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VON WALTER HEINRICH (WIEN) 0. Professor der Nationalökonomie an der Hochschule für Welthandel Georges Friedmann, viele Jahre hindurch Leiter des französischen berufsausbildenden Schulwesens und ein durch seine Werke international bekannter Fachmann, erklärt eindringlich, wir hätten die Arbeitsteilung überdreht, die Spezialisierung in der beruflichen Ausbildung zu weit getrieben und müssten uns, um den Erfordernissen der jüngsten Phase der Industriewirtschaft, ja der gesamten modernen Wirtschaft gerecht zu werden, in Bildung und in Ausbildung wiederum von universellen Leitbildern bestimmen lassen und zu einer Vorbereitung auf ganzheitliche Berufe zurückkehren. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika befindet sich das Erziehungswesen im Umbruch: Nachdem dessen ,,fortschrittliche" Männer mit ihrer Betonung der ,,realen" und ,,praktischen" Fächer (Autofahren, Camping!) Schiffbruch erlitten haben, spricht man von einer Renaissance des Latein und fordert "das Studium der Tradition": "Nur, wenn es möglich ist, ein Gleichgewicht zwischen den Erkenntnissen unserer Zeit und dem zeitlosen Wissen der Tradition herzustellen, können wir hoffen, die kulturelle Vorherrschaft des Westens aufrechtzuerhalten. Das Kennzeichen des gebildeten Menschen ist sein Gefühl für die Kontinuität und das Bewusstsein für sein kulturelles Erbgut", sagt Thomas Molnar. Der deutsche Universitätsprofessor Josef Pieper fordert, dass gerade im Zeitalter der Spezialisierung der Mensch fähig sein müsse, die Totalität seiner Existenz zu begreifen. Es bleiben daher die Stimmen jener hinter den Vorgängen in der internationalen Welt zurück, die da meinen, das Studium des Lateinischen oder des Griechischen sei ein "unnötiger Ballast", vor allem aber verkennen sie die Erfordernisse der Wirtschaft von heute. Wahrscheinlich hat noch niemals in der Geschichte der Menschheit die Welt der Wirtschaft ein solches Gewicht gehabt wie in unserem Zeitalter. Sicher aber hat noch in keiner Epoche die Wirtschaft eine so überwältigend große Zahl von Menschen mit hohem und höchstem intellektuellen Ausbildungsstand gebraucht wie heute. Die amerikanische Soziologie hat es geradezu als den Beginn eines neuen Zeitalters bezeichnet, als in der Berufszählung des Jahres 1956 das erste Mal die Berufsgruppe der höheren kaufmännischen und technischen Angestellten zahlenmäßig stärker war als jene der Arbeiter an den Maschinen, die dreißig Jahre hindurch die größte Gruppe der berufstätigen Bevölkerung gestellt hatten. Diese in vielen Tatsachen der modernen Wirtschaft wurzelnde gewaltige Requalifizierung der Arbeit, die vom wirtschaftlich Tätigen eine immer bessere Ausbildung erfordert und demgemäß auch eine entsprechende Ausgestaltung des Bildungs- und Ausbildungswesens voraussetzt, bringt es mit sich, dass Wachstum und Produktivitätssteigerung der Wirtschaft immer mehr eine Art abhängiger Funktion des gesamten Vorrates an Begabung und Begabungen werden. Früher war dies vielleicht mehr für religiöse, politische und künstlerische Leistungen der Fall, heute aber gilt dies in steigendem Ausmaße - man mag dies bedauern oder nicht - für Wissenschaft, Technik und vor allem für die Wirtschaft. Nun steht es bekanntlich hinsichtlich der Begabungen so, dass man zwei Typen unterscheiden kann: Die früh entschiedene, die daher eine mehr oder weniger klare Berufsausrichtung schon in frühem jugendlichen Alter erlaubt; die spät sich offenbarende und infolgedessen hinsichtlich der Berufsentscheidung lang unklare Begabung. Wir wollen nicht werten oder messen, müssen aber feststellen, dass das mittlere Schulwesen, jetzt ,,höhere" Schule genannt, eine optimale Vorbereitung für beide Typen von Begabungen, die frühentschiedene und die spätreife, darstellen müsse. Ich glaube nicht fehlzugehen wenn ich meine jahrzehntelangen Beobachtungen als Lehrer einer Wirtschaftshochschule und meine langjährigen Erfahrungen in führender Stellung in der praktischen Wirtschaft so deute, dass für beide Typen von Begabungen das humanistische Gymnasium, dessen Bildunsgebäude auf den Säulen des Lateinischen, des Griechischen und der Mathematik (natürlich auch der Muttersprache) errichtet ist, die bestmögliche Vorbereitung darstellt. Dies deshalb, weil es bei den frühentschiedene Begabungen oder wenigstens bei sehr vielen von ihnen Gegenwirkungen gegen die Gefahr der Spezialisierung erbringt. Gerade die übermäßige Spezialisierung aber soll bei der Vorbereitung auf die Führungspositionen der modernen Wirtschaft, besonders auf die höchsten, vermieden werden. Bei den spät sich offenbarenden Begabungen aber hält es in einer von keiner anderen Schultype übertroffenen Weise den Weg frei für die Berufsentscheidung. Das Gymnasium ist die Schultype, mit der man alles machen kann. Dieser Umstand allein begründet schon seine Überlegenheit, wenn wir jetzt einmal von seiner besonderen Geeignetheit ganz absehen, eine wahrhaft universelle Bildung zu gewährleisten und die auch heute noch unabdingbare Aufgabe zu erfüllen, an die Wurzeln der abendländisch-europäischen Tradition heran zuführen. Wenn wir die verschiedenen Sparten der höheren Berufe überblicken, so bedarf es wohl keines besonderen Beweises dafür, dass das Gymnasium für den Theologen, den Juristen, für den gesamten geisteswissenschaftlichen Bereich der philosophischen Fakultät, auch für den Mediziner die beste, ja die einzig mögliche Vorbereitung bietet. Auch für den Mediziner, trotz des Einwandes, man könnte einen Blinddarm operieren, auch ohne Latein und Griechisch gelernt zu haben, wie dies doch die amerikanischen oder die japanischen Ärzte bewiesen. Nun werden aber wahrscheinlich die amerikanischen Ärzte in Kürze wieder Latein lernen und man sollte sich auch hüten, ohne weiteres abendländische und japanische oder andere Wissenschaft miteinander zu vergleichen. Jedenfalls haben sich z. B. gerade die Japaner genug bemüht, von der europäischen Wissenschaft zu lernen.
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Nun zu einer weiteren Überlegung: Wir lebten heute in der Einen Welt und die Träger mittlerer und noch mehr jene hoher Aufgaben müssten daher mehrere, wenigstens aber doch eine moderne Fremdsprache beherrschen, vor allem natürlich die wirtschaftlich Tätigen oder gar die führend Tätigen. Das ist zweifellos richtig: Aber es ist zu bedenken, dass gerade Latein, übrigens auch Griechisch, ganz außerordentlich geeignete Grundlagen für die Erlernung der neuen Sprachen abgeben. Umgekehrt aber ist es fraglich, ob lebende Sprachen als erzieherische Medien das Gleiche zu leisten vermögen wie Latein und Griechisch (auch Hotelportiere müssen fremde Sprachen sprechen). Nun zur zweiten Frage in dem Zusammenhang Gymnasium und Wirtschaft: Ist das Gymnasium mit seinen beiden Säulen Latein und Griechisch im naturwissenschaftlich-technischen Zeitalter nicht überholt? Ist der von ihm gebotene Ausbildungsgang für den künftigen Studenten der Wissenschaft von der lebendigen Natur, besonders aber für jenen der Mathematik, der Physik, der Chemie und aller übrigen Naturwissenschaften und vor allem der Technik nicht doch unnötiger Ballast? Wenn das der Fall wäre, fiele die Vorbereitung auf den gesamten technischen Führungsbereich der Wirtschaft aus dem Aufgabenkreise des Gymnasiums heraus und es bliebe lediglich der kaufmännisch-organisatorische und selbst für diesen wird ja heute die Geeignetheit der humanistischen Bildung bezweifelt. Allerdings hat sich die Front der Zweifler starke Einbrüche gefallen lassen müssen; es wird immer mehr erkannt, dass auch für die eigentlichen wirtschaftlichen Führungsaufgaben die unversell-humanistische Bildung und damit das humanistische Gymnasium besonders geeignet seien. Zur immer stärker anschwellenden Flut der Beweise für die Bedeutung der strengen geistigen Schulung, die das Latein verbürgt, sind für die Unentbehrlichkeit der Berührung und Vertrautheit mit der Welt des Griechentums, aus der einzig und allein jener Geistesstrom entspringt, der zur Wissenschaft, zur Naturwissenschaft und zur Technik des Abendlandes führt, wollen wir keine weiteren Argumente hinzufügen, uns vielmehr nur zur Ansicht von Bruno Snell bekennen: ,,Die europäische Wissenschaft entspringt bei den Griechen. An der griechischen Sprache lässt sich daher zeigen, was in der Sprache geschieht, wenn man anfängt, ,wissenschaftlich? zu reden. Nur in Griechenland ist wissenschaftliches Reden autochthon; wo es später auftaucht, lebt es davon, dass es Griechisches übernimmt, übersetzt, weiterbildet." ,,Nur schlechte humanistische Bildung und schlechte naturwissenschaftliche Bildung stehen im Gegensatz zueinander." ,,Unsere Naturwissenschaften sind aus der griechischen Philosophie und Naturwissenschaft entstanden und was unsere Naturwissenschaft eigentlich ist, lässt sich nur aus dieser Tradition verstehen." ,,Davon bin ich überzeugt, dass es sich für Kinder, die Begabung und Interesse dafür haben, auch heute noch reichlich lohnt, was immer sie auch später werden wollen, das humanistische Gymnasium zu besuchen." Es bleibt die letzte Frage, ob die eigentlichen Führungsaufgaben der Wirtschaft von heute und morgen in dem vom humanistischen Gymnasium gewährten Bildungsgang jene optimale Grundlage und Vorbereitung erfahren, die angesichts der steigenden Anforderungen an die Wirtschaftsführer - die Führer unserer Betriebe, unserer Wirtschaftsverbände und unserer Wirtschaftsbehörden - unentbehrlich erscheinen. Wir möchten antworten: Ebensowenig wie behauptet werden soll, es könne nur der gutes Deutsch reden oder schreiben, der einen guten Griechisch-Unterricht erhalten habe, ebensowenig darf behauptet werden, dass große Wirtschaftsführer nur aus dem humanistischen Gymnasium kommen könnten. Aber mit der unvermeidlich zunehmenden Verwissenschaftlichung der wirtschaftlichen Betriebs-, Verbands- und Behördenführung - das erweist sich bereits heute auf Schritt und Tritt - wächst in der Zukunft zugleich die Bedeutung der universellen und traditions- ebenso wie fortschrittsaufgeschlossenen Erziehungspotenz des Gymnasiums. Je gründlicher man vom Standpunkt der Wirtschaft die Gymnasialfrage prüft, desto mehr festigt sich die Überzeugung, dass das humanistische Gymnasium mit seiner Erziehungsmacht nicht nur an der Wiege des neuzeitlichen Staates Entscheidendes, ja das Entscheidende bewirkt hat; dass es sodann ein zweites Mal bei der Entstehung des modernen Rechtsstaates Pate gestanden ist und dass es schließlich auch bei den modernen, hauptsächlich von der Wirtschaft ausgehenden Neustrukturierungen unserer Welt, bei der Überhöhung der alten Territorialstaaten durch Großgebilde, allein imstande sein wird, die dazu erforderlichen Führungsschichten heranzubilden. Geschähe diese Heranbildung nicht im Geiste des Humanismus, wäre Gefahr im Verzuge: ,,Unsere gegenwärtige Situation ist das Ergebnis der ganzen menschlichen Vergangenheit in dem Sinne, wie das letzte Kapitel eines Romans nicht zu verstehen ist, wenn man nicht die vorhergehenden gelesen hat. Es ist gut möglich, dass einer der Gründe, die zu der tiefgehenden Desorientierung führen, in der sich heute der Mensch in Bezug auf sich selbst befindet, die Tatsache ist, dass in den letzten vier Generationen der Durchschnittsmensch, der so viel weiß, nichts von der Geschichte weiß. Der Menschentyp des 18. oder 17. Jahrhunderts kannte zum mindesten die griechische und die römische Geschichte; und diese beiden Vergangenheiten dienten als Hintergrund, der seiner Gegenwart eine tiefe Perspektive verlieh. Heute dagegen ist der Durchschnittsmensch infolge seiner historischen Ignoranz fast in der Lage eines Primitiven, fast in der Lage des ersten Menschen; und daher kommt es, unter anderem, dass in der Tat aus seiner alten und überzivilisierten Seele plötzlich unerwartete Formen der Roheit und der Barbarei hervorbrechen? (Ortega y Gasset).
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