Kneissler

 

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DER ABGANGER DES HUMANISTISCHEN GYMNASIUMS AN DER TECHNIK

VON DR. TECHN. LEONHARD KNEISSLER (WIEN)

Emer. 0. Professor der Technischen Hochschule

Von den jungen Leuten, die das Studium an einer technischen Hochschule beginnen, kommt ein verhältnismäßig großer Prozentsatz nicht ans Ziel, sie verlassen die Hochschule im ersten oder in einem der ersten Semester und suchen sich einen anderen Beruf. Geht man den Ursachen dieser bedauerlichen Tatsache nach, so zeigt sich, dass mangelnde Begabung oder das finanzielle Moment kaum eine Rolle spielen; der weitaus häufigste Grund ist, dass die jungen Studierenden über das Ausmaß der geistigen Arbeit, die vor ihnen liegt, erschrecken und sich ein anderes Studium suchen. In der Tat bedeutet der Weg zum Diplom-Ingenieur an die fiinf Jahre harter geistiger Arbeit, die wesentlich zu erleichtern im Rahmen der heutigen Technik gänzlich ausgeschlossen ist. Es fehlt den jungen Leuten, die die Hochschule ohne Erfolg verlassen, im allgemeinen durchaus nicht an der nötigen Begabung; wohl aber an der Fähigkeit und Bereitwilligkeit die fünf Jahre harter geistiger Arbeit auf sich zu nehmen. Also letzten Endes ein Zeichen mangelnder geistiger Vorbereitung und auch von Charakterschwäche. Die Eltern sind sich dieses Sachverhaltes sehr häufig nicht bewusst.

Da der Zehnjährige großes Interesse für technische Dinge zeigt, allerhand bastelt, hübsch zeichnet und gut rechnet ,,wird er sicherlich die Technische Hochschule besuchen; und daher geben wir ihn in die Realschule, wo er das Nötige lernt und von überflüssigem Ballast, insbesondere Latein und Griechisch, befreit ist". Die Eltern wissen nicht, dass der Wert des höheren Anfangswissens im Studium an der Technischen Hochschule nur einige Wochen anhält und dass sodann ganz andere Momente über den Fortgang entscheiden: Fähigkeit und Bereitwilligkeit zu harter geistiger Arbeit und Charakterstärke.

Nehmen wir nun an, dass der junge Mann den Diplom-Ingenieur erreicht hat. Zahlreiche Wege und Möglichkeiten bieten sich ihm dar. Wo immer er aber eintritt, wird er Mitglied einer Gemeinschaft, in der er sich zu bewähren hat. Anfänglich wird ihm stets etwas Zeit zur Einarbeitung in seine neue Stellung gelassen, also eine intensive geistige Arbeit verlangt. Er hat sich aber noch in einer ganz anderen Art zu bewähren, nämlich als Mensch. Er hat mit Kollegen zu verkehren, mit Vorgesetzten, im Laufe der Zeit mit Untergebenen, mit Kaufleuten, mit Arbeitern, mit Lehrlingen, aber auch mit Kunden, mit Behörden, mit Fachleuten anderer Richtungen, auf Kongressen mit Gelehrten verschiedener Disziplinen. Um sich hier zu bewähren, braucht er außer der Fähigkeit zu selbständiger sachlicher und fachlicher Arbeit einen festen Charakter, ein hohes Verantwortungsbewusstsein, Menschenkenntnis, Allgemeinbildung, Sprachkenntnisse, er muss praktischer Psychologe sein; er muss erfolgreich, ohne sich zu verändern, ebenso mit dem Generaldirektor wie mit dem Lehrling sprechen können, mit dem Kaufmann, wie mit dem Gelehrten. Im Laufe der Zeit wird in der Gemeinschaft, der er angehört, sei es eine Firma oder eine Behörde, die Frage akut, wer zu den höheren Posten aufsteigen soll. Hier sei mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die Berufung auf höhere Posten keineswegs vom fachlichen Wissen und Können allein abhängt; hier wird der ganze Mensch gewertet. Der Fachmann, und sei er als solcher noch so hervorragend, wird, wenn er als Mensch versagt, bestimmt über eine bescheidene Position nicht hinauskommen. Und würde man die Prominenten der Technik, Konstrukteure, Generaldirektoren, die großen projektierenden Ingenieure und andere fragen, ob sie ihre Stellung und ihre Erfolge dem Umstand zuschreiben, dass sie am Beginn ihres Studiums an der Technischen Hochschule in Mathematik, Darstellender Geometrie, Physik mehr wussten als ihre Kollegen und kein Latein und Griechisch gelernt haben, so würde man höchstens ein Lächeln ernten und in den meisten Fällen erfahren, dass die Voraussetzungen gar nicht zutreffen.

 


Die Anforderungen an die Fähigkeit eines Diplom-Ingenieurs - aber nicht nur eines Diplom-Ingenieurs, sondern aller, die im Leben etwas erreichen wollen - sind in der Tat hohe und es erhebt sich hier die Frage, wo, wann und wie sich der junge Mensch diese Fähigkeiten erwerben kann. Es besteht kein Zweifel darüber, dass die entscheidende Zeit für die Charakterbildung die Zeit der Mittelschule ist; etwa im Alter von achtzehn Jahren muss die charakterliche Grundlage schon gelegt sein. Die Hochschule kann hier nicht annähernd so viel leisten wie die Mittelschule, zunächst wegen der akademischen I.ernfreiheit, die dem Studierenden Müßiggang und Schlendrian durchaus erlaubt, weiters wegen der Überfülle des Stoffes in den technischen Wissenschaften, die den Studierenden voll auslastet, schließlich wegen der zumindest in Österreich viel zu geringen Anzahl an Professoren und Assistenten, die kaum einen persönlichen Kontakt mit den Studierenden pflegen können. Es ist also durchaus erforderlich, dass der junge Mensch die Grundlagen der für das Studium und das Leben benötigten Eigenschaften bei Beginn des Studiums an der Technischen Hochschule bereits gelegt hat. Ort und Zeit, da dies geschehen muss, ist daher notwendig und wesentlich die Mittelschule.

In der Tat muss neben dem Elternhaus der Mittelschule für die geistige und charakterliche Entwicklung des jungen Menschen entscheidende Bedeutung zugemessen werden. Die Eigenschaften und Fähigkeiten, die er später im Leben benötigt, müssen bis zur Matura bereits in ausgeprägtem Maße geformt sein; ein Nachholen in späteren Jahren bleibt praktisch außer Betracht. Die Eigenschaften und Fähigkeiten, die ein Student der Technischen Hochschule und der Diplom-Ingenieur benötigen, sind gemäß dem bereits Gesagten: Fähigkeit zu harter geistiger Arbeit und zu selbständigem Denken, ein hohes Verantwortungsbewusstsein, Menschenkenntnis, Vermögen zur Einordnung in eine Gemeinschaft, Allgemeinbildung, Charakterstärke. Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum, dass das Studium nahezu ausschließlich dem Erwerb eines Wissens, insbesondere des fachlichen, beruflichen Wissens gelte. Der Träger - es sei nochmals gesagt - eines fachlichen Wissens allein ist dem Fachmann, der zugleich ein ganzer Mensch ist, hoffnungslos unterlegen. Es ist Aufgabe der Mittelschule die Grundlage des ganzen Menschen zu legen.

Die Antike ist unbestrittenermaßen das Fundament unserer Kultur. Wer über die Antike nicht wenigstens notdürftig unterrichtet ist, kann sich in unserem Kulturkreis nicht wirklich heimisch fühlen. Es beginnt bei der Sprache. Vom ,,Radius" bis zur ,,Atomphysik" gibt es im Alltag und in allen Wissenschaften eine Überfülle lateinischer und griechischer Ausdrücke, die jedem Hochschüler bekannt und verständlich sein sollten. Studierende der Technischen Hochschulen machen keinen guten Eindruck, wenn sie nicht einmal das griechische Alphabet kennen. Die Antike lebt aber ebenso unter tausend anderen Gestalten, wenn dies heute auch - insbesondere von der jungen Generation - nicht bemerkt wird. Es sei nur auf einen Punkt hingewiesen: Auf den jährlichen riesigen Touristenstrom in Athen und im römischen Forum - ein wohl unübersehbares Symptom. Dem Studium der lateinischen und griechischen Sprache muss aber noch ein anderer Wert zugeschrieben werden. Die Eltern wünschen ihrem Sohn den ,,unnützen Ballast" in der Mittelschule aus dem Weg zu räumen; sie werden den Ballast, den das Leben bringt, nicht beseitigen können. Wer einmal in der Mittelschule gelernt hat, Schwieriges zu bewältigen, hat damit einen Sieg errungen, der ihn in Stand setzen wird, die Hemmnisse, wie sie das Leben unausweichlich bringen wird, mit überlegener Kraft zu meistern. Der technisch Interessierte ist im allgemeinen sprachlich weniger begabt; das Latein und Griechisch deshalb aber vollkommen zu meiden, ist verfehlt. Verfehlt aus Gründen der Allgemeinbildung, verfehlt aus Gründen der Charakterbildung. Über die Bedeutung des Unterrichtes in der deutschen Sprache braucht nichts gesagt zu werden. Notwendig wäre, in diesem Rahmen den Studierenden die Kunst der Rede zu lehren; die ,,Rhetorik" war in der Antike ein wichtiger Lehrgegenstand. Ingenieuren ist die Redegabe zu ihrem eigenen Nachteil oft versagt.

Eltern, die ihrem Sohn / ihrer Tochter das Beste wünschen, mögen bedenken, dass das Anfangswissen bei Beginn des Studiums an der Technischen Hochschule natürlich ein gewisses Minimum aufweisen muss; dass es aber dann auf die Fähigkeiten des Studierenden ankommt, auf die geistige Schulung, auf die charakterliche Verfassung und im Leben auf eine weitere Reihe von Eigenschaften, wie sie oben genannt wurden; Eigenschaften, deren Fundament in einer universellen Mittelschule und nur einer solchen gelegt werden kann.

 

 

 

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