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ÜBER DIE BEDEUTUNG DES HUMANISTISCHEN UNTERRICHTS

VON WERNER HEISENBERG (MÜNCHEN)

Welche Gründe sind es, die von den Vertretern des humanistischen Gedankens immer wieder für die Beschäftigung mit den alten Sprachen und der alten Geschichte angeführt werden? Da wird zunächst mit Recht darauf hingewiesen, dass ja unser ganzes kulturelles Leben, unser Handeln, Denken und Fühlen, in der geistigen Substanz des Abendlandes wurzelt; also in dem geistigen Wesen, das mit der Antike begonnen hat, an dessen Anfang griechische Kunst, griechische Dichtung und griechische Philosophie stehen, das dann im Christentum mit der Bildung der Kirche ihre große Wendung erfahren hat, und das schließlich beim Ausgang des Mittelalters in einer großartigen Vereinigung von christlicher Frömmigkeit mit der geistigen Freiheit der Antike die Welt als die Welt Gottes ergriffen und durch Entdeckungsfahrten, Naturwissenschaft und Technik von Grund aus umgestaltet hat. Wir werden also in jedem Bereich des modernen Lebens immer dann, wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, sei es systematisch oder historisch oder philosophisch, auf die geistigen Strukturen stoßen, die in der Antike und im Christentum entstanden sind.

Dann wird etwa als Zweites betont, dass die ganze Kraft unserer abendländischen Kultur herrührt und immer hergerührt hat von der engen Verbindung zwischen prinzipieller Fragestellung und praktischem Handeln. Im praktischen Handeln sind andere Völker und andere Kulturkreise ebenso erfahren gewesen wie die Griechen. Das aber, was das griechische Denken vom ersten Augenblick an unterschieden hat vom Denken anderer Völker, war die Fähigkeit, eine gestellte Frage ins Prinzipielle zu wenden und damit zu Gesichtspunkten zu kommen, die das bunte Vielerlei von Erfahrung ordnen und dem menschlichen Denken zugänglich machen können. Diese Verbindung von prinzipieller Fragestellung und praktischem Handeln hat das Griechentum vor allem ausgezeichnet, und sie hat dann noch einmal beim Aufbruch des Abendlandes in der Renaissance im Mittelpunkt unserer Geschichte gestanden und, wie sie wissen, die moderne Naturwissenschaft und Technik hervorgebracht. Wer sich mit der Philosophie der Griechen beschäftigt, der stößt also auf Schritt und Tritt auf diese Fähigkeit zur prinzipiellen Fragestellung, und er kann sich so beim Lesen der Griechen im Gebrauch des stärksten geistigen Werkzeugs üben, das abendländisches Denken hervorgebracht hat. Insofern kann man also sagen, dass wir auch im humanistischen Gymnasium etwas sehr Nützliches lernen.

 


 Schließlich wird mit Recht als Drittes gesagt, dass die Beschäftigung mit der Antike im Menschen einen Wertmaßstab erzeuge, bei dem die geistigen Werte höher gelten als die materiellen. Denn gerade bei den Griechen ist der Primat des Geistigen in allen Spuren, die sie hinterlassen haben, unmittelbar sichtbar.

Wenn man in der heutigen Zeit über den Wert der humanistischen Bildung spricht, so kann man wohl auch kaum mehr einwenden, dass die Beziehung zur Naturphilosophie in der modernen Atomphysik ein einmaliger Fall sei und dass man sonst in Naturwissenschaft, Technik oder Medizin mit solchen prinzipiellen Fragen kaum in Berührung komme. Das wäre schon deshalb falsch, weil viele naturwissenschaftliche Disziplinen in ihren Grundlagen mit der Atomphysik eng verbunden sind, also schließlich auf ähnliche grundsätzliche Fragen führen, wie die Atomphysik selbst. Das Gebäude der Chemie erhebt sich auf dem Fundament der Atomphysik, die moderne Astronomie hängt mit ihr aufs engste zusammen und kann ohne Atomphysik kaum gefördert werden, und selbst von der Biologie werden schon Brücken zur Atomphysik geschlagen. In den letzten Jahrzehnten sind in viel höherem Maße als früher die Verbindungen zwischen den verschiedenen Naturwissenschaften sichtbar geworden. An vielen Stellen erkennt man die Zeichen des gemeinsamen Ursprungs, und der gemeinsame Ursprung ist schließlich irgendwo das antike Denken.

Mit dieser Feststellung bin ich nun beinahe wieder zum Ausgangspunkt meines Vortrages zurückgekommen. Am Anfang der abendländischen Kultur steht die enge Verbindung von prinzipieller Fragestellung und praktischem Handeln, die von den Griechen geleistet worden ist. Auf dieser Verbindung beruht die ganze Kraft unserer Kultur auch heute noch. Fast alle Fortschritte leiten sich aus ihr her, und in diesem Sinne ist ein Bekenntnis zur humanistischen Bildung einfach ein Bekenntnis zum Abendland und seiner kulturbildenden Kraft.

 

 

 

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