homer. Sprache

 

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 Die homerische Sprache

Die homerischen Epen sind in der Form verfasst, die sich in der mündlichen Dichtung der epischen Sänger (ἀοιδοί) während vieler Generationen entwickelt hatte. Diese so entstandene Mischung verschiedener Elemente hat als sogenannte homerische Kunstsprache die gesamte spätere Dichtung maßgeblich beeinflusst, sogar bei Prosaautoren finden sich  zahlreiche „Homerismen“ (besonders bei Herodot).

Die auffälligsten Merkmale dieser Sprache sind:

-           Der altionische Dialekt ist mit vielen äolischen Elementen durchsetzt.

-           Neben sehr alten (zur Zeit Homers nicht mehr gebräuchlichen) Wörtern und Formen (z. B. Akk. εὐρύοπα Ζῆν „den weitblickenden [?] Zeus“) finden sich auch künstliche Neubildungen, z. B. Nom. εὐρύοπα Ζεύς statt des „korrekten“ [1], aber metrisch unbrauchbaren εὐρύοψ Ζεύς.

-           Charakteristisch sind ferner die vielen schmückenden Beiwörter (epitheta ornantia), deren Bedeutung zuweilen gar nicht feststeht, und die Formeln, welche jeweils bestimmte Versstellen, besonders den Versschluss, ausfüllen: z. B.:

Nom.:

εὐρὺ κρείων Ἀγαμέμνων

}

 

alle metrisch gleichwertig!

Gen.:

Ἀγαμέμνονος Ἀτρεΐδαο

Dat.:

Ἀγαμέμνονι ποίμενι λαῶν

 

Lautliche Besonderheiten:

1.      Das Digamma (F), ein alter W-Laut, wird bei Homer zwar nicht geschrieben, lässt sich aber nachweisen:

a)      „Störende“ Hiate (Zusammenprallen von Vokalen) können durch Einsetzen des F beseitigt werden: Ἀτρεΐδης τε  Fἄναξ [2] ἀνδρῶν καὶ δῖος Ἀχιλλεύς

b)     Durch Einsetzen des F gewinnt man die vom Versmaß her geforderte positionslange Silbe: ἐεικοστὸν Fἔτος ἐστίν, πρῶτος Fἴδεν [3]

c)      lange Vokale vor einem ausgefallenen F: ion. κᾱλός neben att. κᾰλός (<κᾰλFός), ion. κούρη neben att. κόρη (<κόρFη), ion. ξεῖνος neben att. ξένος (<ξενFος) usw.

d)     Wörter werden scheinbar zerdehnt, tatsächlich handelt es sich um ältere Formen: ion. ἔειπε neben att. εἶπε (<FεFεπε), ion. ἀνέεργε neben att. ἀνεῖργε (<ανεFεργε) [4]

2.      Ion. -σσ- statt attisch –ττ-: φυλάσσω, ἀλάσσω (wie im Neugriechischen)

3.      Äol. μμ, νν statt ionisch μ, ν , ohne ion. Ersatzdehnung des vorangehenden Vokals: ἄμμες neben ἡμεῖς

4.      Ion. η statt att. ᾱ: κλισίη statt κλισία, ἀγορήνδε statt ἀγοράνδε

5.      Äolische Vokalkontraktion neben ionischer: ευ neben ου (ε+o)

6.      Ältere, nicht-kontrahierte Formen: Gen. Pl. κλισιάων statt κλισιῶν[5] (<κλισιασων[6])

 

Besondere Formen:

o-Deklination:

 

Gen. Sg.: –οιο  statt ου

πολέμοιο, θεοῖο

Dat. pl.: -οισι(ν) statt –οις

θεοῖσι(ν)

 

 

a-Deklination:

 

Gen. Sg. m.: -ᾱο oder –εω statt –ου

Ἀτρεΐδαω, ἀγκυλομήτεω

Dat. Pl.: -αισι(ν) oder -ῃσι(ν) statt –αις

 

Konsonantische Deklination:

 

Gen. Sg. der Nomina auf –ις: -ιος oder –ηος

πόλιος oder πόληος statt att. πόλεως

Dat. Pl.: ion. –σσιν / äol. –εσσιν statt –σιν

ποσσί/ποδέσσι zu ποῦς

 

Kasusartige Formen:

-φι

womit?

wo?

ναῦφι mit Schiffen, ἶφι mit Kraft

ὄρεσφι in den Bergen

-θεν

woher?

οὐρανόθεν vom Himmel, οἴκοθεν vom Haus, Διόθεν von Zeus, ἐμέθε von mir, σέθεν von dir, ἕθεν von ihm

-δε / -σε

wohin?

ἀγορήνδε zum Marktplatz, πολεμόνδε in den Kampf, ἅλαδε ins Meer, Ἀϊδόσδε in den Hades

-θι

wo?

οἴκοθι im Haus, οὐρανόθι im Himmel, κηρόθι im Herzen, τηλόθι in der Ferne

 

Pronomina:

Der Artikel ὁ, ἡ, τὸ ist zumeist nicht Artikel, sondern auch Personalpronomen der 3. Person, Demonstrativpronomen oder Relativpronomen

 

Personalpronomina

1. Person:

 

Singular

Dual

Plural

Nom.

ἐγώ(ν)

νῶι, νῶ

ἡμεῖς, ἄμμες

Gen.

ἐμεῖο, ἐμεῦ, ἐμέθεν

νῶιν

ἡμῶν, ἡμέων

Dat.

ἐμοί, μοι

ἡμῖν, ἄμμι

Akk.

ἐμέ, με

νῶι, νῶ

ἡμᾶς, ἡμέας, ἄμμε

 

2. Person:

 

Singular

Dual

Plural

Nom.

σύ, τύνε

σφῶι, σφῶ

ὑμεῖς, ὔμμες

Gen.

σεῦ, σέθεν, σεοῖο, τεοῖο

σφῶιν, σφῷν

ὑμῶν, ὑμέων

Dat.

σοί, τοί, τοι

ὑμῖν, ὔμμι

Akk.

σέ

σφῶι, σφῶ

ὑμᾶς, ὑμέας, ὔμμε

 

3.Person:

 

Singular

Dual

Plural

Nom.

-

σφωέ (enkl.)

-

Gen.

ἕο, εἷο, εὗ, ἕθεν

σφωΐν (enkl.)

σφῶν, σφέων

Dat.

ἑοῖ, οἷ

σφι(ν), σφισί(ν), αὐτοῖς

Akk.

ἑ, ἑέ, μιν, αὐτόν

σφωέ (enkl.)

σφᾰς, σφέας, σφε

 

Verbalformen:

-           Augment fällt häufig weg, es gibt keine Regel, wann Augment gesetzt wird und wann nicht.

-           Tmesis: Trennung der Präposition vom Verbum bei Komposita wie im Deutschen.

-           Iterative der Vergangenheit: Kennzeichen –σκ- nach dem Verbalstamm, manchmal auch ohne Funktion (im Vers bewahrt, ohne dass Vortragender sich der Bedeutung bewusst ist), statt einem Präteritum: φάνεσκε  zu φαίνω, μνησάσκετο  zu μιμνήσκω

-           Endungen: –μι, –σθα, -σι für Singular Aktiv, -μεν(αι) für Infinitiv Aktiv: ἔθέλωμι, τίθησθα, ἐθέλῃσι (statt ἐθέλω, τίθης, ἐθέλει), ἔμμεν / ἔμμεναι (statt εἶναι), ἐλθέμεν (statt ἐλθεῖν).

-           Konjunktive sind oft kurzvokalisch: ἴομεν (att. ἴωμεν) neben dem Indikativ ἴμεν


[1] Wer entscheidet über Korrektheit?

[2] Auf den Tontäfelchen aus Mykene ist das w noch erhalten: wanaka für „Herr“

[3] Vergleiche lat. „videre“, nhd. „wissen“

[4] Vgl. nhd. „Werk“

[5] Die Kontraktion ist der Grund dafür, dass im Attischen der Genitiv Plural der a-Deklination immer endbetont ist (auch im Neugriechischen).

[6] vgl. lat. –arum (Rhotazismus: zwischenvokalisches S ® R), z. B. feminarum (<feminason)

 

 

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