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Testfrage: "Wissen Sie, was Ovid mit dem Filmhit 'Pretty Woman' zu tun hat?"

In den (vielen) Pro- und (wenigen) Contra-Stimmen zu Latein der letzten Tage vermisse ich ein, vielleicht das wesentliche Argument für den Weiterbestand von Latein, nämlich die Frage nach dem Inhalt des im Unterricht Vermittelten. Dazu soll im folgenden, abseits jedes persönlichen Angriffs und jedes parteipolitischen Kalküls, Stellung genommen werden.

Für Generationen von Schülern endet(e) der Lateinunterricht mit Tacitus: Alles, was danach folgt, wurde / wird als "Küchenlatein" abgetan. Dies ist eine eklatante Fehlsicht, nicht nur was den Begriff "Küchenlatein" betrifft (der so etwas wie unser "Baustellendeutsch" darstellt).

In den Perioden der spätantiken, christlichen, mittelalterlichen und neuzeitlichen Latinität wurde, verglichen mit der lateinischen Antike, nicht nur ein Vielfaches an literarischen und fachspezifischen Texten produziert, in ihnen vollzog sich auch die vielzitierte Entwicklung zu den romanischen Sprachen: Nicht das antike "equus" des Cäsar und nicht die "domus" des Cicero leben dort weiter, sondern die volkstümlichen, späteren Formen "caballus" (vgl. caballo, cheval, "Kavalier") und "mansio" (vgl. maison, Maisonette, die "Bleibe").

So wichtig, unersetzbar die antiken Klassiker sind, die ohne Frage weiterhin der Kernbereich jeder Lateinlektüre bleiben müssen: Erst ihre Wirkungsgeschichte und ihre Rezeption - auch in fremden Literaturen - durch die Jahrhunderte haben sie zu eben diesen gemacht. Dies bewusst zu machen, und zwar nicht nur anhand von Asterix, ist eine wesentliche, interdisziplinäre Aufgabe eines modernen Lateinunterrichts. Testfrage an den Leser: Wissen Sie, was Ovid mit dem Filmhit "Pretty Woman" zu tun hat?

 Seit kurzem schmückt sich das Wiener Institut für Klassische Philologie mit dem Zusatz "Mittel- und Neulatein", und das mit Recht: Gerade auf dem Gebiet des heutigen Österreich sind nachklassische und mittelalterliche Texte reich vertreten, für die Aufarbeitung der Geschichte unverzichtbar: "Ostarrichi" - Urkunde, Privilegium minus und maius sind natürlich lateinisch geschrieben, und so manche historisch falsche Aussage in der Kärntner Tagespolitik ließe sich vermeiden, würfe man nur einen Blick in die in Salzburg entstandenen lateinischen Quellen des 9. Jahrhunderts. Eugippius' "Vita Severini" ist eine einmalige Quelle für den Donauraum im 5. Jahrhundert - man diskutiert sie und ihre Inhalte aber auch in Western Michigan und Toronto, wie ein Blick in die neueste Publikation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beweist. Und eine moderne Edition der mittelalterlichen Gedichte aus dem steirischen Stift Rein wurde in Indianapolis besorgt: Es gäbe auch viel Neues zu tun, auch auf universitärer Ebene.

 


Weiß der Schüler aus St. Pölten, dass sein Landeshauptstadt den Heiligen Hippolyt als Namensgeber hat, dessen lateinische Lebensbeschreibung ein drastisches Bild der Christenverfolgung bietet? Wissen die esoterischen Hildegard-von-Bingen-Verehrer, dass die Werke der großen Visionärin des 12. Jahrhunderts lateinisch geschrieben wurden? Wissen die Landespolitiker aus den reichen Quellen zum 3. Kreuzzug (in denen arabische Terrorkommandos ebenso schon vorkommen wie anti-österreichische Hasstiraden à la EU-Sanktionen), dass "unser" Leopold V. nur ein unbedeutender Mitläufer war, auch wenn er den großen Richard Löwenherz drei Monate festhalten konnte?

Diese Reihe ließe sich noch lange fortführen. Doch nicht nur eine Erweiterung der gelesenen, zu lesenden Texte, auch moderne Unterrichtsmaterialien sollten im zeitgemäßen Lateinunterricht selbstverständlich sein: Die Auflagenzahlen des neuen Stowasser steigen in Deutschland kontinuierlich, und neue Lehr- und Lesetexte sind zum Großteil nach modernen didaktischen Grundsätzen aufbereitet.

Interessante Texte in zeitgemäßer Aufbereitung, eine didaktisch auf letztem Stand stehende neue Generation Lateinlehrern, die auch vor neuen Technologien (siehe z. B. www.eduhi.at) oder den eben erschienenen Band "Alte Sprachen und neue Medien") und Unterrichtsformen (wie Offenem Lernen) nicht zurückscheuen, sondern diese im Unterricht um- und einsetzen, stehen bereit.

Daher mein, unser Appell an die verantwortlichen, an die verantwortungsbewussten Politiker, Schulbehörden, aber auch an die kritische Öffentlichkeit: Geben Sie uns die Chance, schaffen Sie (z. B. in der anstehenden Reform der AHS-Oberstufe) die entsprechenden Möglichkeiten, diesen neuen, modernen Lateinuntrricht auch in die Tat umsetzen zu können. Es wird nicht zum Schaden der folgenden (Schüler-)Generationen sein!

Univ.-Doz. Mag. Dr. Fritz Losek,
stellv. Obmann der Bundesarbeitsgemeinschaft
Klassischer Philologen in Österreich

Leserbrief in der "Presse" am 29. Dezember 2002
(Spektrum, Tribüne der Leser)

 

 

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