J. Jursitzky

 

HomeJ. Jursitzky


"Wer die Vergangenheit nicht kennt, versteht die Gegenwart nicht und kann nicht versuchen, mit Träumen und Fantasien auf die Zukunft einzuwirken."

(aus: Orania Fallaci: "Die Wut und der Stolz")

 

Ζτημα προσωπικτητος – Eine Frage der Persönlichkeit

von Jennifer Jursitzky

Als Autor eines solchen Textes befindet man sich in der Situation, die der sokratischen Aporie (Verteidigungsrede des Sokrates) nachempfunden werden kann: Der Wissende erachtet die Gedanken für überflüssige Selbstverständlichkeiten, der Unwissende wird, so ist zu befürchten, nichts damit anfangen können oder sie womöglich als überhebliche Bemerkungen empfinden. Nicht vergessen werden darf der Nützlichkeitsfetischist, der, so scheint es, sich die Aufgabe auferlegt hat, unermüdlich die Frage zu stellen: Was kann ich damit anfangen? Es entspricht daher nicht meiner Intention, die sich mir bietende Möglichkeit zu ergreifen und hier Argumente anzuführen, die die Existenz des Griechischunterrichts an unserer Schule rechtfertigen oder gar entschuldigen sollen. Mein Anliegen ist es, ohne die Sprache derer zu sprechen, die ausschließlich an Effizienzkriterien interessiert sind, den Menschen die Bedeutung des Griechischen näher zu bringen, da die Ansicht, man könne "in der heutigen Zeit" eine Bildung dieser Art nicht mehr gebrauchen und man lebe hinter dem Mond, wenn man glaube, man könne sich mit humanistischem Gedankengut in der Arbeitswelt positionieren, zu meinem Bedauern, weit verbreitet ist.

Griechisch, das der Familie der indoeuropäischen Sprachen angehört, wurde seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend auf der südlichen Balkaninsel und im ägäischen Raum gesprochen. Älteste schriftliche Überlieferung, älteste Literatur Europas und, nicht zu vergessen, das Neue Testament wurden in griechischer Sprache verfasst. Die Metamorphose vom Altgriechischen (bis ca. 330 v. Chr.) über die Koine und das Mittelgriechische bis zum Neugriechischen (von 1453 bis zur Gegenwart) entspricht einer kontinuierlichen Entwicklung, die seit über 3000 Jahren ohne Unterbrechung erfolgt, wodurch man wiederum die Möglichkeit erhält, Wandel und Kontinuität einer Sprache über einen dermaßen langen Zeitraum hinweg zu studieren und somit Erkenntnisse über Gesetze der Sprachentwicklung zu gewinnen.  Die Unterscheidung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache bestand schon in der Antike. Wer allerdings Altgriechisch, die Sprache Homers und Platons, bewusst lernt, hat den Schlüssel zur Volkssprache bereits in der Hand, da man im Rahmen des Unterrichts, aufgrund des großen Anteils an Konsonanten, insbesondere im Wortschatz und in der Morphologie, mehr als 60% der gelernten Vokabeln auch im Neugriechischen, mit Berücksichtigung des Klangbildes, gebrauchen kann. Die Griechischgruppe, der fünf SchülerInnen angehören, hat diesen kommunikativen Aspekt  relativ weit verfolgt- freiwillig, sozusagen zusätzlich, soweit entsprechendes Interesse und Bereitschaft, auch Zeit und Arbeit zu investieren, vorhanden war und ist.

Jeder, der sich vorgenommen hat, eine Fremdsprache zu erlernen, wird der Behauptung zustimmen, dass dies nicht nur zwecks Kommunikation geschieht, sondern auch, um sich dadurch dem Denken dieses fremden Volkes zu nähern, um auf diese Art seinen Horizont zu erweitern. Und schon allein aus diesem Grund ist die Auffassung, es handle sich beim Griechischen um eine sogenannte "tote" Sprache, nicht angebracht. In dem Moment, wo man mit einer Denkschule konfrontiert ist, darf der Begriff "tote Sprache" nur noch mit größter Vorsicht bis überhaupt nicht verwendet werden. Diese Ansicht hinter sich zu lassen, ist eine Notwendigkeit, wenn man bedenkt, welche zeitgerechte und modern erscheinende geistige Grundlage sich hinter dem Griechischen verbirgt. Der Schüler bzw. die Schülerin lernt die Wiege unserer europäischen Kultur, die Basis der Demokratie und die Wurzeln unseres Denkens kennen, die bekanntlich in der griechischen Kunst, Dichtung, Philosophie und im Christentum liegen. Man wird sich der Herkunft und sogar des eigenen Wesens bewusst, da man sich mit den Grundfragen der menschlichen Existenz beschäftigt.

Es sind Fragen und Antworten, die unser Denken und Empfinden bis in die Gegenwart mitbestimmt und geprägt haben: Was ist richtig, was ist gut, was ein glückliches Leben und was ist Wahrheit? - um nur wenige zu nennen. Ein Volk zu finden, welches sich intensiver mit dem Phänomen des Menschlichen auseinandergesetzt hat als das der Griechen, ist nahezu unmöglich. Selbst der Auffassung der Frau als unabhängiges Wesen kommt man mit Persönlichkeiten wie Antigone und Medea, die sich Ungerechtigkeiten nicht gefallen ließen und sich, jede auf ihre Art und Weise, zur Wehr setzten, nach. Man sollte sich von dem Gedanken verabschieden, dass man als "alter Grieche" einen unumgänglichen Blick in die Vergangenheit werfen muss, denn in den meisten Fällen sind es geschichtsorientierte Menschen, die das größte Interesse an Gegenwart und Zukunft hegen.

Es ist, denke ich, kein Geheimnis, dass dem Griechischunterricht nachgesagt wird, er sei sinnlos, man brauche das, was man lernt, nicht, und er sei vor allem in Hinsicht auf ein berufliches Weiterkommen völlig nutzlos. Gut, ich könnte nun damit kontern zu behaupten, was bringe es einem, eine Fremdsprache zu lernen, wenn man später einen Beruf ergreifen möchte, in welchem das Augenmerk auf anderen Kenntnissen ruht. Dann wären wir zwar von der Frage: "Warum die Schule nicht gleich auf das reduzieren, was man später braucht?" nicht weit entfernt. Da Argumente aber nur weitere Argumente provozieren und die Gefahr besteht, sich in einer solchen Debatte immer weiter vom Diskussionsursprung zu entfernen, ist es nicht meine Absicht, diejenigen, die bereits während des Lesens dieser Zeilen mehrmals den Kopf schütteln mussten, mit diesem Bericht zu ärgern.

Falls meine Worte den Eindruck einer Übertreibung wecken, so möchte ich darauf hinweisen, dass die Frage der Legitimierung altsprachlicher Bildung in großer Aktualität erscheint und ich es nur für notwendig erachte, darzulegen, wie es um den Fortbestand des Altgriechischunterrichts in Zukunft steht, vor allem in Hinsicht auf die Stundenkürzungen von unserer Bildungsministerin, bei der ich mich, um die Gelegenheit zu nützen, als Schülerin an dieser Stelle herzlich für die "Entlastung" bedanken möchte. Wenn nämlich schon an der Notwendigkeit Latein zu unterrichten gezweifelt wird, wie lange darf man dann noch mit Altgriechisch rechnen? 

In der vierten Klasse zeichnet sich erstmals die Lage ab. Die Schüler werden mit zwei Sprachen, einer Entscheidung und vielen Meinungen konfrontiert. Plötzlich wollen alle möglichen Leute wissen und darüber bestimmen, was man in Hinblick auf die Zukunft brauche und was nicht. Lehrer, Freunde und Bekannte fühlen sich dazu berufen, subjektive Ansichten und Erfahrungen, die sie im Laufe der Zeit gesammelt haben, nun anzubringen. Ich selbst wurde oft "gewarnt" diese Sprache zu lernen (aufgrund vorher angeführter Gründe). Wie man sieht, bin ich dennoch den Weg gegangen, der mir selbst als richtig erschien und den ich bis jetzt noch keinen Tag bereute gewählt zu haben (auch wenn ich hier nur schwer das Gegenteil zugeben könnte). Die Tatsache, dass ich altgriechisch lerne, heißt nicht, dass es mein Ziel ist, in der Zukunft einen Beruf zu ergreifen, der Altgriechischkenntnisse erfordert. Woran man sich als Schüler der griechischen Sprache allerdings gewöhnen sollte, ist die Ansicht derer, die meinen, man vergeude seine Zeit, eine Sprache zu lernen, die niemand mehr spricht. Es macht mir nämlich fast schon den Eindruck, als existiere die Auffassung, eine Schule könne entweder Französisch oder Altgriechisch anbieten, aber nicht beides. Und so soll es nun wirklich nicht sein. Daher halte ich es nur für richtig, den Willen eines Menschen, eine Sprache zu lernen, zu respektieren.

Schwerpunkt dieses Beitrags besteht in folgender Vergegenwärtigung: Altgriechisch soll  nicht darauf reduziert werden, einen erleichterten Zugang zur wissenschaftlichen, politischen und technischen Terminologie wie zu Fremd- und Lehnwörter und Eigennamen mit sich zu bringen, oder auf die Tatsache, dass es Pflichtvoraussetzung diverser Universitätsstudien ist, - nein, im Vordergrund sollte die Förderung der Persönlichkeit stehen, welche von Toleranz, Offenheit, Kritikfähigkeit und somit auch Demokratiereife bestimmt ist.

 

Jennifer Jursitzky, Griechischschülerin der 6a, im Juli 2004


zurück

 

[Home][Latein][Griechisch][locus iocorum][Links]