklung der Handlung
wahrnehmen. Im Film ist das begrenzt, weil das Bild distanziert ist. Man muss
daher den Blickwinkel und das, was man zeigen möchte, auswählen, während im
Theater das Publikum auswählt, was es sieht. Die Zuschauer können auswählen,
weil sie die Erfahrung des Chores einbringen. Der zweite Punkt ist, dass
Theater nicht nur aus Schauspielern entsteht. Es entsteht auch aus den
Zuschauern, die teilnehmen. Die Zuschauer vollenden die Inspiration in Hinblick
auf das, was auf der Bühne geschieht. Wenn man sie wegnimmt und an ihre Stelle
eine Kamera setzt, dann fehlt ein Großteil der Zuschauererfahrung. Im Video, das
ich über die Orestie gedreht habe, musste ich die Zuschauer auswählen. Leider -
weil die Aufführung mitten unter den Zuschauern erfolgt. Das lässt sich nicht
auf den Bildschirm übertragen. Aber es gibt auch die positive Seite. Der
Regisseur kann das auswählen, was er genau zeigen möchte, er kann die
Gesichtszüge näher bringen und Mitgefühle steigern, etwas was im Theater
aufgrund der Entfernung verloren geht. In der Orestie war ich sehr glücklich,
weil ich viele Mittel zu meiner Verfügung hatte. Sie wurde in 40 Tagen gedreht,
eine schreckliche Perfektion, bedenkt man, dass andere Aufführungen innerhalb
von fünf Stunden gedreht werden. Gemischte Form
Würden sie sagen,
dass dieser Stoff sich als Filmstoff erweist oder dass er hauptsächlich antik
ist? Ich habe verschiedene Arten der Umsetzung versucht,
folglich sind einige Abschnitte möglicherweise geglückt als Aufzeichnung einer
Theateraufführung - neben einer Verfilmung. Es ist aber niemals ein
tatsächlicher Film. Und auch keine Dokumentation. Es ist etwas dazwischen
Liegendes, für die Menschen, die das Theater und den Film lieben. Es ist eine
gemischte Form, und diese Arten sind immer problematisch, auch wenn man sie
genießen kann. Es kommt darauf an, ob der Regisseur die Gesetze eines jeden
Mittels beachtet. © Η Καθημερινή (Der
Originaltext steht leider nur in der
Printausgabe zur Verfügung) |
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