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Interpretation
des "Euthyphron" mit den Schwerpunkten: - Der Euthyphron
vor dem Hintergrund der Rechtfertigung der Person des Sokrates durch Platon. -
"Frömmigkeit" als sittliche Haltung und Sokrates -
"Frömmigkeit" als sittliche Haltung und Platon - Der Euthyphron
als aporetischer Dialog „Du verlangst, lieber Freund, ich
solle dir darstellen, was das sei, das vollkommene Leben ... Die
Vollkommenheit im Geiste zu erfassen und im Leben aufzuweisen, was der Geist
erkannt haben mag, das eine wie das andere geht über meine Kräfte ... Da ich sagte, dass auch denen, die
ihr Leben in der Tugend führen, unmöglich ist, die Vollkommenheit zu
erreichen, so wird auch der Sinn davon verständlich gemacht werden. Das auf
höchste und wahrste Weise Gute, dessen Wesen Gutsein ist, das Göttliche selbst,
was auch immer durch die Natur erkannt wird, ist dies und wird auch so benannt.
Da nun keine Grenze der Tugend außer dem Laster besteht, ..., das
Göttliche aber einen Gegensatz ausschließt, ist die göttliche Natur unbegrenzt
und unendlich. Und doch - wer wahrhafter Tugend nachfolgt, der hat Teil an
Gott, der ja selbst die vollkommene Tugend ist. Da nun das wesenhaft Gute, an
dem die wenigen, die es erkannt haben, teilhaben wollen, ohne Grenze ist, hat
notwendigerweise auch das Verlangen des Teilhabenden, das sich nach dem
Unbegrenzten streckt, kein Ende. Nun ist es völlig unmöglich, das Vollkommene
zu erreichen, weil die Vollkommenheit, wie gesagt, unbegrenzt ist und die
Tugend nur eine Grenze hat - ihre Grenzenlosigkeit. Wie kann nun jemand die erstrebte
Grenze - nämlich die Vollkommenheit - erreichen, da er doch keine Grenze sieht?
... Bei allem wesenhaft Guten ist - auch wenn es nicht ganz erreicht
werden kann - es schon ein großer Gewinn, einen Teil erreicht zu haben. Man
muss also immer großen Eifer zeigen... Denn sich so verhalten, dass man im
Guten immer mehr zu haben strebt, das ist die Vollkommenheit der menschlichen
Natur ...“ Mit
diesen Worten leitet Gregor von Nyssa seine Anleitung zu einem vollkommenen
Leben[1]
ein. Was
haben seine Gedanken mit Platon, im besonderen mit der Schrift „Euthyphron“ zu
tun? Wenn Gregor das Göttliche als das Vollkommene, Unendliche und unendlich
Gute betrachtet, an das der Mensch herantreten, in das er eintauchen soll, um
so Anteil an diesem zu erhalten, so steht er ganz in der Nachfolge Platons,
vor allem im Hinblick darauf, was Platon in seiner reiferen Zeit positiv
dargelegt hatte. Es geht um eine Grundhaltung des Menschen, der sich mit allen
Kräften, mit seinem ganzen Wesen bemühen soll, das Wesentliche immer neu und
immer tiefer zu ergreifen zu suchen. Das Wissen, dass diese Suche niemals
stehen bleiben darf und kann, ist dabei unbedingte Voraussetzung. Euthyphron ist nur einer der vielen
Gesprächspartner des Sokrates, der meint, er wisse etwas, hier: was
Frömmigkeit ist. Ein Bezug zum Leben, wenn man so will, wird gerade durch die
Einleitung des Gesprächs hergestellt: Sokrates muss sich einer Asebie-Klage
stellen (ἀσέβεια = mangelnde Ehrfurcht vor den Göttern). Vor dem Amtsgebäude
des Ἄρχων Βασιλεύς trifft er auf Euthyphron, der seinerseits seinen Vater wegen
Mordes (4b φόνου) verklagen möchte. Dass der letztgenannte Fall einigermaßen
absurd ist, scheint Euthyphron in seiner naiven Sicherheit, „Weisheit“ bezüglich
Recht und Unrecht, Fromm und Unfromm zu besitzen, nicht zu stören, und eben
diese Weisheit ist es nun, die Sokrates - nicht zuletzt aus seinem persönlichen
Anliegen heraus - befragt: „Du aber beim Zeus, Euthyphron, glaubst du so genau
über das Wesen des göttlichen Rechts und über das Fromme- und Unfromme
Bescheid zu wissen, dass du, da dieses sich so, wie du sagst, vollzog, nicht
befürchtest, du möchtest vielleicht deinerseits eine unfromme Tat begehen,
indem du gegen deinen Vater prozessierst“ (4e)? Platons Werk entstand erst einige
Zeit nach Sokrates' Tod. Der Leser kennt längst den Ausgang jenes Prozesses und
überhaupt jede Menge Stellungnahmen zu Sokrates' Leben, seiner Leistung,
seiner Frömmigkeit und vieles mehr[2].
Sokrates gehörte eben zu jener Art Menschen, "die zu einer sittlichen
Entscheidung drängen und die daher ebenso heftigen Widerspruch wie hingebende
Begeisterung hervorriefen"[3]. Wie ging Sokrates dabei vor? - Er
stellt Fragen, das sittliche Leben betreffend, prüfte, und
überführte (s.u.). Das griechische ἐλέγχειν umfasst alle drei Bereiche. Der jüngere Platon übernahm dieses
Verfahren und somit auch die Überzeugung, dass sittliche Werte nicht lehrbar
seien. Man könne einen anderen nur anregen, sich selbst auf die Suche
nach jenen zu begeben. Mit dem Tod des Sokrates beschäftigt
sich Platon in vier Werken: Neben dem "Euthyphron" noch in den
Dialogen „Kriton“ und „Phaidon“ sowie in der Apologie. Für uns ist vor allem letztere von
Bedeutung: Dort, und zwar in der zweiten Rede (nach der Schuldigsprechung),
hören wir von Sokrates (cap. 26), er habe den Athenern den größten nur
denkbaren Dienst erwiesen, ἐπιχειρῶν ἕκαστον ὑμῶν πείθειν μὴ πρότερον μήτε τῶν ἑαυτοῦ μηδενός ἐπιμελεῖσθαι, πρὶν ἑαυτοῦ
ἐμεληθείη, ὅπως ὡς βέλτιστος καὶ φρονιμώτατος ἔσοιτο, μήτε τῶν τῆς πόλεως πρὶν
αὐτῆς τῆς πόλεως, τῶν τε ἄλλων οὕτω κατὰ τὸν αὐτὸν τρόπον ἐπιμελεῖσθαι.[4]
Den Vorwurf der Gottlosigkeit
versucht Sokrates unter anderem in seiner ersten Rede dadurch zu entkräftigen,
dass er sein Tun als göttlichen Auftrag darstellt: Apoll hatte Sokrates als
weisesten aller Menschen bezeichnet, was dieser jedoch vorerst nicht glauben
kann. Also geht er daran, herauszufinden, welches Sinn jenes Orakel haben
könnte; Beim Befragen der Staatsmänner, der Dichter, der Handwerker, also
derer, die Sokrates bisher für weise gehalten hatte, stellt sich heraus, dass
diese so weise gar nicht sind, wie sie glauben. Sokrates gelangt schließlich zu
der Einsicht, dass er wenigstens darin weiser sei als die anderen, dass er sich
nicht einbilde, weiser zu sein, ohne es wirklich zu sein. Durch eben dieses
Vorgehen habe Sokrates sich verhasst gemacht: „ἐκ ταυτησὶ δὴ τῆς ἐξετάσεως, ὦ ἄνδρες
Ἀθηναῖοι, πολλαὶ μὲν ἀπέχθειαί μοι γεγόνασι καὶ οἷαι χαλεπώταται καὶ βαρύταται,
ὥστε πολλὰς διαβολὰς ἀπ’ αὐτῶν γεγονέναι.“ Auch andere Nachteile habe er dafür
in Kauf genommen: ἐν πενίᾳ μυρίᾳ εἰμὶ
διὰ τὴν τοῦ θεοῦ λατρείαν“ (cap.
9). So gute Verlierer des Disputs, wie
Euthyphron von Platon gezeichnet wird, fanden sich wohl selten. Besonderen
Anstoß erregte Sokrates dadurch, dass Jugendliche ihren Spaß daran fanden,
zuzusehen, wie Menschen hinsichtlich ihrer Weisheit überprüft wurden, und
ihrerseits Sokrates darin nachzuahmen (cap. 10). Der Dialog „Euthyphron“ steht also
einerseits vor dem Hintergrund der Rechtfertigung der Person des Sokrates
durch Platon, seiner Lebensweise und seiner Religiosität. Dies ergibt sich aus
der Form des Gesprächs zwischen Sokrates und Euthyphron: Sokrates fragt,
möchte sich belehren lassen, was denn Frömmigkeit sei, in der Absicht, sich zu
bessern (cf. Schluss). Dabei zeigt sich, wie wenig Euthyphron bereit oder
vielmehr in der Lage ist, zu erklären und zu begründen, was denn das Fromme,
was das Unfromme sei. Sein Scheinwissen um das Fromme, mit dem er seinen Vater
verklagen möchte, rückt ihn in die Nähe des Anytos[5]. Andererseits, betrachtet man dieses
Buch für sich, hören wir schon den späteren Platon heraus: „Das Ziel der Frage
„τί ἐστι“ ist die Erkenntnis von etwas Umfassendem ..., das gleichzeitig eine
mit sich selbst identische Einheit und als solche Urbild für die
Einzelerscheinungen ist. Schon fallen ... die Worte εἶδος und ἰδέα, noch
bezeichnen sie nicht transzendente, von der Sinnenwelt geschiedene
Wesenheiten, wohl sind aber die Ansätze zu solchem Glauben
unverkennbar..."[6]
[7]
cf. 6e: ταύτην τοίνυν με αὐτὴν δίδαξον,
τὴν ἰδέαν τίς ποτέ ἐστιν, ἵνα εἰς ἐκείνην ἀποβλέπων καὶ χρώμενος αὐτῇ παραδείγματι,
ὃ μὲν ἂν τοιοῦτον ᾖ, ὧν ἂν ἢ σὺ ἢ ἄλλος τις πράττῃ φῶ ὅσιον εἶναι, ὃ δ’ ἂν μὴ
τοιοῦτον, μὴ φῶ. Gesucht wird jenes eigentlich Fromme, das eine Handlung zu
einer φrommen werden lässt. Euthyphrons
erste Definition ist formal verkehrt (5d ff.): Fromm sei, was er gerade
tue, nämlich gegen einen, der Unrecht tut, vorzugehen (τῷ ἀδικοῦντι ... ἐπεξιέναι). Jenen Formfehler bemängelnd (6d
„du hast mir nur gesagt, das, was du jetzt unternimmst, ..., sei zufällig ein
frommes Tun“) verlangt Sokrates eine neue Definition; diese lautet: „Fromm
ist, was den Göttern lieb ist“ (= 2. Definition). Doch ist damit nur
ausgesagt, wovon das Fromme betroffen ist, sein Wesen ist damit nicht bestimmt.
Dass dabei gerade ein Götterexperte wie Euthyphron nicht jene Uneinigkeit unter
den verschiedenen Göttern hinsichtlich dessen, was und wen sie lieben, bedenkt,
wirkt geradezu lächerlich: „Καὶ ἄλλα σοι ἐγὼ πολλὰ, ἐάνπερ βούλῃ, περὶ τῶν θείων
διηγήσομαι, ἃ σὺ ἀκούων εὖ οἶδ’, ὅτι ἐκπλαγήσῃ.“ (6c). Ihm fehlt eine klare Vorstellung
davon, was denn sei, was die Götter lieben, warum sie es lieben. In diese
Richtung hätte Euthyphron überlegen müssen. Doch hatte er „in seinem Sinn nur
ein Wort für ein anderes gesetzt“[8],
in der Annahme, dass die Götter sein Vorgehen billigen. Durch seine Flucht in
die Definition (2. Definition [b]), fromm sei, was alle Götter lieben, beraubt Euthyphron sich sogar dieser Grundlage,
freilich ohne es zu merken. Die oben angeführten Fragen bleiben nach wie vor
offen. Übrigens ist es gerade jene alte
(homerische) Göttervorstellung, die Platon später veranlasste, die Dichter, vor
allem Homer, aus seinem „Staat“ zu verbannen[9];
denn die Dichtung wende sich einzig an die niederen Kräfte der Seele, an die
Triebe und Leidenschaften. Am Ende des zweiten und am Beginn des dritten Buches
sagt Platon, „es gehe nicht an, ..., die Götter einander bekriegen zu lassen;
ebenso wenig dürfe man sie für menschliches Leid verantwortlich machen, noch
sei es erlaubt, ihnen Täuschungsmanöver zuzuschreiben ... Die überlieferten
Vorstellungen von der Unterwelt seien schädlich, da sie Furcht erregen und die
Todesbereitschaft im Kriege vermindern könnten. Außerdem lasse die Dichtung
sowohl Götter als auch Heroen über den Tod ihnen nahe stehender Personen
wehklagen: dergleichen sei geeignet, Verweichlichung hervorzurufen. Das
Verhalten der Heroen lasse überhaupt vielerlei zu wünschen übrig: sie seien
unbeherrscht, bestechlich, habgierig, aufsässig und grausam. Schließlich
wüssten die Dichter auch über gewöhnliche Menschen manches Verkehrte zu
berichten, z.B. dass Ungerechte oft glücklich, Gerechte hingegen unglücklich
seien ..."[10].
Die solches von den Göttern behaupten, seien Lügner (cf. Hesiod,
Theogonieproömium: Die Musen sagen dort: „ἴδμεν ψεύδεα (Fiktion) πολλὰ λέγειν, ἴδμεν
δὲ ἀληθέα γηρύσασθαι.“ Aufgabe der Dichter sei es vielmehr, Wahrheit zu
vermitteln und sittlich zu bessern[11]. In unserem Dialog sagt Sokrates an
einer Stelle (6a), er werde vielleicht deshalb gerichtlich belangt, weil er es
nämlich irgendwie unwillig aufnehme, wenn jemand Dinge solcher Art von den
Göttern behauptet. Die Unzulänglichkeit der alten Göttervorstellungen als
Grundlage für die Bestimmung einer sittlichen Haltung bringt nicht nur
Euthyphron zweite Definition [a] und [b] zu Fall - Sokrates machte offenbar in
vielen Unterredungen auf sie aufmerksam. Man müsse sich ja auch eingestehen,
über diese Dinge nichts zu wissen[12]. Die Kritik des Sokrates, dass mit der
Definition des Frommen als des Gottgeliebten nicht das Wesen (οὐσία), sondern
ein diesem Wesen anhaftender Zustand (πάθος τι) aufgewiesen sei (lla)[13],
bietet schon den gedanklichen Ansatz einer Vorstellung des Frommen im Gefüge
eines größeren, höheren Ganzen, in dem das Göttliche einen Sinn nur insofern
hat, als es diese Ordnung vertritt oder - wenn man so will - symbolisiert. Nun sind wir bei
der dritten Definition des Frommen angelangt: Sokrates fordert
Euthyphron auf zu betrachten, ob ihm nicht notwendigerweise alles Fromme
gerecht erscheine (lle ff.) und führt ihn dann zu der Aussage, dass das
Fromme ein Teil des Gerechten sei. Und welcher Teil? – „Fromm ist das
Gerechte, soweit es die Pflege der Götter angeht“: τὸ (sc. μέρος) περὶ τῶν θεῶν
θεραπείαν (12e). Doch Euthyphron
hatte zuwenig darüber nachgedacht, wie er θεραπεία auffasse; so führt ihn Sokrates zu einer
Unterscheidung von θεραπεία im Sinne von „Pflege“, „Wartung“ (etwa von Pferden,
Hunden - mit dem Ziel, diesen zu nützen, sie „besser“ zu machen) und im Sinne
von „Dienen“, „Achtungsbezeigung“[14].
Euthyphron versteht leicht, daß eine θεραπεία τῶν θεῶν nur eine dienende (ὑπηρετική)
sein kann. Es wird nicht ausgesprochen, „doch versteht es sich nicht, dass
man nur darum die Götter nicht bessern kann, weil sie gut sind"[15]?
Sokrates frαgt noch, was denn das sei, was die Götter schaffen, indem sie die
Menschen als Diener gebrauchen (14a), erhält auch die Antwort: „viel Schönes“
(πολλὰ καὶ καλά). Euthyphron hat aber überhaupt nicht begriffen, worum es geht.
Der Gedankengang bricht im Grunde genommen hier ab. Es zeigt sich, dass für Euthyphron
jenes „Schöne“ in äußeren Gütern besteht, die ein rechtes „Wissen um Bitte und
Gabe an die Gottheit“ (14d) sichern könne. „Du bist nicht bereit, mich zu
belehren - das ist bei dir offenbar geworden. Denn auch jetzt, da du doch so
nahe am Kern der Sache warst, bogst du wieder ab“ (14c). Der Versuch,
Euthyphron dazu anzuregen, eigene Anschauungen zu überprüfen, zu hinterfragen,
möglicherweise zu ändern, also sich zu bilden, ist
fehlgeschlagen. Wir sind wieder am Anfang angelangt: als ob bisher nichts
gesagt worden wäre, bestimmt Euthyphron die Frömmigkeit als „eine Art
gegenseitige Handelsfertigkeit zwischen Göttern und Menschen“: ἐμπορική τις τέχνη
θεοῖς καὶ ἀνθρώποις παρ’ ἀλλήλων (4. Definition). Es
bleibt bei einer oberflächlichen Demutsgesinnung (auch eine Form von θεραπεία!). Sokrates versucht gar nicht
weiter, Euthyphron aus sich „herauszuholen“ - Möchte Platon damit zeigen, wie
sinnlos es sei, Menschen wie Euthyphron zu einer kritischen Haltung zu bewegen,
tiefer gehende Fragen mit solchen zu erörtern zu versuchen? Die Kreisbewegung des Dialogs steht
wohl in engem Zusammenhang mit der
inneren Bereitschaft des Euthyphron, aus seiner Selbstgerechtigkeit
herauszutreten. Manche Bestimmungen des Frommen wären
- unter anderen Voraussetzungen - durchaus geeignet gewesen, Wahres zu
erfassen: Das Fromme ist in der Tat gottgeliebt - geht man davon aus, dass Gott
gut, vollkommen, unendlich ist, dass er die Menschen liebt, die sich
über mögliche Grenzen im irdischen Leben hinaus nach ihm ausstrecken. Das Fromme ist der Teil des Gerechten, der sich mit dem Dienst an Gott
befasst: Es geht um eine Teilnahme am göttlichen Wirken. Platon versäumte es später nicht,
dies auszuführen: Der Gerechte erhalte im Hades seinen Lohn, mag er auch
infolge seines gerechten Lebens auf Erden Nachteile gegenüber Scheingerechten
erfahren (rep. 366a). Gerechtigkeit müsse im Leben geübt werden, damit die
Seele im Tartaros, bevor sie in das nächste Leben weiterwandere, sich ein
„gutes“ Leben auszuwählen imstande sei (614b-621b). Im „Theaitet“ (176a-d)
greift Platon noch tiefer: Böses müsse es als Gegensatz zum Guten geben. Durch
Dem-Gott-Ähnlich-Werden können wir ihm entfliehen, denn Gott sei in keiner
Weise ungerecht, sondern wie der Gerechteste, und es gebe nichts, was ihm
ähnlicher sei, als den, der der Gerechteste von uns ist. Die Erkenntnis dieses Sachverhalts
nämlich sei wahre Weisheit und Tugend, die Unkenntnis aber offensichtliche
Dummheit und Schlechtigkeit. Nach dem Lebensende werde jener von allem Übel
gereinigte Ort die Bösen nicht aufnehmen; sie müssen weiterleben als Böse unter
Bösen. Auch in den „Gesetzen“ kehrt
(716d-717b) dieser Gedanke wieder: Wer einem Wesen wie Gott lieb und teuer
werden wolle, der müsse ihm ähnlich werden. Für einen guten Menschen sei daher
Opfern, Beten, seien Weihegaben das schönste und wirksamste Mittel zu einem
glücklichen Leben und ihm daher auch ganz besonders angemessen. Denn
verunreinigt in seiner Seele sei der Schlechteste, rein der diesem
Entgegengesetzte. Vergeblich sei daher das eifrige Bemühen um die Götter für
die Unfrommen, für die Frommen aber höchst zweckmäßig. Gott habe den Menschen nach seinem
Bilde geschaffen, so Gregor von Nyssa, damit zwischen dem Menschen und
ihm eine gewisse Verwandtschaft
bestehe. Doch diese Verwandtschaft bestehe nicht im unbeweglichen Rückspiegeln
des Urbilds; sie schaffe vielmehr in der menschlichen Natur eine Sehnsucht,
sich dem zu nähern, dem sie gleicht, einen Elan zum Schönen, dessen Merkmale
sie an sich trägt und von dem sie deshalb auch angezogen wird. Das Verlangen
danach werde hervorgerufen durch die Verwandtschaft zur göttlichen Natur.[16]
„Der Mensch ist mit Leben, Verstand, Weisheit
und all den Eigenschaften erschaffen worden, die des Göttlichen würdig sind,
damit eine jede von ihnen Sehnsucht erwecke nach dem, der ihm verwandt ist.“[17] „Das
Geschöpf näherte sich dem Guten nur durch Teilhabe an dem, der besser ist als
er selbst. Es hat nicht nur einfach angefangen
zu existieren, sondern es musste auch anfangen, im Guten zu leben; und es
befindet sich überdies in einem Zustand des ständigen Beginnens; denn es kann
stets weiter wachsen zum Guten hinan."[18] [1] Der Aufstieg des Moses; übersetzt und
eingeleitet v. M. Blum, Freiburg im Br. 1963 [2] So verfasste z. B. der Sophist Polykrates eine dem Anytos
in den Mund gelegte Anklagerede gegen Sokrates. Apologien verfassten Platon,
Xenophon, Lysias u. a. Es entstand sogar
eine eigene Literaturgattung von Λόγοι Σωκρατικοί (cf. Arist. poet. 1 144
7b12); Alexamenos v. Teos (cf. Arist. Frm. 72 R) habe als erster solche
verfasst. Zu nennen ist neben Xenophon noch Aischines v. Sphettos, von dem auch
einiges erhalten ist. [3] Nestle-Liebich, Geschichte der
griechischen Literatur 11, Berlin 1963, 8 [4] "... indem
ich versuchte, jeden von euch dazu zu bringen, sich nicht um sein Eigentum zu kümmern,
bevor er sich nicht um sich selbst kümmere, damit er möglichst tüchtig und
einsichtig werde, und sich nicht um das Eigentum des Staates zu kümmern, bevor
er sich um den Staat selbst kümmere, und ebenso auch bei den anderen Dingen ..." [5] cf. P. Friedländer, Platon, Bd. TI,
Berlin 1957 (2. verbesserte und erweiterte AufI.), 77 u. a. [6] A. Lesky, Geschichte der griechischen
Literatur, 553 [7] O. Leggewie (Stuttgart 1978)
übersetzt ἰδέα mit "Urform". [8] Friedländer 78 [9] Schon Xenophanes v. Kolophon (6. Jh.)
spottet über die von Homer und Hesiod geprägte Vorstellung anthropomorpher
Götter; Geburt und Tod, menschliche Gestalt und Stimme, Ortsveränderung,
menschliche Fehlhaltungen wie Ehebruch, Diebstahl und Betrug seien Gott nicht
angemessen; Beweis seien die von Volk zu Volk verschiedenen Götterbilder;
hätten Rinder, Pferde, Löwen bildnerische Fähigkeiten, ihre Götter sähen wie
diese Tiere aus. [10] nach M. Fuhrmann, Aristoteles, Poetik, Stuttgart 1982, 158 [11] cf. Fuhrmann 157 [12] cf. 6b; v. a. Apologie [13]
cf. Friedl. 80 [14] Es sind beide Bedeutungen im
Griechischen völlig geläufig! [15] Friedl. 81 [16] cf. Ruhbach,G.-Sudbrack,J., Große
Mystiker, Leben und Wirken, München 1984, 17 ff. [17] Katechetische Unterweisungen 5, 6 [18] Homilien
über die Seligpreisungen 6
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