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DER JURIST UND DAS GYMNASIUM

VON WALTER ANTONIOLLI (WIEN)

Universitätsprofessor, Präsident des Verfassungsgerichtshofes

Eltern haben bei der Wahl der Schule für ihre Kinder eine schwierige Entscheidung zu treffen. Was kann ihnen der Jurist zur Schulwahl sagen? Berufsziele könnten zunächst entscheidend sein, sie sind es manchmal auch wirklich. In der Regel aber werden Berufsziele noch nicht in einem Alter ausgeprägt sein, dem die Jahre nicht ferne sind, da man Schokoladefabrikant oder Flugzeugführer werden wollte. Überdies werden bei der weiten Streuung der beruflichen Möglichkeiten. die jede Schultype eröffnet, Berufsziele auch nicht in erster Linie entscheidend sein. Viel eher wird man die Schule nach der Begabung der Kinder wählen müssen. Schon in der Volksschule werden ein guter Lehrer und mit den Kindern mitlebende Eltern erkennen können, ob die Begabung des Kindes mehr in die realistische Richtung oder mehr in das Sprachliche geht. Ebensowenig wie man ein realistisch unbegabtes Kind in eine technische Mittelschule schicken wird, ebensowenig wird man ein sprachlich unbegabtes Kind durch das humanistische Gymnasium quälen. Soll man aber das humanistische Gymnasium wählen, wenn das Kind nach beiden Grundrichtungen begabt ist oder wenn sogar die sprachliche Begabung überwiegt?

Es geht zuerst um das Latein. Immer wieder hat man auf den formenden Wert dieser Sprache hingewiesen. Der Jurist könnte dem hinzufügen: Bei welcher Sprache könnte man besser lernen, dass es Regel und Ausnahmen gibt; und in welcher geistigen Welt könnte man besser als in der römischen verstehen lernen, dass dies nicht nur für die Sprache, sondern für alles soziale Leben gilt? Noch mehr aber lernen wir durch das Latein für unser Staats- und Rechtsdenken. Dass Rom nicht nur die Welt erobert und durch lange Zeit beherrscht hat, sondern dass es ein Recht geschaffen hat, mit dem es diese Welt in Ordnung hielt, lesen wir aus jeder Zeile des Cäsar, des Sallust, des Cicero und des Tacitus. Auch wenn wir im Gymnasium nicht die eigentlich juristischen Schriftsteller der alten Welt lesen, erleben wir das Werden des römischen Rechts von den Zwölftafelgesetzen an, bis es im Werk des Justinian vollendet worden ist. Was eine Person, was Eigentum, Besitz, was ein sittenwidriges Rechtsgeschäft ist, wurde damals für alle Zeiten und für alle Völker gedacht. In den römischen Schriftstellern erlebt schließlich der Gymnasiast die res publica, die gemeinsame Sache aller, die auch der größten Opfer würdig ist.

Entscheidend aber für die Wahl des humanistischen Gymnasiums ist das Griechische. Eine andere Welt tut sich hier auf. Mit Aristoteles erfassen wir die Fülle der Welt und ordnen mit ihm ihre chaotischen Erscheinungen. Sein Denken befreit uns von der Verstrickung in der Vielfalt der materiellen und geistigen Welt. Wie oft steht nicht der moderne Mensch, vor allem der Jurist, vor gleichen Aufgaben? Der Vorstoß in das Weltall, die Erschließung der Atomkraft stellen uns die gleiche aristotelische Aufgabe: Erfassung einer chaotischen Fülle von Einzelerscheinungen und ihre Einordnung durch die Kraft des Denkens in ein System der Dinge.

Plato führt uns andere Bahnen des Denkens. Aus der trüben Wirrnis dieser Welt leitet er uns zu den Ideen empor. Darf man einem jungen Menschen die Erkenntnis vorenthalten, dass es eine Idee des Guten, des Schönen, der richtigen Ordnung gibt, die zu erkennen und zu verwirklichen größte Aufgabe des Menschen ist?

Und Sokrates ruft uns durch die Jahrtausende zu, immer wieder der inneren Stimme zu folgen, die uns mahnt, das Richtige zu tun, selbst unter der Gefahr des Lebens. Mit ihm erleben wir am Vorabend seines Todes seine unerschütterliche Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele.

Noch haben wir nicht von dem Erlebnis der Schönheit der Welt und des Menschen gesprochen, die uns das Griechische vermittelt, denn niemals hat das Meer schöner geleuchtet als bei Homer und niemals ist die Gestalt des Menschen reiner erschienen als unter den Händen der griechischen Bildhauer.

Ich wende mich an die Väter, die doch heute noch von dieser Welt träumen, die sie durch alle Fährnisse des Lebens begleitet hat. Lasst auch eure Kinder sie erleben.  


 Entscheidend aber für die Wahl des humanistischen Gymnasiums ist das Griechische. Eine andere Welt tut sich hier auf. Mit Aristoteles erfassen wir die Fülle der Welt und ordnen mit ihm ihre chaotischen Erscheinungen. Sein Denken befreit uns von der Verstrickung in der Vielfalt der materiellen und geistigen Welt. Wie oft steht nicht der moderne Mensch, vor allem der Jurist, vor gleichen Aufgaben? Der Vorstoß in das Weltall, die Erschließung der Atomkraft stellen uns die gleiche aristotelische Aufgabe: Erfassung einer chaotischen Fülle von Einzelerscheinungen und ihre Einordnung durch die Kraft des Denkens in ein System der Dinge.

Plato führt uns andere Bahnen des Denkens. Aus der trüben Wirrnis dieser Welt leitet er uns zu den Ideen empor. Darf man einem jungen Menschen die Erkenntnis vorenthalten, dass es eine Idee des Guten, des Schönen, der richtigen Ordnung gibt, die zu erkennen und zu verwirklichen größte Aufgabe des Menschen ist?

Und Sokrates ruft uns durch die Jahrtausende zu, immer wieder der inneren Stimme zu folgen, die uns mahnt, das Richtige zu tun, selbst unter der Gefahr des Lebens. Mit ihm erleben wir am Vorabend seines Todes seine unerschütterliche Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele.

Noch haben wir nicht von dem Erlebnis der Schönheit der Welt und des Menschen gesprochen, die uns das Griechische vermittelt, denn niemals hat das Meer schöner geleuchtet als bei Homer und niemals ist die Gestalt des Menschen reiner erschienen als unter den Händen der griechischen Bildhauer.

Ich wende mich an die Väter, die doch heute noch von dieser Welt träumen, die sie durch alle Fährnisse des Lebens begleitet hat. Lasst auch eure Kinder sie erleben.

 

 

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