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Verantwortung für die Sprache

Ein Hauch von Weisheit und Würde: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (Wittgenstein). Wer einen Begriff verwendet, signalisiert damit, dass er eine gewisse Sicht hat und wünscht, dass mit ihm viele andere in dieselbe Richtung sehen und handeln. Erfolgreiche sprachliche Kommunikation ist umso eher möglich, je mehr die Partner über gemeinsame Interpretationsrahmen verfügen. Der deutsche Altbundespräsident sagte einmal: "Verantwortung für die Sprache zu empfinden, ist ein Teil der Verantwortung aller Bürger für unsere Gesellschaft und für den Staat". Wie wahr! In George Orwells "1984" spielt der "Newspeak" die Neusprache, die semantische Manipulation, die bewusst sinnändernde Verwendung an sich allgemein gültiger Wörter - eine entscheidende Rolle. Die Sprache wird in den Dienst von Ideologie und Konsum gestellt und zum griffigen Mittel der Manipulation missbraucht. Überspitzt formuliert, könnte man sagen, dass Revolutionen heutzutage auf sprachlicher Ebene stattfinden. Statt der Gebäude der Regierung werden die Begriffe besetzt, mit denen sie regiert, die Begriffe, mit denen wir unsere staatliche Ordnung , unsere Rechte und Pflichten und unsere Institutionen beschreiben. Die moderne Revolution besetzt sie mit Inhalten, die es uns unmöglich machen, die freie Gesellschaft zu beschreiben, und damit unmöglich machen, in ihr zu leben.

Ist jedoch einmal der Zeitpunkt gekommen, in dem die wichtigsten unserer freiheitlichen Begriffe für die Beschreibung einer freien Gesellschaft nicht mehr taugen, dann ist die freiheitliche Gesellschaft schon deshalb zerstört, weil sie sich nicht mehr darstellen kann

 


Zweifellos ist der gebildete, kritikfähige und somit mündige Mensch am ehesten in der Lage, sich diesen Methoden zu widersetzen. Wer sich Sorge um die Zukunft seiner Kinder macht, sollte zunächst an sich selbst die Gewissensfrage stellen: "Wozu Bildung?" Sinn der Bildung ist es nicht, Manager heranzuzüchten. Diese muss es selbstverständlich geben. Die Schulen, die sie vor ihrem Wirtschaftsstudium besuchen, sollten ihnen jedoch mehr vermitteln als die Voraussetzungen für ihr Spezialfach. Wenigstens einen Hauch von jener Weisheit und Würde, die von der Antike über die Mönche des Mittelalters und die Humanisten der Renaissance zu uns gekommen ist, einen Hauch von jener Lehre des Seneca, dass die Zeit selbst das Kapital des Menschen und somit durch nichts zu ersetzen ist. Nur wer Zeit (zum Lernen, zum Studium) hat, vermag nachzudenken und Gegenwärtiges im Lichte vergangener Erfahrung zu erkennen. Solange es Eltern gibt, die nur den unmittelbaren und alltäglichen Nutzen vor Augen haben, werden die Barbaren, Volksverdummer, Manipulatoren ihr Werk fortsetzen. Man kann etwa ein Gemälde Tizians photographieren. Wer nur die Photographie kennt, weiß wohl, welche Menschen und Landschaften sich auf dem Gemälde befinden, er hat jedoch keine Vorstellung vom eigenartigen Zauber des Originals, er kennt das Gemälde nicht. Die heute so zahlreich verwendeten billigen Gemeinplätze sind der Boden, auf dem die Barbarei ihre Betonklötze errichtet, die alles Wertvolle, alles Schöne zum Erliegen bringen Orwells "Newspeak" kommt auf leisen Sohlen und stürzt sich auf das Unwissen der Opfer. Man fragte Kung-Fu-Tse einmal, womit er beginnen würde, wenn er sein Land zu verwalten hätte. "Ich würde den Sprachgebrauch verbessern", antwortete der Meister. Wir alle sind aufgerufen, Verantwortung für unsere Sprache zu empfinden!

Dieser Text ist der Zeitschrift GÖD 7-8/94 entnommen,

Autorin: Dr. Erika Danzinger

 

 

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