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VON FRANZ THEODOR BRÜCKE (WIEN) Universitätsprofessor, Vorstand des Pharmakologischen Institutes der Universität
Einem nicht humanistisch Gebildeten die Vorteile des Gymnasiums zu erklären, gleicht der Aufgabe einem Blinden das Wesen der Farbe deutlich machen zu wollen. Von vorne herein muss nämlich die Frage nach dem Wert der griechischen und lateinischen Sprache für das Leben eines dem Gelderwerb und dem wachsenden Lebensstandard voll hingegebenen Menschen dahin beantwortet werden, dass beide zu gar nichts taugen. Denn gerade darin bestand schon vor ihrer höchsten Blütezeit das Wesen der griechischen Denkart (auch wo sie sich auf die Naturwissenschaft richtete), dass Erkenntnis nicht wegen ihrer Nützlichkeit bei der Bewältigung der Umwelt zu schätzen sei, sondern deshalb, weil sie die Tiefe und Reichweite des menschlichen Geistes fördert. Aus diesem Grunde war sie auch von der ebensowenig nützlichen Poesie niemals völlig getrennt. Nun wäre es gerade für einen Naturforscher und Arzt absurd, wenn er es nicht für ein legitimes Ziel der Wissenschaft hielte, dem gesunden und dem kranken Menschen zu dienen. Aber der humanistisch ausgerichtete Arzt wird das Wesen der Heilung nie ausschließlich in der Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit seines Patienten sehen, sondern viel eher darin, dass die Integrität einer vollen menschlichen Persönlichkeit und damit auch die Freiheit ihres geistigen und moralischen Vermögens wieder hergestellt wird. Keineswegs kann man die Forderung nach Lateinunterricht für Ärzte allein damit begründen, dass ihnen das Verständnis von Fachausdrücken erleichtert werden soll. Wichtiger ist wohl das Argument, dass noch vor hundert Jahren alle wissenschaftlichen Arbeiten lateinisch abgefasst waren und daher einem nicht humanistisch Gebildeten die Originalquellen des europäischen Denkens verschlossen sind. Aber die ärztliche Wissenschaft ist unhistorisch und mit Ausnahme einiger Marksteine kennt der Arzt die Literatur seines Faches kaum auf eine Strecke von 50 Jahren. Es wird gewöhnlich zugegeben, dass der Unterricht in der lateinischen Sprache eine wertvolle Schulung des Denkens vermittle. Nur Wenige erkennen aber den hohen Wert der grammatikalischen Schulung, der Präzision und Treue des Ausdruckes für die Erhaltung und Erneuerung der eigenen Muttersprache, deren Verwilderung Hand in Hand geht mit der Verwässerung des Humanismus. Natürlich ist auch das Lateinische die beste Grundlage zum Erlernen moderner (besonders romanischer) Fremdsprachen. Schon darum ist die an den meisten österreichischen Gymnasien eingeführte Regelung, dass zuerst moderne Fremdsprachen und frühestens von der dritten Gymnasialklasse an Latein unterrichtet wird, ein greifbarer Rückschritt gegenüber dem klassischen humanistischen Gymnasium. Immerhin trifft die Ansicht, dass es auf eine Schulung im Denken besonders in der Unterstufe des Gymnasiums mehr ankommt, als auf die Vermittlung von beruflich verwendbarem Spezialwissen, etwas ganz Wesentliches: Von allen Lebewesen hat der Mensch die längste Jugend, in der er formbar bleibt. In dieser Zeit können seine Anlagen zum selbständigen, schöpferischen Denken und seine Fähigkeiten durch eigene Arbeit Wissen zu erwerben, sowie sein Fleiß geschult werden. Dies leistet in hervorragender Weise der Unterricht in den antiken Sprachen und in der Mathematik. Eine verfrühte Belastung des Gedächtnisses mit Spezialkenntnissen führt offensichtlich nicht zu diesem Ziel. Auswendiglernen ohne geistige Durchdringung fördert vielmehr ein unselbständiges unfruchtbares und oberflächliches Denken. Gerade als Hochschullehrer und Prüfer beklagt man es, dass durch die Überfülle von Spezialwissen die Studenten ins ,,Büffeln" kommen, statt Bücher zu lesen, in denen der gedankliche Zusammenhang erklärt wird Es gibt heute auch eine große Zahl von Hochschullehrern auf dem Gebiet der Technik, welche humanistische Maturanten bevorzugen, obwohl diese sich besonders in den ersten Semestern etwa in Chemie, Physik oder in darstellender Geometrie mehr anstrengen müssen als ihre Kollegen aus naturwissenschaftlich ausgerichteten Mittelschulen.
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Wenn nun auch aus den oben genannten Gründen das Lateinische noch von vielen als nützlich angesehen wird, so empfindet man doch das Griechische als gänzlich veraltet und als eine übergroße Belastung. Dies mag für gänzlich Sprachunbegabte gelten, oder für einseitig mathematisch hochbegabte Schüler. Aber was für die geistige Formung durch das Lateinische gilt, das gilt noch weit mehr für das Griechische. Nur dass hier weniger das streng formale Denken als vielmehr die Phantasie, das Gefühl für Schönheit, für die Würde des Menschen vertieft wird und eine durch nichts ersetzbare Verbundenheit mit den Urquellen des europäischen Denkens hergestellt wird. Große Worte! wird man sagen, wenn man das niedrige im Griechischen meist erreichte Niveau in Betracht zieht - und doch ist es so. Wohlwollende Menschen haben gemeint, dass man den geistigen Schatz der antiken Welt den heutigen Menschen doch durch Übersetzungen vermitteln könne. Wer so denkt möge sich daran erinnern, dass etwa in der Dichtkunst eine Übersetzung eine wahre Unmöglichkeit ist und dass auch in den modernen Sprachen ein einziger selbst erarbeiteter Vers mehr bedeutet als ganze Seiten der Übersetzung. Gerade die nicht übertragbare, oft mehr geahnte Nuance ist es, die den Geist ausweitet und ihm Flügel gibt. Wer das nicht sehen kann, möge sich umgekehrt vorstellen, was ihm eine Übersetzung etwa eines Gedichtes von Eichendorff ins Französische sagen würde. Nein, Homer kann voll nur im Urtext begriffen werden. Gewiss gilt das nicht im gleichen Maß für philosophische Schriften, soweit man ihren Inhalt nur reproduktiv, sozusagen durch die Brille eines kompetenten Übersetzers sich aneignen will. Aber heißt das einen Denkinhalt voll ausschöpfen? Nur der kann Gedanken schöpferisch mitdenken, der die Sprache des Denkers versteht. Ebenso kann nur der einen eigenen Stil entwickeln, der schöpferisch denken gelernt hat. Gerade ein Arzt, der feinste Unterschiede im Körperlichen wie im Geistigen wahrnehmen und interpretieren soll, wird solchen Gedanken zugänglich sein. Wir beklagen mit Recht die geringe Originalität, die mangelnde geistige Freiheit, den mangelnden Mut so vieler Menschen, die durch unsere Hochschulen geformt wurden: Es gehört zu den erregendsten und schönsten Aufgaben gerade eines Theoretikers, bei seinen Schülern solche Eigenschaften zu entdecken und zu fördern, und hier kann ich aus eigener Erfahrung sprechen: Von den Assistenten, die ich in zwanzig Jahren als Mitarbeiter gehabt habe und die ihre Fähigkeit zu selbständiger wissenschaftlicher Arbeit bewiesen haben, waren fast alle Schüler des humanistischen Gymnasiums. Ich glaube daher, dass diese Schule bei uns auch heute noch die erfolgreichste ist. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Institution genügt und nichts zu verbessern bleibt. Ich bin vielmehr der Meinung, dass gewiss den naturwissenschaftlichen Fächern noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Besonders trifft das für den Chemieunterricht zu, aber ich leugne entschieden, dass die moderne Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik es notwendig, oder sogar wünschenswert mache, den Unterricht in den alten Sprachen aufzugeben.
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