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Latein kann wegen seiner Bedeutung nicht vom Unterrichtsfach Internet ersetzt werden. GASTKOMMENTAR VON STEPHAN GRÖSS Der Autor ist Assistent an einem Rechtsinstitut der Wirtschaftsuniversität Wien. VP-Bildungssprecher Amon ließ mit dem Vorschlag
aufhorchen, Latein an den Gymnasien zu einem bloßen Wahlfach umzuwandeln, es als
Voraussetzung für Universitätsstudien wie Jus oder Medizin abzuschaffen und statt dessen
die IT-Ausbildung zu verstärken. In eine ähnliche Kerbe schlug an dieser Stelle auch
Franz Witzeling, der in einen Lobgesang auf das Internet als angeblich dritte
Kulturtechnik ausbrach. Diese zwei Behauptungen - die angebliche Nutzlosigkeit des
Lateinunterrichts einerseits und der Wert eines vertieften Verständnisses des Internet
andererseits - werden von Bildungspolitikern unter dem Kampfruf des Fortschritts und der
Modernität immer wieder vorgebracht, wohl nicht zuletzt um sich eine tiefergehende
Argumentation darüber zu ersparen. Latein ist derzeit Pflichtfach im Schulzweig Gymnasium der
AHS. Den Begriff "Allgemeinbildende Höhere Schule" möchte Amon am liebsten
vermeiden, offenbar um eine Widersprüchlichkeit in seiner Argumentation zu verdecken. Die
Gymnasien sollten seiner Ansicht nach in Konkurrenz zu den BHS (HTL und HAK) treten, wobei
er geflissentlich verschweigt, daß Allgemein- und Berufsbildung derart unterschiedliche
Ziele verfolgen, daß sie nicht in einen Topf geworfen werden können. Wer eine BHS
besucht, will nach der Matura eine spezifische Berufsberechtigung besitzen, wer in einer
AHS die Schulbank drückt, weiß von Anfang an, daß seine Berufsausbildung erst nach der
Matura beginnt. Forderungen nach einer höheren Praxisorientierung der AHS sind vollkommen
fehl am Platz; wer das will, wird sich ohnehin für eine BHS entscheiden.
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Welche Funktion übt der Lateinunterricht aus? Einerseits
vermittelt er einen Blick auf die gesamte europäische Kultur und ihre Geschichte, den
sonst kein Fach bieten kann. Nicht nur weil die Römer die von den Griechen geschaffene
Kultur über den ganzen Kontinent verbreiteten, sondern auch weil bei fast jedem
Kulturdenkmal Mitteleuropas lateinische Inschriften zu finden sind. Das römische Recht
ist nach wie vor Basis unserer geltenden Privatrechtsordnung - übrigens auch Basis des
angloamerikanischen common law -, und wer sich mit Geschichte befaßt, wird ein Studium
der - überwiegend lateinisch abgefaßten - Originaldokumente nicht vermeiden können,
wenn er sich einen wissenschaftlichen Anspruch stellt. Andererseits bietet Latein ein vertieftes
Sprachverständnis, weil in keinem Fach, auch nicht in den lebenden Fremdsprachen, Satzbau
und Grammatik derart intensiv analysiert werden. Das vertiefte Sprachverständnis führt
dazu, daß ein Lateiner mit weit größerer Leichtigkeit eine lebende Fremdsprache erlernt
als ein Nichtlateiner. Die Bedeutung des Lateinunterrichts kann durch das
Internet nun keinesfalls ersetzt werden. Wer das Internet in seinem Beruf täglich nützt,
kann sich nur wundern über die Forderung, es als Art Unterrichtsgegenstand einzuführen.
Das Surfen im World Wide Web kann nämlich auch von einem Menschen mit beeinträchtigter
Auffassungsgabe in weniger als fünf Minuten erlernt werden. Im Vergleich zum
Internet-Surfen stellt sich die Beschäftigung des Schwammerlsuchens sogar
verhältnismäßig kompliziert dar. Hierbei muß man nämlich nicht nur früh aufstehen,
die verschiedenen eßbaren und ungenießbaren Pilze kennen und um die Plätze wissen, an
denen sie bevorzugt sprießen, sondern auch die ideale Witterung abwarten. Für die
Nutzung des Internet hingegen braucht man nur den Computer hochzufahren, die
Browserfunktion zu aktivieren und weiterzuklicken. © Die Presse | Wien |
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