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De mortuis nil nisi bene

Lateinunterricht ist sinnvoll - auch wenn er im späteren Leben in der Praxis unbrauchbar sein mag.

von Eva Male

Sommer 2001. Urlaub in Italien. Zwei Halbwüchsige verbringen jeden Vormittag im abgedunkelten Zimmer, um für die Latein-Nachprüfung zu büffeln. Wäre es nicht sinnvoller, fragen wir uns, würden sie in Gesellschaft der anderen die Gegend erkunden und mit den Einheimischen Italienisch sprechen? Während draußen die Wellen rauschen, rauchen drinnen die Köpfe - über einem scheinbar absurden Fach, das zugleich hier seine Wiege hat.

Latein zu lernen erscheint vielen völlig überflüssig, was sich in der regelmäßig aufflackernden Diskussion über die Berechtigung dieses Unterrichtsfachs widerspiegelt. Wobei die Streitfrage immer so formuliert ist: tote Sprache versus lebende Sprache. Hier liegt der erste Hund begraben: Natürlich kann man etwa Italienisch aktiv in der Kommunikation anwenden, um etwa ein "gelato" zu bestellen, während Lateinkenntnisse dazu angetan sind, im Gesprächs-Alltag auf Eis gelegt zu werden.

Aber ändern wir doch einmal die Perspektive. Fängt der Schüler beim Strandurlaub vielleicht etwas mit Cosinus oder Sinus an, außer daß er sich möglicherweise über die Rundungen der Italienerinnen Gedanken macht? Wie viele Fächer lassen sich finden, wo über lange Strecken Dinge unterrichtet werden, die im späteren Leben in der Praxis absolut unbrauchbar sind! Man könnte also Mathematik ebenso getrost entschlacken wie etwa Biologie oder Philosophie. Denn vieles lernt man auch in diesen Fächern eindeutig bloß scholae, aber keineswegs vitae. Für die Schule, nicht fürs Leben.

Warum gehen also immer alle nur auf Latein los und setzen es in Beziehung zu "wichtigeren" Gebieten wie etwa Computerkunde, wo doch gerade jene für die heutige Jugend ein Kinderspiel ist, das sie sich unter dem Motto "learning by doing" automatisch aneignet? Es ist halt am einfachsten, tote Sprachen als unnötig abzutun, obwohl in Wirklichkeit der gesamte Lehr- und Fächerplan unter die Lupe genommen werden müßte.

 


Aber auch in diesem Fall ist die Sache komplexer, als daß man einfach mit den Kategorien "brauchbar" und "unbrauchbar" operieren dürfte. Denn die AHS ist ja gerade dazu da, über die Vermittlung von praktischem Wissen hinaus den Horizont zu erweitern und zum Denken anzuregen. Von Bildung ist hier die Rede, nicht bloß von Ausbildung. Lehnt man indes jegliche Schulung des Geistes ab, könnte man gleich die gesamten Geisteswissenschaften pauschal in tote Wissenschaften umbenennen.

Vieles, was man in der Jugend lernt, ist ein intellektueller Luxus, für den im späteren Leben kaum Zeit bleibt, der aber sehr wohl als Basis für die berufliche Laufbahn dienen kann. Der Lateinunterricht ist in diesem Kontext besehen sehr wohl sinnvoll, wenngleich natürlich keinesfalls lebensnotwendig, wie so vieles andere auch. Wer nicht Latein kann, ist kein schlechterer Mensch.

Es zu erlernen ist zugleich ein herausfordernder Denksport - auch wenn die Sprache nicht so logisch ist wie vielfach behauptet. Für den Lateinkundigen tut sich eine Tür in ein kulturkundlich-literarisches Dorado auf. Aber es ist keine automatische, elektrische Türe, sondern ein altmodisches, schweres Tor. Wenn man es öffnen will, muß man Kräfte aufwenden.

Aus diesem Grund ist die heutzutage so gern propagierte schlanke, moderne Kurzform des Latein mit großer Vorsicht zu genießen. Wenn man die Stunden kürzt, kommen die umso weniger sattelfesten Schüler über die Plackerei mit dem Übersetzen nicht hinaus. Es ist, wie wenn ein schlechter Skifahrer im Pflugbogen übers Eis schlittert. Das macht auf Dauer keinen Spaß. Also ganz oder gar nicht. Man kann es bleiben lassen, bittesehr. Oder aber der Schüler muß, was die Grammatikkenntnisse betrifft, so weit geländegängig sein, daß ihm der Ausflug Spaß macht. Dann ist Latein kein verstaubtes Fach, sondern reinster Pulverschnee!


© Die Presse | Wien

 

 

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