Bauer

 

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Latein heute

Die Beiträge, welche der Latein- und Griechischunterricht zu den Zeitthemen Umwelt, Frieden, Kultur, Wirtschaft, Werte zu geben vermag, sind aufs Engste mit einem enorm hohen Anspruch an den Unterrichtenden verknüpft, um in unseren Schulstunden "im jungen Menschen den Grund zu legen für eine geschichtsbewusste und zukunftsorientierte Bewältigung der Gegenwart".

Neben allem Streben nach dem Erhabenen sollen unsere Stunden auch noch allen Beteiligten Freude bereiten. Ingrediturque solo et caput inter nubila condit: Es ist für uns eine große Herausforderung, den Kopf - ne conditum quidem! - im Licht des Wahren, Guten und Schönen zu tragen und dabei noch behände über den Erdboden von Klassenbüchern, Hausübungsheften und Schülerschicksalen zu schreiten. Sind wir dieser Herausforderung gewachsen?

Latein heute:

Das eben abgelaufene 20. Jahrhundert hat die Lebenswelt des Durchschnittsmenschen mehr verändert als die 19 davorliegenden Jahrhunderte zusammen. Aus einer im Grunde agrarischen, pyramidal strukturierten Gesellschaft, an deren Spitze ein Mann stand, der sich in Titel und Anspruch auf Gajus Julius Cäsar zurückführte, ist in 100 Jahren die post-industrielle, fraktale und destrukturierte Gesellschaft der Jahrtausendwende geworden, deren Leiter sich vor allem durch Telegenität auszuzeichnen haben.

So betrachtet ist es ohnehin ein kleines Wunder, dass in manchen Ländern wie Österreich noch relativ viele Schüler im Fach Latein unterrichtet werden. Wo das noch der Fall ist, sehe ich eine der wesentlichen Aufgaben dieses Faches in der Kritik jener Kräfte der Geistlosigkeit, die es zum Verschwinden bringen wollen:

 


 Vor 100 Jahren war das als systemerhaltend eingestufte Fach Latein longe lateque im höheren Unterricht präsent, da ihm eine nützliche Rolle in der Ausbildung der den Kaiser unterstützenden Heere ? "des stehenden der Soldaten, des sitzenden der Beamten, des knieenden der Priester" ? zugebilligt wurde. Sicherlich sind Fleiß, Genauigkeit und Disziplin auch heute noch in der Wirtschaft gefragte Tugenden, aber die Aufgabe und vor allem die Chance von Latein liegt heute nicht in der Erhaltung, sondern in der Kritik des herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, gerade darin, dass es unbrauchbar ist für das schnelle Cash, die steile Karriere, die "15 minutes of fame", sondern brauchbar für Reflexion, Erkenntnis und Orientierung ? im Sinne dessen, was der Pädagoge Alfred Schirlbauer in der letzten "Furche" (5/2001, p. 14, leider nicht über Internet verfügbar) schreibt:

"Der Schule wünsche ich ... Entlastung von so genanntem Aktuellen, von zeitgeistigen Trends ? daher auch weniger Lebensnähe als vielmehr Distanz zum Leben. ...Auch der Industrie und Wirtschaft würde es dienen, wenn die Leute wirklich denken könnten. ... Wenn man dieses Herumg?schafteln schon in der Schule hat, wo angeblich die Fähigkeiten ausgebildet werden sollen, die später in der Wirtschaft verlangt werden, dann irrt man sich. Teamfähigkeit oder Flexibilität ergeben sich von selber, wenn man die Leute ins Denken bringt. ..."

Freilich, das den Fun-Kids mitsamt ihren Karriere-Eltern näher zu bringen, ist auch keine leichte Aufgabe.

Dietmar Bauer

 

 

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