Cyberspace

 

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(...) Cyberspace: so heißt der Raum des Internet, in dem es kein Rechts und kein Links, Oben und Unten, Vorn und Hinten und vor allem kein Nah und Fern mehr gibt. Da liegt nichts mehr hinter dem Mond oder auch nur hinter den Sieben Bergen, da liegen Wildwest und Fernost, Nordkap und Südkap sozusagen um die Ecke, eines wie das andere nur den gleichen Mausklick weit entfernt.
Immerhin hat der "Cyberspace" selbst einen Herkunftsort und sogar zwei: Athen und Rom. Klicken wir einmal auf "Cyber-": Da erscheinen zunächst die englischen cybernetics, die "Steuer-"Wissenschaften der "Kybernetik", sodann der griechische kybernetes, der "Steuermann", samt seiner kybernetike (techne) ,der "Steuermannskunst", und schließlich das Grundwort  kybernan, "steuern". Mehr zur Herkunft des Wortes will und kann uns kein Server servieren: Dieser "griechische" kybernetes ist im Griechischen ein Fremdling gewesen, ohne weitere Verwandtschaft, und wir wissen nicht einmal, aus welchem "Barbaren"-Land es ihn an griechische Küsten verschlagen hat.

Um so klarer liegt der weitere Kurs dieses kybernetes vor Augen. Die Römer, ursprünglich Landratten, sind unter griechischer Flagge zu Seefahrern geworden, und so ist ihre Seemannssprache griechisch geblieben. Der griechische nautes , eigentlich der "Schiffsmann", der "Seemann", läßt sich auf einem römischen Schiff als nauta anmustern; aus griechisch ankyra wird lateinisch ancora, deutsch "Anker"; selbst der griechische peirates (etwa: der's probiert, der's riskiert) räubert in römischen Gewässern als pirata weiter. Entsprechend ist aus dem griechischen kybernan für das "Steuern" eines Schiffes ein lateinisches gubernare geworden, aus dem griechischen kybernetes ein lateinischer gubernator - dem die Römer übrigens eine topmoderne gubernatrix, eine "Steuerfrau", zur Seite gestellt haben.

 

 


 - Ja, hat es denn bei den alten Römern schon Steuerfrauen gegeben ? Natürlich nicht, oder doch nur im übertragenen Sinne: Die Glücksgöttin, die allzeit launenhafte Fortuna, ist einmal eine gubernatrix für das Schiff des Lebens, die - auch im lateinischen weibliche - Redekunst ein andermal eine "Steuerfrau" für das Schiff des Staates. Da sind wir unversehens bei der klassischen Bilderwelt der staatsmännischen (und mittlerweile auch staatsfraulichen) "Steuerkunst" angelangt, die den Wortgebrauch in den modernen Sprachen und in unserem Fremdwortschatz geprägt hat und darin vollkommen verblaßt ist. Wer denkt denn bei einem "Gouverneur" und seinem "Gouvernement" oder etwa gar bei einer altjüngferlich-altmodischen "Gouvernante" noch an eine Steuermannskunst in Sturm und schwerer See ?

Klicken wir zuletzt doch noch auf "-space": Da erscheint in unserem kleinen Etymo-Internet, wer weiß, ob geradewegs vom römischen Kapitol herunter oder irgendwo aus Lateinamerika herüber serviert, hinter dem englischen space das lateinische spatium, der "Raum", und weiter das raumgreifende spatiari, das "Spazieren"-Gehen. Cyberspace-Weltenbummler freilich sind schon um jenes griechischen kybernetes und seines nassen Elementes willen nicht Spazier-"Gänger", sondern Spazier-"Surfer": Steuerkünstler auf dem achten Weltmeer, dem der Info-Wellen. (...)"  

aus:
Klaus Bartels: Was die Philologen lieben -
27 Wortgeschichten. 
Darmstadt 1996.  

 

 

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