Orpheus und Eurydike - Ovid im Vergleich mit anderen Künstlern

Text- und Gesamtinterpretation

 

Interpretation von Ovid, Metamorphosen 10, 1-69

 

1-9:

 

-           Von welcher Atmosphäre ist dieses Hochzeitsfest bestimmt?

-           Was deutet auf den schlechten Ausgang des Ereignisses hin? Wie sind diese Anzeichen sprachlich gestaltet? In welcher Abfolge erscheinen die Vorgänge bis zum Ende?

11-17:

 

-           Inwiefern kommt dem Wort nequiquam sprachlich und inhaltlich der Hauptakzent dieses Textabschnitts zu?

-           Was drängt Orpheus nach Eurydikes Tod Ungewöhnliches zu wagen? Welche Ausdrücke weisen auf das Außergewöhnliche dieses Tuns hin?

-           Wie ist das Schattenreich charakterisiert? Worauf gründet sich Orpheus’ Zuversicht, „in der finsteren Dumpfheit der unteren Welt“ Erfolg zu haben?

17-39:

 

-           Inwiefern tritt hier der Sänger als Rechtsanwalt auf? (Ovid sollte übrigens nach dem Willen seines Vaters Recht studieren)?

-           Wogegen lehnt sich Orpheus auf? Zwischen welchen Mächten tritt hier ein offener Konflikt zutage? An welchen Stellen wird das deutlich?

-           Auf welche existentielle Problematik macht der Text hier eindringlich aufmerksam? Wie ist Orpheus’ Position und Forderung zu beurteilen?

40-49:

 

-           Was soll es bedeuten, wenn die Unterweltbüßer einen Augenblick in ihrer unendlichen Mühsal innehalten?

-           Was will der Dichter andeuten, wenn er für die Reaktion der Herrscher im Hades das Prädikat „non sustinet“ wählt?

50-63:

 

-           Welches Gebot wird dem Orpheus von Pluto gegeben? Mit welchen spachlichen Mitteln (Satzbau, Redeweise) wird dieses zum Ausdruck gebracht?

-           Wie motiviert Ovid das Umschauen des Orpheus? Was lässt sich in der Reihenfolge der Begründungen feststellen? Welche Gefühle zeigt dabei der Sänger?

64-69:

 

-           Wie erträgt Orpheus seinen Misserfolg? Welche Ausdrücke wählt der Dichter, um des Sängers Stimmung zu verdeutlichen?

-           Wie ist letztlich das Reich des Todes dem „Menschen“ begegnet? Was bedeutet für Ovid das weitere Leben?

 

 


Aufgaben zur Gesamtinterpretation:

-           Stelle den Aufbau der Episode anhand einer Gliederung fest. Wo liegen die Schwerpunkte der Geschichte?

-           An welchen Stellen und mit welchen Wörtern bzw. Wendungen wird im Ablauf des Geschehens auf die Erfolglosigkeit von Orpheus’ Bemühungen hingewiesen? Worin erkennt man den Leitgedanken im Mythos von Orpheus und Eurydike?

-           Warum wird Orpheus die Bedingung gestellt, sich nicht umzublicken? Dass Orpheus dieses Gebot gebrochen hat, hat zu vielen unterschiedlichen Begründungen Anlass gegeben:

§          Vergil (1. Jh. v. Chr.): aus Wahnsinn

§          Seneca (1. Jh. n. Chr.): aus Misstrauen

§          Angelo Poliziano (15. Jh.): aus jubelnder Begeisterung für die Frau

§          Calzabigi (16. Jh.) (Vorlage für Glucks Oper): wegen Provokation durch Eurydikes Liebesverlangen

§          Kokoschka (20. Jh.): aus Eifersucht auf Hades.

-           Wie sind diese Begründungen im Vergleich zu Ovid zu beurteilen?

 

Vergleich mit Vergil und einigen späteren Fassungen des Mythos:

 

Vergil, Georgica 4, 453-527 (Proteus spricht zu Aristäus):

 

„Wahrlich, es schlägt dich der Zorn einer unverächtlichen Gottheit,

büßest schweres Vergehn. So straft voll Jammer dich Orpheus;

und noch wäre dein Maß nicht erreicht, wenn Schicksal nicht wehrte. 455

Grimmig wütet er, ward ihm doch seine Gattin entrissen.

Denn vor dir auf der Flucht am Fluss kopfüberhinjagend,

sah sie, die arme, dem Tode verfallene, sah vor den Füßen

nicht am Ufer die Schlange, die grausige, lauern im Grase.

Aber der Altersgenossinnen Chor, die Dryaden, erfüllten  460

rings mit Jammer die Gipfel, es weinten Rhodopes Berge,

weinte Pangaeas Gebirg, des Rhesus streitbare Heimat,

Geten und Hebrus, es weinte die attische Maid Orithyia.

Er aber schlug, sein krankes Herz zu trösten, die Leier,

dich, sein holdes Gemahl, dich sang er, einsam am Strande,  465

dich, wenn der Tag sich erhob, sang dich, wenn er scheidend sich neigte;

selbst zum höllischen Schlund, durch Plutos ragende Pforte

und zum Haine, den Angst und Grausen düster umschauert,

drang er, tief zu den Manen hinab, zum furchtbaren Herrscher,

Herzen, die nimmer verstehn, sich menschlicher Bitte zu beugen. 470

Aber, vom Liede verlockt, hervor aus höllischen Tiefen

schwebten wie Hauch die Schatten, die Schemen, entrissen dem Lichte,

wie in Blättern sich Schar bei Schar die Vögel verbergen,

wenn von den Bergen der Abend sie scheucht und eisiger Sturmwind.

Mütter und Gatten und Leiber, gewaltige, adliger Recken, 475

nun dem Leben entrückt, und Knaben und bräutliche Mägdlein,

Jünglinge auch, auf den Holzstoß gebahrt vor den Augen der Eltern,

all diese bannt rings schwarz der Schlamm und des grausen Kokytos

garstiges Ried und der Sumpf, der unliebliche, trägen Gewoges,

und die Styx, neunmal sie umwindend, hält sie gefangen. 480

Staunend horchte sogar das Reich des Todes, der tiefste

Tartarus, lauschte der Chor der Erinnyen, bläuliche Schlangen

blähend im Haar, auch Cerberus hielt vor Staunen sein dreifach

Maul weit auf, still ruhte der Wind und das Rad des Ixion.

Schon ging Orpheus zurück, entronnen jeglicher Fährnis, 485

auch Eurydike stieg erlöst empor zu des Tages

Lüften, hinter ihm drein - so wollte Proserpinas Vorschrift -,

da überfiel urplötzlich den Liebenden, bar aller Vorsicht,

Wahnsinn, verzeihlicher, gäbe es nur bei Manen Verzeihung;

blieb er doch stehn, nach seiner Eurydike, fast schon am Lichte, 490

sah er sich um, vergaß des Gebots, überwältigt vom Herzen.

Da zerrann all Mühen in nichts, des unholden Herrschers

Pakt war gebrochen und grell kracht dreimal donnernd der Orkus.

Klagend rief sie: "Wer nur verdarb mich Arme und dich, mein

Orpheus, was für ein Wahn? Schon ruft mich grausam das Schicksal 495

wieder zurück, schon bricht Todschlaf die verschwimmenden Augen.

Leb nun wohl, die gewaltige schlingt mich, die Nacht, ich versinke,

kraftlos nach dir- weh! nicht mehr dein! -ausbreitend die Arme.«

Sprach's und jäh seinen Augen entrückt, wie Rauch in die Lüfte

zart verweht, so schwand sie hinab, sah nicht mehr den Armen, 500

wie er vergeblich die Schatten umfing und viel, ach, so viel noch

sagen wollte. Es ließ ihn nicht der Ferge des Orkus

wieder von neuem durchqueren den Sumpf, die trennende Grenze.

Was nun, wohin gehn, da zweimal die Gattin entrissen?

Wie soll er weinend die Manen, wie rufend die Götter noch rühren? 505

Sie aber glitt, schon starr und kalt, im stygischen Nachen.

Sieben ganze Monde hindurch, so heißt es, hat Orpheus

unter ragendem Fels am einsam wogenden Strymon

weinend und klagend durchwühlt sein Weh in eisiger Grotte.

Hold bezwang die Tiger sein Sang und zum Reigen die Eichen. 510

Klagt doch also die Nachtigall auch im Schatten der Pappel

trauernd über der Jungen Verlust, die der Pflüger, der rohe,

fand und dem Neste entriss, die ungefiederten; sie nun

weint durch die Nacht hin, sitzt auf dem Zweig, verströmt voller Jammer

Lied auf Lied und füllt weithin mit Klagen die Lande. 515

Venus beugte sein Herz nicht mehr, nicht mehr Hymenaeus.

Einsam im hohen Norden durchs Eis und am schneeigen Don hin

zog er, durch skythisches Land, das nie sich entschleiert vom Raureif,

klagt, Eurydike, deinen Verlust und die fruchtlose Gabe

Plutos. Also verschmäht, ergrimmten die thrakischen Frauen,

und am Festtag, nachts, durchglüht von bacchantischem Taumel, 521

warfen zerfleischt den Jüngling die Fraun weithin durchs Gefilde.

Aber noch jetzt, da das Haupt, vom marmornen Nacken gerissen,

mitten in strudelnder Flut fortwälzt der befreundete Stromgott,

klagt doch die Stimme »Eurydike!« noch, lallt stockend die Zunge: 525

»Weh, meine arme Eurydike!« noch ersterbenden Hauches,

hallten »Eurydike!« bang entlang am Strome die Ufer.“

 

Die Georgica entstanden zwischen 37 und 30 v. Chr., die Metamorphosen 1-8 n. Chr.:

-           Wie und an welchen Stellen wird Vergil zitiert?

-           Worin bestehen Unterschiede zwischen den beiden Darstellungen?

 

 

Christoph Willibald Gluck lässt in seiner (nach dem Vorbild von Raniero di Calzabigi) 1762 geschaffenen Oper "Orpheus und Eurydike" die Geschichte so enden:

 

Nach dem zweiten Tod seiner Frau will sich Orpheus selbst töten, da greift Eros, der Gott der Liebe, ein (3. Aufzug, zweiter Auftritt):

Eros (entwaffnet Orpheus): Sag an, was tust du?

Orpheus: Und wer bist du, der sich so dreist vermessen,

Meine Klagen hier zu stören, die mir der Schmerz entpresst?

Eros: Banne dies wilde Rasen, sei ruhig!

Eros erkenn' in mir wieder!

Orpheus: Ha, du bist's! Wohl erkenn ich dich.

Des Jammers Wahnsinn hielt meine Sinne umfangen.

Weshalb erschienst du zu so schrecklicher Stunde ?

Was wünschest du?

Eros: Dich zu beglücken!

Geduldet hast du genug für Cupidos Ruhm,

Und dein soll Eurydike wieder sein,

Denn deine Treue hat getrotzt allen Stürmen.

(Eurydike erhebt sich, als erwachte sie aus tiefem Schlafe.)

Siehe, sie atmet, wieder gehört sie dir!

Orpheus: Was seh ich, ihr Götter? Holde!

Eurydike: Mein Gatte!

Orpheus: Lass dich umarmen!

Eurydike: Ich drücke ans Herz dich wieder!

Orpheus (zu Eros): Ja, ewig sei dir mein Dank geweiht!

Eros: Folgt mir. Ich führ' euch, ihr zärtlich liebenden Gatten,

Verlasset den Hades, kehrt zurück auf die Erde!

Orpheus: O Tag der Wonne, du güt'ger Eros!

Eurydike: O Stunde unnennbarer Freuden!

Eros: Durch mich lohnt nun Entzücken all eure Leiden!

 

-           Welche Lösung ist hier geboten? Worin könnte diese ihren Grund haben?

 

 

In Carl Orffs 1930 geschaffener Oper „Orpheus“ (Neugestaltung von Monteverdis[1] „L 'Orfeo“, 1607) singt Orpheus im Schlusslied nach dem zweiten Verlust der Eurydike:

(ihr gebannt nachblickend)

„O lass mich untergehn in deinem Traum, in dir!

In diesem klaglos stillen Dunkel.

Ach, Eurydike, Geliebte,

Quell aller Wonnen,

du aller Sehnsucht Qual -

Born aller Tränen,

du meiner Liebe Traum,

du meines Herzens ganze Seligkeit!

Eurydike hab' ich verloren,

ewig verloren Eurydike!“

 

-           Wie endet die Geschichte hier? Wie ließe sich diese Lösung begründen? Vergleiche die drei Lösungen mit dem antiken Original! Welche trifft nach deiner Meinung den Kern der Geschichte? Inwiefern?

 

 


Οδυσσέας Ελυτης[2]

 

Δώσετέ μου τὴ δύναμη

Ν’ ἀφαιρέσω ἀπ’ τοὺς μάντεις τὸ δεινὸ μέλλον

Καὶ σὰν ἄχρηστο σπλάχνο στὰ σκυλιὰ νὰ τὸ ῥίξω.

Ἐγώ, ποὺ ἀπὸ τὸν Ἤρωα νὰ γυρίσω πίσω ἐδέησε

Καὶ νὰ κάνω δρόμο μακρύ, ἀποθαρρυμένος

Ἑωσότου τέλος, τοῦ καιούμενου ἀπὸ μόνου του

Μιὰ κραυγὴ ζωτανὴ περισώσω:

Φτάνει πιά, φτάνει πιὰ

 

Τρέμει τρέμει μακριά, σὲ ἀπόσταση χιλιάδων μύρων

Τὸ εἴδωλον τοῦ αἰῶνος

Μέσ’ στῆς πίκρας τὸν ἄργυρο, λάμπει.

Μὴν γυρίσει κανεὶς νὰ κοιτάξει. Ὅστις γὰρ

Ἐν πολλοῖσιν ὡς ἐγὼ κακοῖς

Ἔζησε, τὸ γνωρίζει: εὐθεῖα, μπροστά, καὶ τραγουδώντας μόνον

Ἄτεγκτοι καὶ στὴν ἔξοδο προσηλωμένοι

Θὰ τὴ φέρουμε τὴν Εὐριδίκη πάλι

Στὸ φῶς, στὸ φῶς, στὸ φῶς.

 

Gebt mir die Kraft,

wegzunehmen von den Sehern die schreckliche Zukunft

und sie wie unnütze Eingeweide den Hunden hinzuwerfen.

Ich, der ich vom Helden zurückkehren

und einen weiten Weg bewältigen musste,

vollkommen entmutigt, um von einem, der sich selbst verbrannte,

einen (noch) lebendigen Schrei zu bewahren:

„Es reicht! Es reicht!“

 

 

Es zittert, es zittert weithin, im Abstand tausender Myrrhen

das Bild der Lebenszeit,

im Silberglanz der Bitternis leuchtet es.

Man soll sich nicht umdrehen, um zu schauen. Denn jeder,

der wie ich in schlechter Zeit

gelebt hat, erkennt es: auf geradem Weg, vor uns und nur singend,

unnachgiebig und auf den Ausgang gerichtet

bringen wir Eurydike wieder

ans Licht, ans Licht, ans Licht.

 

 

 

Worin besteht die allegorische Umdeutung bzw. Anwendung des Mythos?


[1] Die Geschichte der Oper beginnt um das Jahr 1600 in Florenz (dramma per musica) als Folge einer intensiven Beschäftigung mit antiker Mythologie und dem allgemein neu erwachenden Interesse an antiker Kunst und Kultur (besonders: Daphne, Heimkehr des Odysseus, Orpheus), aufbauend auf einer langen Tradition liturgischer Dramen. Es ist daher schwierig bis unmöglich, einen Zeitpunkt zu  nennen.

Claudio Monteverdi (1567-1645) gehört zu den kreativsten und wirkungsreichsten Persönlichkeiten der Musikgeschichte. Die sogenannte Bildungsoper war noch eher für kleine, private Kreise bestimmt, doch fallen in Monteverdis Zeit bereits die ersten öffentlichen Vorstellungen.

MP3-Dateien zum Reinhören: http://www.karadar.it/Mp3composer/

[2] Odysseas Elytis (1911–1996) wurde auf Kreta geboren. Bereits als Gymnasiast in Athen begann er mit dem Schreiben von Gedichten. Später brach er sogar sein Jurastudium ab, um sich ganz seiner Dichtung und Kunst (τέμπερα, Collagen) zu widmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Elytis durch seine Dichtungen "Helden- und Klagegesang auf den verlorenen Leutnant in Albanien" (1945) und "Albaniade" (1946/50) als Lyriker und Resistance-Dichter bekannt. Das 1959 erschienene Werk "To Axion Esti" verschaffte ihm dann offizielle Anerkennung und wurde sofort als sein Hauptwerk gefeiert. 1979 wurde Elytis der Literaturnobelpreis verliehen.

Siehe auch: : http://www.nobel.se/literature/laureates/1979/elytis-bio.html und http://xoomer.virgilio.it/gkouts