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Unsere kleine etymologische "Info" über die "Information" und die "Informatik" weist sogleich den Weg zu einer bildlichen und einer unbildlichen griechischen Prägestätte: Die neusprachliche "Information" geht über die lateinische informatio zurück auf die altgriechische entýposis, beide in der Bedeutung "Einformung, Einprägung". Das griechische Substantiv týpos bezeichnet in seiner eigentlichen Bedeutung den prägenden Schlag des Münzmeisters auf den Schrötling oder des Bildhauers auf den Marmor, in übertragener Bedeutung dann auch die dem rohen Schrötling oder Marmor aufgeprägte Form; von diesem týpos als dem "prägenden Schlag" und dann auch der "geprägten Form" her kommen der ausgeprägte "Typus", der "Typ" oder auch die "Type"; etwa der Menschen-"Typ" samt den abschätzig zitierten "Typen", der Fahrzeug- oder der Flugzeug-"Typ" samt dem "Prototyp" und natürlich die Schrift-"Type" samt typewriter und Typenrad und so überhaupt alles "Typische" im Sinne des aus der gleichen athenischen Prägestätte hervorgegangenen "Charakteristischen".

In klassischer Zeit ist von diesem gleichen Substantiv týpos das Verb typún, "prägen, formen, bilden", abgeleitet worden, und von diesem wieder das Substantiv entýposis, die "Einprägung". Es handelt sich hier freilich um eine "Einprägung" besonderer Art. Das überaus seltene Wort begegnet uns zum ersten und zunächst zum letzten Male im 4. Jahrhundert v. Chr. in Theophrasts Schrift "Über die Sinneswahrnehmung" in der Bedeutung "Sinneseindruck"; Theophrast zitiert dort den knapp hundert Jahre älteren Atomisten Demokritos von Abdera, der "vergleichend" gesagt habe, die entýposis, der "Sinneseindruck", sei von gleicher Art, wie wenn einer einen Abdruck in weiches Wachs einpräge. So ist die prägende entýposis von vornherein auf die bildsame Seele bezogen, die "Eindrücke" aufzunehmen und ihnen wiederum "Ausdruck" zu verleihen vermag und derart buchstäblich
"Informationen" verarbeitet.

 

 


 

Das so anschauliche, selbst so einprägsame Wort ist im Zuge der Einbürgerung der griechischen Philosophie in Rom durch den großen Vermittler Cicero ins Lateinische übersetzt worden, und zwar gleich zweimal: das einemal als impressio, was im Französischen und im Englischen in dieser lateinischen Gestalt und im Deutschen vornehmlich in einer Lehnübersetzung als "Eindruck" fortlebt, und das andere Mal eben als informatio, was sich in unserer eigenen Sprache wie in diesen Nachbarsprachen als Fremdwort lebendig erhalten hat und in jüngster Zeit unter dem Zeichen der "Informatik" weltweit zu neuer und höchster Bedeutung gelangt ist.
In seiner theologischen Schrift "Über das Wesen der Götter" nennt Cicero die Vorstellung von Göttern und ihrer Ewigkeit und Seligkeit eine
informatio, die der menschlichen Seele uranfänglich und unauslöschlich von Natur "eingeformt" und "aufgeprägt" sei. An anderer Stelle bei Cicero stoßen wir auch wieder auf die informatio im Demokritischen, Theophrastischen Sinne eines vorübergehenden, ständig sich ändernden "Sinneseindruck"; und in der Spätantike begegnet uns die informatio bei den Kirchenvätern schließlich auch noch in dem allgemeinen Sinne einer "Prägung" und "Bildung" der menschlichen Seele durch Erziehung und Lehre.
Doch alles dieses sind in der Antike noch vereinzelte Stellen, vereinzelte Schwalben, die noch keinen Frühling machen: Der wirkliche Frühling einer augenblicklichen, weltumspannenden
"Information" und einer alle Lebensbereiche ergreifenden und neu prägenden "Informatik" ist erst in diesem 20. Jahrhundert ausgebrochen, und noch ist nicht abzusehen, welcher heiße Sommer oder kalte Winter ihm noch folgt. Immerhin hat es diese Theophrastische entýposis, diese Ciceronische informatio auf ihrem Siegeszug durch die neue Zeit bis heute schon soweit gebracht, daß noch über die Kürzel "Info" hinaus ein einziges kleines "i" auf den Bahnhöfen oder Flugplätzen schon "Ausdruck" genug ist, der reiselustig beflügelten Seele willkommenen wegweisenden "Eindruck" zu verleihen.  

aus:
Klaus Bartels: Was die Philologen lieben -
27 Wortgeschichten. 
Darmstadt 1996. 

 

 

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