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Philosophie: Vom Nutzen des
Nutzlosen Von Otfried Höffe Ja, die Drittmittel! Ja, die
Marktfähigkeit! Hier die Profit schaffenden Naturwissenschaften, da die
profitunfähige Welt der Philosophie. So ist es. Ist es so? Über Philosophie im
Zeitalter der Ökonomisierung. Einer der
nutzlosen Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts, der Existenzphilosoph Albert
Camus, lobt in seiner Autobiografie die Volksschule, denn sie nährte
"einen Hunger, der für das Kind noch wesentlicher war als für den Mann,
den Hunger nach Entdeckung". Mehr als zwei Jahrtausende früher bringt
Aristoteles die individuelle Erfahrung auf den anthropologischen Begriff:
"Alle Menschen verlangen nach Wissen von Natur aus." Wer nach dem
Nutzen der Philosophie für heute fragt, muss dieses "heute"
bestimmen. Nach meiner Diagnose zeichnet es sich durch vier Faktoren aus, von
denen mein Untertitel einen exemplarisch nennt, das Zeitalter der
Ökonomisierung. Mitverantwortlich für den ersten Faktor ist der zweite, die
Globalisierung. Ihretwegen bildet sich ein global gemeinsamer
Zivilisationsrahmen heraus, der aber als bloßer Rahmen ein Recht auf Differenz
lässt. Dieses Recht macht sich für unsere Breiten der dritte Faktor zunutze,
die Entwicklung eines gemeinsamen Europa. Zu den Ursachen der ersten drei
Faktoren gehört schließlich der vierte Faktor: dass wir in einer
Wissenschaftsgesellschaft leben. Nach Maßgabe dieser vier Gesichtspunkte, also
der Globalisierung und der Ökonomisierung, des gemeinsamen Europa und der
Verwissenschaftlichung, fragen wir nach dem Nutzen des Nutzlosen, nach dem Wert
der Philosophie. Die
Rechtfertigung erfolgt nicht etwa über eine obsolete Metaphysik, sondern
empirisch. Sie zeigt im Vorübergehen, dass die große Philosophie
erfahrungsgesättigt ist. Aristoteles beruft sich auf die Liebe zu den
Sinneswahrnehmungen. Diese lässt sich an allen fünf Sinnen durchdeklinieren und
wird von der Sozialforschung unschwer bestätigt. Die Entwicklungspsychologie
zeigt für die Anfänge des Individuums wie die Ethnologie für die Anfänge der
Gattungsgeschichte: dass der Mensch oft genug das Wissen rein als solches, frei
von allen Bedürfnissen und Nützlichkeiten, sucht. Heute, in Zeiten
einer Erweiterung, neuerdings auch Kürze der Europäischen Union, stellt sich
die Frage, was Europa denn verbinde. Für die Antwort ist die Philosophie gewiss
nicht allein, aber wesentlich mit zuständig. Ohne Zweifel gehört zu Europa ein
ungestümer Geschäfts- und Handelsgeist, denn er hat zumindest in Westeuropa
einen früher unbekannten und heute fast weltweit beneideten Wohlstand beschert.
Die Philosophie weiß den Wohlstand durchaus zu schätzen. Immerhin hat er die
Länder von der Geißel des Hungers befreit und vom Zwang, um des Überlebens
willen auszuwandern. Und nicht der geringste der Gründe für die Attraktivität
der Europäischen Union liegt in der Hoffnung, an diesem Wohlstand teilzunehmen.
Wichtiger als Wohlstand ist freilich der Schutz vor Unterdrückung und
Bespitzelung sowie vor korrupter Bürokratie und parteilichen Richtern, kurz:
eine rechtsstaatliche Demokratie. Und sofern es um Wohlstand geht, weiß die
Philosophie seit der Antike, dass er strukturell gesehen lediglich ein
Zwischenziel, kein Endziel ist: Man lebt zwar gern "in Wohlstand",
aber nicht "um des Wohlstands willen". Zu den denkbaren Endzielen
gehört dagegen, was für Europa nicht minder wichtig ist: eine Entdeckungs- und
Erfindungslust und als deren Antriebskraft eine Neugier, die sich den Zwängen
der Ökonomie nicht beugt. Infolgedessen ist
diese Situation unverständlich: Während mehr und mehr Studenten aus den neuen
EU-Ländern und aus aller Welt an unseren Fakultäten der Philosophie und der
Geisteswissenschaften studieren, während sie, um nur ein Beispiel zu nennen,
sogar aus China um des Kant-, selbst um des Aristoteles-Studiums zu uns kommen,
schicken unsere Universitätspolitiker sich an, aus der Idee Europa wesentliche
Teile herauszubrechen. Die universitäre Ausbildung und Forschung gelten ihnen
nur dann noch als förderungswert, wenn sie mit Marktfähigkeit winken; das
akademische Prestige misst sich mehr und mehr an der Fähigkeit, Drittmittel
einzuwerben. Man könnte diese Antrags- und Managerkompetenz für eine
Zusatzkompetenz halten, über die die Professoren, selbst Philosophen verfügen
müssten. Tatsächlich fällt man deren Hauptaufgabe in den Rücken. Wo man statt
originärer Forschungsleistung, nachweisbar in Veröffentlichungen, Managerkompetenzen
erwartet, tritt die fatale Folge ein, dass kreative Selbst-Forscher zu bloßen
Ideengebern und zu Generalsekretären für die Drittmitteleinwerbung mutieren. In dieser
Situation geschieht es nicht etwa aus Eigeninteresse, dass Philosophen ein Loblied
auf den Nutzen des scheinbar Nutzlosen singen. In Wahrheit zwingt die
Verantwortung für die künftigen Generationen, ihr eigentliches Interesse, die
philosophische Lehre und Forschung, zu vernachlässigen und den Politikern, auch
manchen Medienleuten, ins Gewissen zu reden. Meine Gegenargumente bündeln sich
in der These, dass die Geisteswissenschaften, insbesondere die Philosophie für
demokratische Gemeinwesen unverzichtbar sind, darüber hinaus für eine globale
Welt. Nach einem
verbreiteten Topos, einer Mischung aus Diagnose und Therapie, war die
Philosophie über Jahrhunderte die Leitwissenschaft; mit Kepler und Newton sei
es die Physik, seit Entdeckung der Bausteine allen Lebens aber der Komplex der
Biowissenschaften geworden. Neuerdings herrsche jedoch keine der
Wissenschaften, sondern lediglich eine Technik, die Buchhaltung, geadelt zur
Technik des profitablen Managements. Gegen diese Vorherrschaft, oft sogar
Tyrannis der Ökonomie sollten die Wissenschaften sich solidarisieren und
vereint Einspruch erheben. Aufgeklärte Tyrannen folgen freilich dem Grundsatz:
divide et impera. In diesem Sinn trennt das bloß ökonomische, sagen wir das
ökonomistische Denken die profitfähigen, die nützlichen von den
profitunfähigen, den nutzlosen Wissenschaften. Und weil es die genaue
Wahrnehmung scheut, vergröbert es die Welt der Wissenschaften. Es sieht
vornehmlich zwei Hemisphären: die Profit schaffenden Naturwissenschaften samt
Medizin und Technik und die profitunfähige Welt der Philosophie und der
Geisteswissenschaften. Schaut man auf
die tatsächliche Anwendungsfähigkeit und schließliche Rendite, so dürfte man
freilich nicht pauschal die Naturwissenschaften fördern, die Philosophie und
die Geisteswissenschaften dagegen vernachlässigen: Die Sinologie beispielsweise
und die facettenreiche Orientalistik helfen, Kulturen zu verstehen, mit denen
wir leben müssen. Dieses Verständnis ist für unsere Medien unverzichtbar, auch
für Unternehmer, nicht zuletzt für Politiker, damit sie uns finanziell und
politisch kostspielige Fehlentscheidungen ersparen. Eine so bahnbrechende
Entdeckung wie die spezielle Relativitätstheorie dagegen verspricht einen
geringen, die allgemeine Relativitätstheorie gar keinen Profit. Und die immer
besseren Teleskope der Astronomen helfen - vielleicht -, der "Natur"
und dem Anfang des Universums auf die Spur zu kommen, und die immer
energiereicheren Beschleuniger, immer kleinere Elementar"teilchen"
oder "strings", Fäden, zu entdecken. Sie werfen aber keinen
wirtschaftlichen Nutzen ab. Selbst der Fusionsreaktor, der alle Energieprobleme
der Menschheit lösen soll, ist eine Zukunftsvision genauso wie viele andere
naturwissenschaftliche Versprechen. Trotzdem vertrauen Politiker diesen
ziemlich utopischen Visionen mehr als einer nicht utopischen Philosophie. Und
vergleicht man die immensen Kosten dieser Forschung mit denen der Philosophie,
so erscheinen die profitfernen Forschungen aus den Naturwissenschaften als
geradezu "unendlich teuer". Außerdem dürfen
wir nicht vergessen, dass viele Politiker Jus, die Bankiers und
Wirtschaftsführer Volks- und Betriebswirtschaftslehre studieren, also Fächer,
die von der Warte der Naturwissenschaften zu den geschmähten
Geisteswissenschaften gehören. Dort ist aber als Rechtsphilosophie, hier als
Wirtschaftsethik die Philosophie gefragt. Auch die innenpolitischen Debatten um
die sogenannte soziale Gerechtigkeit und um die intergenerationelle
Gerechtigkeit und die entwicklungspolitischen und die außenpolitischen Debatten
um eine globale Gerechtigkeit lassen sich ohne Begriffe und Argumente einer
Philosophie nicht seriös führen. Daher meine
durchaus provokative Gegenthese: Gegen den ökonomistischen Fehlschluss, der die
Globalisierung auf die Finanz-, Waren- und Dienstleistungsmärkte verkürzt,
verlangt dieses Zeitalter nicht etwa weniger, sondern im Gegenteil mehr an
Philosophie. Für den sogenannten Realpolitiker mag die These zu vollmundig
klingen. Wenn er sich von einer Hintergrundideologie der Gegenwart löst und
sich statt dessen für die Realität öffnet, lässt er sich überzeugen. Zuvor eine
Nebenbemerkung: Unser Zeitalter der Ökokultur bietet jeder
überlebensgefährdeten Spezies Schutz an, bis hin zur Platycleis albopunctata
und der Metrioptera bicolor, also der Westlichen und der Zweifarbigen
Beißschrecke. Das Minimum einer intellektuellen Ökokultur wäre es, die
Philosophie aus Gründen des Artenschutzes zu fördern. Damit es der
Philosophie aber nicht ähnlich wie dem Naturschutz ergehe und sie im Streit mit
der Wirtschaft meist den Kürzeren ziehe, suchen wir stärkere Argumente. Im
Studium der Philosophie und der Geisteswissenschaften - denn aus Gründen der
Solidarität erweitern wir den Blick - lernt man nicht etwa bloß gewisse
Sachverhalte kennen. Man übt auch technai, englisch: arts, ein, also
Fähigkeiten und Methoden, sogar Haltungen, sodass eine Bildung im emphatischen
Sinn stattfindet: Man verändert seine Einstellung gegenüber der sozialen und
kulturellen Welt, nicht zuletzt die Einstellung gegenüber sich selbst.
Insbesondere die Philosophie vermittelt sehr früh, was bei Aristoteles
"gebildet" und "allgemein gebildet" heißt. Es ist kein
Vorrat konkreter Kenntnisse, der heute ohnehin rasch veraltet. Gemeint ist der
Besitz allgemeiner Gesichtspunkte, mit denen man auch dort treffend mithält, wo
man auf neuartige Sachverhalte stößt. Gebildet ist zum Beispiel, wer den Satz
vom Widerspruch, also ein grundlegendes Denkprinzip, nicht aus höheren
Prinzipien ableiten will oder wer sachfremde von sachdienlichen Argumenten zu
unterscheiden vermag. Und heute: wer für die Wirtschaft und die
Naturwissenschaften sowohl deren Wert als auch deren Grenzen einzuschätzen
versteht. Ein Plädoyer für
die Wissenschaften, das mit deren Nutzen, sogar mit deren Marktfähigkeit
argumentiert, hat sich schon ihnen als Leitkriterium unterworfen. Um sich dem
politischen Imperativ der Merkantilisierung nicht zu beugen, stellen
Philosophie und Geisteswissenschaften zunächst einmal ihr breites Tableau nicht
merkantiler Leistungen vor. Trotzdem brauchen sie den Vorwurf mangelnder
Merkantilität nicht zu fürchten. Ihre guten Argumente beginnen mit der
Erinnerung an die weit geringeren Kosten sowohl ihrer Studentenausbildung als
auch ihrer Forschung. Jeder Finanzminister kann sich über die niedrigen
Pro-Kopf-Kosten sowohl der Studenten als auch ihrer Professoren und deren
Forschungsinstrumente (Bücher statt Labors und einige statt Dutzender
Mitarbeiter) nur freuen. Als nächstes
widersprechen Philosophie und Geisteswissenschaften dem zu kurzsichtigen
Verständnis von Wirtschaftlichkeit. Verlassen wir einmal den Bereich der Texte
und verweisen auf Bauwerke wie die ägyptischen Pyramiden und griechischen
Tempel, wie die europäischen und außereuropäischen Paläste und Gotteshäuser,
ferner auf die großen Parkanlagen der Welt: Sie alle sind weder auf
kurzfristigen Nutzen noch aufs bloße Überleben angelegt; sie haben gerade
deshalb die Jahrhunderte überdauert und werfen selbst in merkantilen Begriffen,
nämlich über den Tourismus, Generation für Generation große Gewinne ab. Die
genannten Werke müssen aber erschlossen werden, teils im physischen Sinn, indem
man sie ausgräbt oder restauriert, teils im intellektuellen Sinn von
Kunstführern und Katalogen. Dass hinter beiden Aufgaben die Arbeit der
Geisteswissenschaften steht, weiß - und genießt - die Öffentlichkeit seit
langem. Und weil man die Philosophie längst allerorten studiert, tragen etwa
Wittgenstein und der Wiener Kreis den Ruhm dieser Stadt und Hegel, Hölderlin
und Schelling den Ruhm von Tübingen in alle Welt. Schließlich freuen sich die
Verleger, dass sie ihre Bücher gut ins Ausland, Heidegger zum Beispiel allein
nach Japan etwa zu einem Drittel, verkaufen. Mit vier weiteren
Argumenten begegnen die Geisteswissenschaften dem politisch-ökonomischen
Rechtfertigungsdruck. Die zwei ersten bestehen in erfreulichen Nebenwirkungen,
die dem von Huntington voreilig beschworenen Kampf der Kulturen entgegentreten;
und weil sie dabei umfassend und tief ansetzen, versprechen sie einen
langfristigen Erfolg: Einerseits fördern Philosophie und Geisteswissenschaften
mit ihrem Verständnis für andere und anderes die Toleranz gegen Fremde und
Fremdes. Andererseits erleichtert ihre allgemein menschliche Vernunft mit der
Verbindung von kritischer Hermeneutik mit geschichtlicher Aufklärung, dass die
verschiedenen Religionen ihren religiösen, allerdings auch nur religiösen
Wahrheitsanspruch behaupten dürfen und trotzdem in der pluralistischen
Weltgesellschaft friedlich koexistieren können. Schon deshalb,
wegen ihres Beitrags zur friedlichen Koexistenz, ist die entsprechende Bildung
nicht bloß ein Bürgerrecht, sondern ebenso eine Bürgerpflicht. Jedes
Gemeinwesen hat diese Bildung den Bürgern, natürlich auch ihren Politikern und
Wirtschaftsführern, nicht nur zu ermöglichen, sondern auch zuzumuten. Und der
Weltgemeinschaft obliegt dieselbe Aufgabe gegenüber allen Gemeinwesen, Kulturen
und Religionen. Von den Individuen über Gruppen bis zu Großkollektiva müssen
sich alle bereitfinden, Neigungen zur imperialen Selbstüberschätzung aufzugeben
und sich in eine zumindest rechtliche Anerkennung der anderen fügen. Die dritte
erfreuliche Nebenwirkung: Wegen der gesunkenen Wochenarbeitszeit und der
gestiegenen Rentenzeit ist der Anteil an der nicht lohnorientierten
Lebensgestaltung erheblich gewachsen. Daraus ergibt sich zusammen mit dem hohen
Bildungsstand der Bevölkerung ein großer Bedarf an philosophischen und anderen
geisteswissenschaftlichen Angeboten. Diese halten mit den sogenannten
Freizeitparks nicht bloß qualitativ, sondern auch quantitativ leicht mit:
Museen und Ausstellungen sind oft überfüllt, Kulturreisen begehrt, und der Ruf
nach Seniorenuniversitäten ertönt immer lauter. Auch darf man im globalen
Wettkampf der Wirtschaftsstandorte die Rolle der kulturellen Infrastruktur
nicht unterschätzen. Dank ihrer Museen, Theater, Musik- und Vortragskultur blüht
in Mitteleuropa eine Fülle von Metropolen, was ohne die intensive Zuarbeit der
Geisteswissenschaften nicht denkbar ist. Nicht zuletzt
erbringen sie trotz gewachsener Ausbildungslast, abnehmender Infrastruktur und
ständigen Verwaltungsreformen zum Teil weltberühmte Forschungsleistungen. Mögen
manche US-Bestsellerprofessoren mit zweifelhaften Thesen zum Ende der
Geschichte oder dem Kampf der Kulturen Staub aufwirbeln, weltweit diskutierte
Autoren wie Jacques Derrida, Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas und Niklas
Luhmann stammen aus Europa. Unter diesen Autoren fällt aber der Anteil der
Philosophen besonders hoch aus. Zusätzlich zur
Fähigkeit, die eigene Perspektive zu relativieren und andere in ihrer
Andersartigkeit anzuerkennen, lernen die Studenten noch viertens so wichtige
Dinge wie Teamgeist, Kommunikationsvermögen und interdisziplinäres Denken. Das
Ergebnis erstaunt daher nicht: Philosophen und Geisteswissenschaftler sind
nicht nur in ihren klassischen Berufsfeldern wie den Schulen und Hochschulen,
ferner den Verlagen, Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten oder in der
Weiterbildung tätig. Wir finden sie in der Unternehmensberatung, gelegentlich
sogar in der Unternehmensführung. Im Blick auf die
derzeit boomenden Lebenswissenschaften drängen sich weitere Argumente auf. Ein
erstes Argument: Die biomedizinische Ethik erfreut sich einer Konjunktur, um
die jeder Wirtschaftsminister sie nur beneiden kann. Während er nämlich mit
Konjunkturschwankungen rechnen muss, wächst der Bedarf an medizinischer Ethik
stetig an. Wir erinnern uns: Im Zusammenhang der Organ-, namentlich
Herztransplantationen erörterte man die Frage, wann genau der Mensch als tot zu
gelten hat; Stichwort: Hirntod und Organverpflanzung. Später ging es um
Experimente mit den Grundbausteinen der Erbsubstanz, ferner um
In-vitro-Befruchtungen und die Geburt des ersten sogenannten Retortenbabys,
wieder später um Fragen der Gentechnik an Pflanzen und Tieren. Und neuerdings
debattiert man über Pränataldiagnostik, über verbrauchende Embryonenforschung,
therapeutisches Klonen genannt, dabei vornehmlich über die Frage, wann genau
das menschliche Leben beginnt. Daneben, aber nicht nebenbei hat die
medizinische Ethik Dauerthemen, etwa die Frage des Schwangerschaftsabbruchs und
der Sterbehilfe und Fragen der sogenannten Apparatemedizin. Nicht zuletzt
stellt sich die Frage, was das Gesundheitswesen insgesamt kosten darf. Lediglich als
Ethik ist die Philosophie aber nicht gefragt. Ohnehin braucht man sie nicht
bloß als angewandte Ethik, sondern auch als deren Grundlegung, als
Fundamentalethik, und bei der Anwendung nicht lediglich als biomedizinische
Ethik, sondern ebenso als Technikethik, als Wirtschaftsethik oder mit vielen
Themen als politische Ethik. Eine zweite, andersartige Aufgabe: Wegen ihrer forschungspolitischen
Macht beanspruchen zwar Hirnforscher eine Deutungshoheit selbst zum Thema
Willensfreiheit. Bei mancher Ansicht bietet aber die Philosophiegeschichte
vielfältige Erinnerungs- und Argumentationshilfen an. Bei der Kritik an der
Vorstellung, das Gehirn sei eine Art Zentralcomputer, der wie der Kapitän eines
Schiffes das Handeln souverän steuere, räumt sie ein, dass diese
"Homunkulus-Ansicht" zwar bei Descartes, freilich nicht zentral
auftaucht. Spätestens durch Kant und in anderer Weise durch die analytische
Philosophie des Geistes wird sie aber überholt. Für das Thema
"Willensfreiheit" braucht es übrigens, was den Naturwissenschaften
selbstverständlich ist: eine philosophische Grundlagenforschung. Sie betrifft
ein ziemlich weites Themenfeld, nämlich Fragen der Kausalität und deren
Grenzen, ferner die "Natur" des menschlichen Geistes, das Leib-Seele-
respektive Körper-Geist-Problem, weiterhin eine philosophische
Handlungstheorie, eine Philosophie der Zurechnungsfähigkeit, der Verantwortung
und der Rechtsperson, vielleicht auch eine Philosophie des Gewissens und des
Bösen, nicht zuletzt eine Philosophie des Strafrechts. Und wer sich dieses
weite Panorama vor Augen hält, kann sich über die intellektuelle
Leichtfertigkeit nur wundern, mit der einige Hirnforscher die Willensfreiheit
in ein Museum menschlicher Irrtümer verbannen wollen. Die bislang
genannten Argumente sind zwar gewichtig, aber noch wesentlich unvollständig.
Denn in einem weiten Verständnis des Begriffs nehmen sie eine Instrumentalisierung
vor. Der im englischen Sprachraum erhaltene Ausdruck "liberal
studies", freie Studien, meint anderes. Viele der bisherigen Argumente
lassen sich schon in eine erste, politische Bedeutung von "liberal"
zusammenfassen: Die Philosophie und Geisteswissenschaften widersprechen von
ihren Methoden her einem dogmatischen und autokratischen Denken; und statt sich
auf die eigene Kultur und Epoche zu fixieren, fördern sie kulturelle Offenheit
und Toleranz. Eine zweite Bedeutung von "liberal" tritt im Studium
generale und in Senioren-Universitäten zutage: dass die Veranstaltung Personen
offen steht, die sich zumindest vorübergehend dem Zwang zur Erwerbsarbeit
entziehen. Mit der dritten,
sachlich aber primären Bedeutung von "liberal" erinnert die
Philosophie Europa an dessen griechische Wurzeln. Bei Aristoteles heißt
eleutheros: frei, wer sein Leben nicht auf den Tausch funktionaler Beziehungen
verkürzen lässt, es vielmehr um seiner selbst willen führt. Die damit
angedeutete Aufgabe ist vielleicht sogar am wichtigsten. Kein vernünftiger
Philosoph beansprucht, die Sinn- und Orientierungsfragen von heute zu
beantworten, noch weniger, für die Antwort exklusiv zuständig zu sein, auch
wenn seine Kompetenz erheblich ist. Indem er sich mit den entsprechenden Fragen
teils direkt, teils indirekt auseinander setzt, verhilft er aber zu einer
methodischen Klärung, darüber hinaus macht er argumentativ begründete Angebote.
Die Philosophie
und Geisteswissenschaften machen die Herkunft der eigenen und die der fremden
Kultur verständlich; sie erschließen Denk-, Empfindungs- und Handlungsweisen
und decken die Antriebskräfte sowohl von Kooperation als auch von Konkurrenz
auf. Die Ethik und die politische Philosophie entwickeln Argumentationsmuster
für die personale und die politische Praxis. Und die Gesamtheit der Philosophie
leistet für viele wissenschaftliche Fächer und öffentliche Debatten die
erforderliche Grundlagenforschung. Vor allem aber
sensibilisieren die Philosophie und die Geisteswissenschaften für Dinge, um
derentwillen es sich lohnt, geboren zu sein und sich auch unter Verzichten zu
engagieren, für so wesentliche Dinge wie Gerechtigkeit und Moral, wie
Literatur, Musik, bildende Kunst und Architektur, nicht zuletzt für das
eigenständig-kritische Denken, die Philosophie, selbst. 25.06.2005 - Spectrum / Zeichen der
Zeit
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